Thomas Estrada (Freie Wähler): „Zuhören, abwägen, machen“
- Kevin Kienle

- vor 57 Minuten
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Kommunalwahl 2026 in Nürnberg: Mit Thomas Estrada schicken die Freien Wähler einen Kandidaten ins Rennen, der Sicherheit, pragmatische Stadtentwicklung und wirtschaftliche Entlastung ins Zentrum stellt. Im Gespräch mit The Nuremberg Times spricht der 40-Jährige über Nachtflugverbot, Wohnungsnot, Frankenschnellweg – und darüber, warum Regeln wieder spürbare Konsequenzen haben sollten.
Wer ist Thomas Estrada?
Thomas Estrada ist 40 Jahre alt, gelernter Polizist und seit rund neun Jahren im Bereich Extremismusprävention tätig. Er hält Vorträge, organisiert Workshops und berät zu politisch motiviertem Extremismus. Zur Politik kam er nach eigenen Angaben über diese Arbeit – vor fünf bis sechs Jahren trat er den Freien Wählern bei.
2026 kandidiert er nicht nur für den Stadtrat, sondern auch als Oberbürgermeisterkandidat seiner Partei. Seit vier Jahren ist er Kreisvorsitzender der Freien Wähler in Nürnberg.
Seinen politischen Stil beschreibt er in drei Worten: „zuhören, abwägen, machen“.
Freie Wähler in Nürnberg: Neustart nach internen Konflikten
Die Nürnberger Freien Wähler blicken auf turbulente Jahre zurück. Nach der Kommunalwahl 2020 zogen zwei Stadträte für die Partei ein, traten später jedoch aus. Teile der damaligen Vorstandschaft lösten sich von der Partei und gründeten die „Freie Allianz“.
Estrada bewertet diese Phase rückblickend als „Glücksfall“: Die Partei habe sich personell und programmatisch neu aufgestellt und gehe nun mit einer veränderten Führung und neuen Themen in die Wahl 2026.
Charakteristisch für die Freien Wähler sei ihre starke regionale Unabhängigkeit. Positionen würden vor Ort entwickelt, nicht von der Landesebene vorgegeben.
Nachtflugverbot: Wirtschaft versus Nachtruhe
Ein zentrales Thema im Nürnberger Norden ist das Nachtflugverbot. Estrada argumentiert, dass sich Umfang und Taktung der Nachtflüge im Vergleich zu früheren Jahrzehnten deutlich verändert hätten. Das pauschale Argument „selbst schuld, wer am Flughafen wohnt“ greife daher zu kurz.
Er plädiert für eine Prüfung eines Moratoriums und spricht sich für eine mögliche Kernruhezeit zwischen 0 und 5 Uhr aus. Zugleich betont er die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens und die Abhängigkeit von Arbeitsplätzen.
Die Herausforderung liegt aus seiner Sicht in der Balance: wirtschaftliche Stabilität sichern, ohne die Lebensqualität der Anwohner dauerhaft zu beeinträchtigen.
Wohnen: Nachverdichtung statt neue Versiegelung
Der Wohnungsmarkt in Nürnberg bleibt angespannt. Estrada nennt mehrere Ursachen: auslaufende Sozialbindungen, fehlende Nachsteuerung und knappe Flächen.
Sein Ansatz setzt auf:
Nachverdichtung auf bereits versiegelten Flächen (etwa Überbauung eingeschossiger Supermärkte)
Umwidmung von Gewerbeleerstand in Wohnraum (beispielhaft nennt er das Schöller-Areal)
Stärkung kommunaler und genossenschaftlicher Bauträger
Erbpachtmodelle, bei denen die Stadt Eigentümerin des Bodens bleibt und nur das Gebäude veräußert wird – mit dem Ziel, Mieten um geschätzt 20–30 Prozent günstiger zu ermöglichen.
Marktregulierung wie Mietpreisbremsen sieht er skeptisch. Stattdessen setzt er auf weniger Bürokratie und vereinfachte Bauformen (Stichwort: Gebäudetyp E).
Verkehr: Pragmatismus beim Franken-Schnellweg
Beim Frankenschnellweg spricht sich Estrada grundsätzlich für eine Lösung aus – auch für einen Tunnelbau zeigt er sich offen, sofern Finanzierung und Nachnutzung der Oberfläche sinnvoll gestaltet werden.
Beim Radverkehr unterstützt er den Ausbau von „Velo-Highways“, also separaten, sicheren Schnellverbindungen, möglichst getrennt vom Autoverkehr. Eine pauschal autofreie Innenstadt lehnt er jedoch ab.
Seine Linie: keine ideologische Verkehrspolitik, sondern funktionale Lösungen.
Wirtschaft: Gewerbesteuer senken, Verwaltung beschleunigen
Als wirtschaftsfreundliche Partei wollen die Freien Wähler die Gewerbesteuer auf Berliner Niveau senken – Nürnberg liege derzeit deutlich darüber.
Zudem fordert Estrada schnellere Genehmigungsprozesse, weniger Bürokratie und eine stärker digitalisierte Verwaltung. Verzögerungen bei Bauprojekten und Gewerbeansiedlungen schadeten am Ende Bürgern und Unternehmen gleichermaßen.
In der Energiepolitik plädiert er für dezentrale Lösungen und eine Vorbildrolle öffentlicher Gebäude bei Photovoltaik und Begrünung.
Sicherheit: „Regeln müssen wieder Konsequenzen haben“
Als ehemaliger Polizist macht Estrada die innere Sicherheit zu seinem Kernthema. Seine Diagnose: Regeln existieren, aber Verstöße blieben zu oft folgenlos – von Ordnungswidrigkeiten bis zu Kriminalitätsschwerpunkten am Hauptbahnhof oder Plärrer.
Er fordert:
Stärkung des kommunalen Außendienstes
Mehr Kontrollen
Ausbau von Videoüberwachung
Konsequente Ahndung von Regelverstößen
Kurzfristig rechnet er sogar mit steigenden Fallzahlen – durch intensivere Kontrollen. Langfristig solle Nürnberg zu den sichersten Großstädten Deutschlands zählen.
Haushaltsprioritäten: Pflicht vor Kür
Angesichts begrenzter Mittel will Estrada gesetzliche Pflichtaufgaben priorisieren – Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser. Freiwillige Leistungen wie Kultur- oder Sportförderung stünden unter größerem Rechtfertigungsdruck.
Eine harte Abwägung, die politische Konflikte vorprogrammiert.
2032: Woran misst sich Erfolg?
Estrada nennt drei Indikatoren:
Mehr Entsiegelung und Begrünung in der Innenstadt
Weniger Leerstand in zentralen Lagen
Messbar höhere Sicherheitswerte
Ob diese Ziele realistisch sind, hängt nicht nur von lokalen Mehrheiten ab, sondern auch von globalen Krisen – eine Unsicherheit, die er selbst einräumt.
Einordnung: Mitte mit klarer Schwerpunktsetzung
Thomas Estrada positioniert sich als Vertreter einer pragmatischen, sicherheitsorientierten Kommunalpolitik mit wirtschaftsliberalen Elementen. Seine Kernbotschaft lautet nicht radikale Veränderung, sondern funktionale Korrektur: weniger Bürokratie, mehr Durchsetzungskraft, gezielte Nachverdichtung statt Flächenexpansion.
Ob diese Mischung aus Ordnungsfokus und wirtschaftlicher Entlastung in einer vielfältigen, sozial heterogenen Stadt wie Nürnberg mehrheitsfähig ist, wird die Kommunalwahl 2026 zeigen.
Quelle Bild: Freie Wähler




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