Die König-Jahre: Bilanz der ersten Amtsperiode des Nürnberger Oberbürgermeisters Marcus König
- Kevin Kienle

- vor 5 Tagen
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Ein Oberbürgermeister im Stresstest der Zeitenwende
Als Marcus König am 1. Mai 2020 das Amt des Nürnberger Oberbürgermeisters übernahm, war das gleich in mehrfacher Hinsicht ein Bruch mit der Vergangenheit: Er war erst der zweite CSU-Politiker überhaupt, der das seit Jahrzehnten SPD-geprägte Rathaus eroberte – und er trat sein Amt mitten in der Corona-Pandemie an.
In der Stichwahl setzte sich der damals 39-jährige Banker mit 52,2 Prozent gegen den SPD-Kandidaten Thorsten Brehm durch, die SPD verlor damit eine ihrer kommunalen Hochburgen. König versprach einen „neuen Stil“: bürgernah, digital, wirtschaftsfreundlich – und das Leitmotiv „Wir alle sind Nürnberg“, das in seinen offiziellen Grußworten immer wieder auftaucht.
Fünf Jahre später, kurz vor der Kommunalwahl 2026, hat ihn die CSU bereits einstimmig für eine zweite Amtszeit nominiert. Zeit also für eine Bilanz: Was ist von den ambitionierten Versprechen geblieben – und wo zeigt sich die Grenze eines Oberbürgermeisters, der zwischen Klimazielen, knappen Kassen und wachsender gesellschaftlicher Polarisierung navigieren muss?
Machtwechsel mit Masterplan: Was König versprach
König ist kein klassischer Verwaltungsmann, sondern kommt aus der Finanzbranche: Nach einer Bankausbildung arbeitete er lange für Dresdner Bank und Commerzbank, zuletzt als Abteilungsdirektor. Politisch war er seit Jugendzeiten in JU und CSU aktiv, 2008 zog er in den Stadtrat ein, später als Verkehrs- und dann als finanzpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion.
Im Wahlkampf 2020 setzte er Schwerpunkte bei:
Stadtentwicklung und bezahlbarem Wohnraum
Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, inklusive Perspektive einer neuen U-Bahn-Linie U4
Digitalisierung der Verwaltung
Familienförderung und Bildung.
Gleichzeitig bekannte er sich früh zu Klimaschutzzielen – allerdings stets mit dem Zusatz, Nürnberg müsse „wirtschaftlich stark“ bleiben. Dieser Spagat zwischen ökologischem Anspruch und klassisch wirtschaftsnaher CSU-Politik zieht sich wie ein roter Faden durch seine Amtszeit.
Corona, Ausgangssperren, Böllerverbot: Der Krisen-OB
Die ersten beiden Jahre seiner Amtszeit standen ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Nürnberg war zeitweise bayernweiter Hotspot, die Inzidenz überschritt Ende 2020 Werte von über 300. Die Stadt ergänzte die bayerischen Verordnungen durch eigene Allgemeinverfügungen – inklusive nächtlicher Ausgangssperre und strengeren Kontaktregeln.
König rechtfertigte den harten Kurs mit deutlichen Worten: „Es führt in Anbetracht der hohen Werte kein Weg an Ausgangsbeschränkungen und weiteren wirkungsvollen Maßnahmen vorbei“, erklärte er im Dezember 2020.Parallel forderte er ein bundesweites Böllerverbot zu Silvester, um Krankenhäuser und Rettungsdienste zu entlasten.
Kritik und Späturteil der Gerichte
Die Linie fand durchaus Zustimmung, König wurde in städtischen Verlautbarungen als „empathisch, entschlossen, zukunftsgewandt“ beschrieben. Gleichzeitig gab es Proteste gegen die Maßnahmen; mehrere hundert Menschen demonstrierten in Nürnberg gegen Maskenpflicht, Geschäftsschließungen und Ausgangssperren.
Juristisch bekam die harte Linie später Risse – nicht spezifisch Nürnberg, aber in Bayern insgesamt: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof erklärte die landesweite nächtliche Ausgangssperre aus dem Frühjahr 2020 nachträglich für unverhältnismäßig; der Bund bestätigte diese Einschätzung.Damit steht König formal auf dem Boden der damals geltenden Rechtslage, aber politisch hinterlässt die Episode einen ambivalenten Eindruck: Er agierte konsequent, aber in Teilen auf einer Grundlage, die später als zu schwerer Grundrechtseingriff bewertet wurde.
Hinzu kommt: Zwischen April 2020 und Frühling 2021 wurden allein in Nürnberg mehr als 6000 Anzeigen wegen Verstößen gegen Corona-Regeln gestellt – ein Indikator für die Belastung des gesellschaftlichen Alltags durch die von Stadt und Freistaat durchgesetzten Maßnahmen.
Knappe Kassen, große Worte: König und der Stadthaushalt
Finanzpolitisch startete die König-Ära in einer denkbar ungünstigen Konstellation: Corona-Einbrüche, Energiekrise, Inflation. Die Stadt musste mehrfach sparen; ein „Sparhaushalt“ wurde 2022 nur unter deutlichen Einschnitten beschlossen. König argumentierte, das Paket sichere die „finanzielle Handlungsfähigkeit“ der Stadt.
Mit dem Haushalt 2024, der vom Stadtrat mit großer Mehrheit beschlossen und von der Regierung von Mittelfranken genehmigt wurde, versucht die Stadtspitze den Spagat: Konsolidierung und gleichzeitige Investitionen. König betonte, Nürnberg könne damit weiter in Bildung, Betreuung, Klima- und Umweltschutz, Infrastruktur, Verkehrswende sowie Wissenschaft und Wirtschaft investieren.
Wie „nachhaltig“ ist der „nachhaltige Haushalt“?
Offiziell wird der Etat 2024 als Schritt zu einer „nachhaltigen Stadt“ gerahmt. Eine detaillierte Analyse der Plattform Relevanzreporter kommt allerdings zu einem differenzierten Bild: Zwar gebe es gezielte Mittel für Klima und soziale Infrastruktur, gleichzeitig blieben viele Posten intransparent, und es sei unklar, ab wann sich Nürnberg tatsächlich „nachhaltig“ nennen könne.
Hinzu kommt: Bereits 2021 war absehbar, dass ausgerechnet bei der Umsetzung des Mobilitätsbeschlusses – also der Verkehrswende – Einsparungen drohen, weil Personal und Mittel fehlen. Aus kritischer Perspektive wirkt das wie ein Muster der König-Jahre: Der OB setzt große Leitziele, aber bei der konkreten Umsetzung entscheidet am Ende der Rotstift, nicht das Klimaschutzziel.
Verkehrspolitik: Zwischen Radentscheid und Milliardentunnel
Mobilitätsbeschluss und schleppende Verkehrswende
Auf Druck des Radentscheid-Bündnisses, das 2020 über 26.000 Unterschriften sammelte, verabschiedete der Stadtrat einen Mobilitätsbeschluss, der viele Forderungen des Bürgerbegehrens übernahm: ein durchgängiges, sicheres Radwegenetz, „Vision Zero“ bei Verkehrstoten, Vorrang für Fuß- und Radverkehr und ÖPNV.
Seitdem wurden tatsächlich neue Fahrradstraßen ausgewiesen und Infrastrukturprojekte angestoßen – allerdings nicht ohne Konflikte. Berichte über neue Fahrradachsen zeigen, wie autoorientierte Gewohnheiten, Parkplätze und Lieferverkehre immer wieder aufeinandertreffen. Kritiker bemängeln, dass die Stadt sich im Tempo der Umsetzung verzettele und häufig nur punktuell reagiere, statt einen klaren, stadtweiten Umbauplan zu verfolgen.
Parallel dazu hat Nürnberg sich Klimaziele gesetzt: Die Stadtverwaltung soll bis 2035 klimaneutral werden, ein integriertes Klimaschutzkonzept wurde 2025 fortgeschrieben; insgesamt strebt Nürnberg Klimaneutralität bis 2040 an. Auf dem Papier passt das zu König, der sich gerne zukunftsgewandt gibt – in der Praxis geraten diese Ziele jedoch in Konflikt mit einem seiner größten Infrastrukturprojekte.
Frankenschnellweg: Das umstrittene Prestigeprojekt
Der kreuzungsfreie Ausbau des Frankenschnellwegs inklusive 1,8-Kilometer-Tunnel ist das wohl teuerste und umstrittenste Straßenbauprojekt der Stadt. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof bestätigte 2023 die Planungen und stellte fest, der bisherige Zustand werde den Verkehrsbedürfnissen nicht gerecht. Die Stadtspitze begrüßte das Urteil ausdrücklich.
Gleichzeitig ist der Frankenschnellweg zum Symbol für eine Verkehrspolitik geworden, die im Kern am Auto festhält: Umweltverbände wie der Bund Naturschutz klagten jahrelang gegen den Ausbau, blieben letztlich aber ohne Erfolg – kündigten jedoch weiteren Widerstand an.
Besonders brisant ist die Kostenentwicklung: Die ursprünglich veranschlagten 687 Millionen Euro sind laut Berichten inzwischen auf über eine Milliarde Euro explodiert; der Baubeginn wurde durch Klagen und neue Prüfungen bis mindestens Herbst 2026 verschoben. König wiederum attackierte öffentlich die Umweltverbände und warf ihnen vor, ein zentrales Verkehrsprojekt „bewusst ausgebremst“ zu haben – zulasten vieler Nürnbergerinnen und Nürnberger.
Kritisch betrachtet stellt sich die Frage, ob eine Milliarde für einen Autobahntunnel in einer Stadt, die sich Klimaneutralität auf die Fahnen schreibt und beim Ausbau von Radwegen, ÖPNV und Fußwegen hinterherhinkt, noch zeitgemäß ist. Der OB argumentiert mit Lärmschutzwänden, neuen Radwegen und einem Park auf der Tunneldecke. Aber der strukturelle Fokus bleibt: Schlanke Autoverkehre werden als Kern moderner Mobilität behandelt – und nicht als Problem.
Wohnen: Neubauziele erreicht, Lage weiter angespannt
Nürnberg wächst, die Nachfrage nach Wohnraum bleibt hoch. König hat früh angekündigt, den Wohnungsbau zu beschleunigen und mit einem „Bau-Turbo“ auf Flächenknappheit und Preissteigerungen zu reagieren. In einem Interview betonte er bereits 2022, für rund 4600 geplante Wohnungen fehle es aktuell an Bauflächen – ein strukturelles Problem der Stadtentwicklung.
2023 gelang es Nürnberg erstmals, das seit Jahren anvisierte Ziel von 2000 neuen Wohnungen im Jahr zu erreichen. Trotzdem stuft eine städtische Untersuchung den Markt weiterhin als „angespannt“ ein.
Gleichzeitig brachen die Neubauzahlen im privaten Wohnungsbau zeitweise drastisch ein; Prognosen sprachen von einem Rückgang neuer Wohnungen um mehr als 50 Prozent – eine Folge steigender Baukosten und Zinsen.
Die Bilanz fällt daher zwiespältig aus: König kann sich zurecht auf wachsende Neubauzahlen berufen, doch strukturell bleibt Nürnberg eine Stadt, in der Mieten steigen und günstiger Wohnraum knapp bleibt. Die kommunale Wohnungspolitik setzt stark auf Neubau und die wbg als kommunales Wohnungsunternehmen – Instrumente wie eine stärkere Regulierung von Umwandlungen, Airbnb oder spekulativem Leerstand spielen öffentlich eine geringere Rolle.
Innenstadt und Wirtschaft: Events gegen den Leerstand
Kaum ein Symbol für die Transformation der Stadt ist so sichtbar wie die Nürnberger Innenstadt: Leerstände, wechselnde Ketten, Abwanderung in Einkaufszentren und Onlinehandel. Die Stadt reagierte mit einem Maßnahmenpaket, das Events und Marketing in die Altstadt bringen soll – 200.000 Euro sind für 2025 vorgesehen, um die Aufenthaltsqualität und Attraktivität zu steigern.
Parallel dazu gibt es ein Ansiedlungs- und Leerstandsmanagement mit digitalem Leerstandsmelder, das versucht, Zwischen- und Nachnutzungen zu organisieren.
Politisch prägend ist König hier vor allem als Gesicht einer CSU, die auf verlängerte Öffnungszeiten und sogenannte „Einkaufsabende“ setzt. Ein entsprechender Vorstoß zur Belebung der Innenstadt scheiterte zunächst im Stadtrat, die Rathaus-CSU hofft aber weiter auf einen Kompromiss.
Aus kritischer Perspektive bleibt der Eindruck eines Flickenteppichs: punktuelle Events, Einkaufsabende, Pop-Up-Lösungen – ohne tiefergehende Strategien zu Mietniveaus, Nutzungsmischung, Verkehr in der Altstadt oder der Rolle von Wohnen in der Innenstadt. König präsentiert sich als Unterstützer des Einzelhandels, aber die großen Linien der Innenstadtentwicklung bleiben unscharf.
Politikstil und Werte: Modern, konservativ – oder beides?
Im persönlichen Auftritt gilt König als nahbar, medienaffin, eher hemdsärmelig. Die Nürnberger Nachrichten attestierten ihm zur Halbzeit „gute Chancen“ für 2026, sprachen aber auch von naiven Momenten und einer bislang schwachen Opposition.
Der Funkhaus Nürnberg verlieh ihm 2023 sogar einen eigenen Award – ausdrücklich als Anerkennung für seine Präsenz in Radioformaten und Podcasts wie dem gemeinsamen „Stadtgespräch“ von Funkhaus und Stadt.
Inhaltlich bewegt sich König in einer Linie, die man als modern-konservative Mischung beschreiben kann – mit Spannungen:
In der Migrationspolitik sprang er CDU-Chef Friedrich Merz in der umstrittenen „Stadtbild“-Debatte bei. Zwar betonte König, Deutschland brauche Migration, vor allem von Menschen, die hier arbeiten und leben wollen. Gleichzeitig stellte er kriminelle oder ausreisepflichtige Personen stark in den Fokus – in einer Debatte, in der SPD, Grüne und Linke Merz bereits Rassismus und AfD-nahe Rhetorik vorgeworfen hatten. Für eine Stadt, die sich selbst als „bunt und vielfältig“ inszeniert und in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine eigene oder familiäre Zuwanderungsgeschichte hat, ist das eine riskante Schwerpunktsetzung.
Beim Umgang mit Rechtsextremismus geriet die Stadtspitze zuletzt unter Druck: Eine rechtsextrem beeinflusste Demo direkt vor der Lorenzkirche, wo kurz zuvor der Nürnberger Menschenrechtspreis verliehen worden war, löste scharfe Kritik von Grünen, SPD, Linke Liste und der Allianz gegen Rechtsextremismus aus. König reagierte mit einem öffentlichen Antwortschreiben, verteidigte sich und versuchte zu erklären, wie es zu der Genehmigung kam.
Diese Beispiele zeigen: König will einerseits das Bild einer modernen, liberalen Stadt wahren, greift andererseits aber gerne auf klassische konservative Narrative von „Sicherheit“ und „Ordnung“ zurück. Die Linie, die er zieht, ist schmal – und nicht immer überzeugend begründet.
Fazit vor der Wahl 2026: Eine gemischte Bilanz
Nach knapp einer Amtszeit lässt sich die König-Ära in Nürnberg weder als Erfolgsgeschichte noch als Scheitern erzählen – sie ist widersprüchlich:
Stärken:
In Krisen wie Pandemie, Energiekrise und Haushaltsengpässen hat König schnell und entschlossen gehandelt, auch wenn nicht jede Maßnahme rückblickend rechts- oder verhältnismäßig war.
Die Stadt hat ihre Klimaziele konkreter gefasst, die Verwaltung soll bis 2035 klimaneutral werden; ein neues Klimaschutzkonzept liegt vor.
Beim Wohnungsbau wurden Neubauziele erstmals erreicht, trotz schwieriger Marktbedingungen.
Schwächen und offene Baustellen:
Die Verkehrswende bleibt trotz Mobilitätsbeschluss deutlich hinter dem Anspruch zurück. Der milliardenschwere Frankenschnellweg-Tunnel steht symbolisch für eine alte, autozentrische Logik, die mit den Klimazielen schwer vereinbar ist.
Die Innenstadtpolitik setzt stark auf Events und Öffnungszeiten statt auf strukturelle Antworten zu Mieten, Nutzungsmischung und Verkehr.
In Fragen von Migration und Rechtsextremismus zeigt sich eine kommunikative Unsicherheit: König versucht, Härte im Sicherheitsdiskurs zu zeigen, riskiert dabei aber, das Bild des weltoffenen, menschenrechtsorientierten Nürnberg zu beschädigen.
Die entscheidende Frage für eine mögliche zweite Amtszeit wird daher sein: Gelingt es König, die großen, langfristigen Projekte – Klimaneutralität, soziale Wohnungspolitik, echte Verkehrswende, eine lebendige Innenstadt – aus der Logik des Krisenmanagements zu lösen und strategisch zu denken? Oder bleiben die König-Jahre eine Zeit, in der viel moderiert, aber wenig grundlegend verändert wurde?
2026 werden die Nürnbergerinnen und Nürnberger nicht nur über eine Person abstimmen, sondern über die Frage, ob dieser Kurs für die nächste Dekade ihrer Stadt ausreicht.




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