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FDP in Nürnberg nach Lindners Abgang: Zwischen Bundestags-Aus und Kommunalwahl 2026

Vom Bundestags-Aus zur Sinnfrage in Nürnberg

Am 23. Februar 2025 verpasst die FDP bei der Bundestagswahl mit 4,3 Prozent klar die Fünf-Prozent-Hürde – die Liberalen sind erstmals seit 2013 nicht mehr im Bundestag vertreten. Am Wahlabend kündigt Parteichef und Bundesfinanzminister Christian Lindner an, seine politische Karriere zu beenden und nicht mehr für Ämter zu kandidieren. Es ist ein Einschnitt, der die Partei bundesweit in eine Existenzkrise stürzt – und der in Nürnberg sehr konkrete Folgen hat.

Denn auch hier ist die FDP längst nicht mehr der urbane Liberalismus-Magnet, als den sie sich gern inszeniert. Sie kämpft darum, überhaupt sichtbar zu bleiben – in einem Stadtrat, in dem sie mit einer einzigen Person vertreten ist.


Ein bundesweiter Tiefflug – und eine Partei ohne Parlament

Der Absturz beginnt lange vor dem Wahltag. Bereits 2023/24 fallen die Liberalen in mehreren bundesweiten Umfragen regelmäßig unter die Fünf-Prozent-Marke; Insa sieht die FDP etwa bei vier Prozent. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag stabilisieren sich die Werte nicht – der Parteienzustimmungsindex von Dawum weist die FDP aktuell bei rund 3,3 Prozent aus. Parallel dazu zeigen Insa-Umfragen im Herbst 2025 die FDP konstant bei etwa drei bis 3,5 Prozent – damit wäre sie auch in einem hypothetischen Neuwahl-Szenario weiterhin nicht im Bundestag.


Auf dem Bundesparteitag im Mai 2025 in Berlin zieht Lindner die Konsequenz: Er kandidiert nicht mehr, Christian Dürr wird mit gut 82 Prozent der Delegiertenstimmen zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt. Die FDP erklärt, trotz Bundestags-Aus eine „gestaltende Kraft“ bleiben zu wollen und kündigt ein neues Grundsatzprogramm an.


Doch in der politischen Realität ist die Partei zur außerparlamentarischen Opposition geschrumpft. Der Machtverlust in Berlin verändert auch ihre Rolle in den Kommunen – inklusive Nürnberg.


Nürnberg im Kleinformat: Eine 2-Prozent-Partei mit einem Sitz

In Nürnberg ist die FDP ohnehin nie zu einer Großstadt-Liberalpartei nach Hamburger oder Berliner Vorbild geworden. Bei der Stadtratswahl 2020 kommt sie auf 2,1 Prozent und erhält genau einen der 70 Sitze im Nürnberger Stadtrat. Dieser Sitz wird von Ümit Sormaz gehalten, der 2020 erstmals in das Gremium einzog.


Der Stadtrat ist damit ein Parteienlabor im Kleinformat: CSU, SPD und Grüne dominieren, dahinter rangieren AfD, Linke, Freie Wähler, ÖDP und kleinere Listen – die FDP steht eher am Rand des Spektrums. Anders als in anderen Großstädten, in denen Liberale in Koalitionen als „Zünglein an der Waage“ auftreten, bleibt der Einfluss in Nürnberg begrenzt: Die FDP ist nicht Teil der Rathausspitze, sondern vor allem Impulsgeberin über Anträge und medienwirksame Vorstöße, etwa zur Verkehrspolitik oder Ordnungsthemen.


Wahlbilanzen: Leichte Gewinne in Europa, trotzdem unter der Schwelle

Interessant ist der Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse in Nürnberg. Bei der Europawahl 2024 kommt die FDP in der Stadt auf 3,9 Prozent – ein leichter Zuwachs gegenüber 3,4 Prozent im Jahr 2019. Im Vergleich zu den bundesweiten FDP-Ergebnissen bleibt das zwar solide, aber weit entfernt von einer urbanen Erfolgsgeschichte.


Bei der Bundestagswahl 2025 erreicht die Partei in Nürnberg 4,0 Prozent der Zweitstimmen – etwas weniger als ihr bundesweiter Wert von 4,3 Prozent. Auch in der Großstadt, in der liberale Themen wie Gründerszene, Verkehrswende oder Bürgerrechte eigentlich andocken könnten, gelingt der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde damit nicht.


Das Muster ist klar: Die FDP schafft es, in Nürnberg leicht über ihre tiefsten bundesweiten Umfragewerte hinauszukommen, bleibt aber fast überall knapp unter der Marke, die über Relevanz oder Bedeutungslosigkeit im Parlament entscheidet.


Erste Nürnberger Umfragen: FDP in der Einstelligkeit

Ein Vorgeschmack auf die Kommunalwahl bietet eine frühe, nicht repräsentative „Nürnberger Sonntagsfrage“, durchgeführt von The Nuremberg Times, die im Frühjahr 2024 ein Dreikampf-Szenario zwischen CSU, SPD und Grünen skizziert. In der dazugehörigen Übersicht zur Kommunalwahl 2026 wird für die FDP ein Wert von 1,7 Prozent ausgewiesen – deutlich weniger als bei der Stadtratswahl 2020.


Solche Umfragen haben methodische Grenzen, geben aber eine Richtung vor: Die Liberalen laufen Gefahr, ihren ohnehin knappen Stadtratssitz zu verlieren. In einem fragmentierten Rathaus, in dem neben den großen drei Parteien auch AfD, Linke, Freie Wähler, ÖDP und andere Listen um Aufmerksamkeit konkurrieren, könnte die FDP in der öffentlichen Wahrnehmung schlicht verschwinden.


Kommunalwahl 2026: „Upgrade für Nürnberg“ gegen den Trend

Trotz dieser Zahlen tritt der FDP-Kreisverband Nürnberg offensiv auf. Im September 2025 stellt die Partei ihre Liste für die Kommunalwahl 2026 auf – angeführt wird sie erneut vom amtierenden Stadtrat Ümit Sormaz.


Unter dem Slogan „Upgrade für Nürnberg“ verspricht die FDP ein Programm gegen „ideologisch geprägte Verkehrspolitik“, „zu viel Bürokratie“ und eine hoch verschuldete Stadt. Man setzt klar auf wirtschaftsliberale Kernforderungen: Entlastung für Mittelstand und Verwaltung, infrastrukturelle Modernisierung, schlankere Verwaltung.


In der Metropolregion demonstriert die Partei zudem, dass sie noch personelle Substanz hat: Im angrenzenden Nürnberger Land tritt die ehemalige Bundestagsabgeordnete Kristine Lütke als Landratskandidatin an. Die Botschaft: Die FDP ist zwar aus dem Bundestag geflogen, aber in der Fläche und auf lokaler Ebene nicht verschwunden.


Lindners Abgang – und was davon in der Stadt ankommt

Das Ende der Ära Lindner ist für die FDP mehr als ein Personalwechsel. Nach dem Scheitern der Ampel, dem Ausscheiden aus dem Bundestag und scharfer Kritik an seiner Finanzpolitik erklärt Lindner, er ziehe einen Schlussstrich unter seine politische Laufbahn.


Mit Christian Dürr übernimmt ein Parteimann, der programmatisch eher Kontinuität als Bruch verspricht und die „breite Wähleransprache“ fortsetzen will – inklusive Fokus auf wirtschaftliche Freiheit und Entlastung. Für kommunale Wahlkämpfer in Nürnberg bedeutet das: Sie können weiterhin auf ein klar marktwirtschaftliches Profil setzen, haben aber keinen bundespolitischen Rückenwind mehr.


Gleichzeitig schwelen innerparteiliche Konflikte – etwa um den Umgang mit der AfD und die strategische Positionierung zwischen Union und einem wachsenden rechten Rand. Diese Debatten dringen auch in die lokale Basis durch und erschweren die einheitliche Erzählung, wofür „die FDP“ eigentlich stehen soll.


Die strategische Wette der FDP Nürnberg

Vor diesem Hintergrund ist der Nürnberger Kurs eine doppelte Wette:

  1. Wette auf Themen statt Stimmung:Die FDP hofft, dass klassische Kommunalthemen – Verkehr, Finanzen, Verwaltung – in Nürnberg stärker zählen als bundespolitische Lagerlogik. Ihr Narrativ vom „Upgrade für Nürnberg“ versucht, Unzufriedenheit mit der Verkehrspolitik und der Haushaltslage in ein liberal geprägtes Reformversprechen zu übersetzen.

  2. Wette auf Personen statt Prozente:In Kommunalwahlen spielen Persönlichkeiten eine größere Rolle als Parteimarken. Sormaz ist als Stadtrat, Bürgervereins-Vorsitzender und lokal präsenter Politiker bekannt – sowohl durch Initiativen im Verkehr als auch durch kontroverse Debatten etwa um Unterkünfte und städtische Projekte. Die FDP setzt darauf, dass dieses persönliche Profil mehr Stimmen mobilisiert, als es die aktuellen Prozentwerte vermuten lassen.


Szenarien für März 2026

Was heißt das für die Kommunalwahl am 8. März 2026? Drei grobe Szenarien zeichnen sich ab:

  • 1. Status quo light:Die FDP kratzt wieder um die zwei Prozent und hält ihren einen Sitz im Stadtrat – möglicherweise knapp. In diesem Fall bliebe sie eine kleine, aber hörbare Stimme, die vor allem über Nischenthemen und pointierte Kommunikation sichtbar bleibt.

  • 2. Absturz unter die Wahrnehmungsschwelle:Wenn sich bundespolitische Frustration und lokale Konkurrenz überlagern, könnte die FDP unter die Ein-Prozent-Marke rutschen. Das würde das Ende ihrer Repräsentanz im Nürnberger Stadtrat bedeuten – und die Partei im urbanen Raum weiter marginalisieren.

  • 3. Überraschungs-Comeback:Denkbar, wenn die großen Parteien sich im Wahlkampf verheddern, Protestwähler nicht zur AfD abwandern und die FDP ein sehr lokales, alltagsnahes Profil schärft – etwa bei Wirtschaftsförderung, Digitalisierung der Verwaltung oder pragmatischen Verkehrslösungen. Dafür gibt es bislang wenig empirische Anzeichen, aber Kommunalwahlen haben ihre eigenen Gesetze.


Was vom Liberalismus in Nürnberg bleibt

Die FDP in Nürnberg steht damit stellvertretend für die Lage der Liberalen in Deutschland Ende 2025: programmatisch nicht völlig bedeutungslos, institutionell aber geschwächt, ohne Bundestagsfraktion, mit neuen Führungspersonen – und auf kommunaler Ebene stark von einzelnen Gesichtern abhängig.


Ob im März 2026 noch ein gelbes Fähnchen im Nürnberger Stadtrat weht, wird weniger an Christian Dürr in Berlin als an der Frage hängen, ob es der lokalen FDP gelingt, Liberalismus als konkrete Stadtpolitik zu erzählen – jenseits von Prozentzahlen, aber in einem Klima, das für kleine Parteien härter geworden ist.


Bildquelle:Ümit Sormaz

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