Britta Walthelm will Nürnbergs erste Oberbürgermeisterin werden – mit mehr Grün, weniger Tunnel und klarer Kante gegen Populismus
- Kevin Kienle

- vor 14 Minuten
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Die Kommunalwahl 2026 rückt näher, und mit ihr die Frage, wie Nürnberg in den kommenden Jahren aussehen soll: dichter oder grüner, autozentriert oder multimodal, pragmatisch verwaltet oder strategisch umgebaut?
Im Podcast von The Nuremberg Times skizziert Britta Walthelm, Oberbürgermeisterkandidatin der Grünen, ihre Vision für die Stadt. Ihr Anspruch: Nürnberg klimafest machen, soziale Infrastruktur stärken und politische Debatten versachlichen. Der Ton ist nüchtern, die Agenda ambitioniert.
„Nürnberg ist eine liebenswerte Stadt. Aber wir müssen in vielen Bereichen besser werden“, sagt Walthelm zu Beginn des Gesprächs.
Klimaanpassung als Jahrhundertaufgabe
Walthelm ist seit Jahren Umwelt- und Gesundheitsreferentin der Stadt. Ihr Kernthema bleibt auch im Wahlkampf das Klima – allerdings nicht abstrakt, sondern konkret im Stadtraum gedacht.
Ein aktuelles Klimagutachten prognostiziert deutlich mehr Hitzetage, längere Dürreperioden und häufiger Starkregen. Walthelm spricht von einem „Stadtumbau, wie wir ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt haben“.
Ihre Vorschläge reichen von großflächiger Entsiegelung über Dach- und Fassadenbegrünung bis zu neuen Wasserflächen in der Innenstadt. Selbst für den Hauptmarkt bringt sie einen Brunnen mit Wasserspiel und temporäre Sonnensegel ins Spiel. Besonders im Fokus: die dicht bebaute Süd- und Südweststadt, wo Hitze besonders stark wirkt.
Die politische Zuspitzung ist klar: Im Zweifel wäre sie bereit, Bauprojekte zugunsten von Grünflächen zu hinterfragen.
Wohnen: Nicht nur bauen, sondern klüger verteilen
Beim Thema Wohnraum setzt Walthelm auf eine Doppelstrategie. Neubau bleibt notwendig – bevorzugt durch Genossenschaften und die städtische Wohnungsbaugesellschaft, um dauerhafte Sozialbindungen zu sichern.
Gleichzeitig plädiert sie für eine effizientere Nutzung bestehender Flächen: Aufstockungen, Dachausbauten, Umwandlung leerstehender Gewerbeflächen. Allein 426.000 Quadratmeter Gewerberaum stünden leer, so ihre Zahl.
Die Umnutzung sei komplex, aber möglich. Das ehemalige Quelle-Areal oder die geplante Umwandlung eines Siemens-Gebäudes in Berufsschulen nennt sie als Beispiele.
Ihr zentrales Argument: Nürnberg könne sich Neubau „auf der grünen Wiese“ immer weniger leisten – ökologisch wie flächenpolitisch.
Verkehr: Alternativen statt Tunnel
Kaum ein Thema polarisiert so stark wie die Verkehrspolitik. Walthelm setzt eindeutig auf den Ausbau von Radwegen und öffentlichem Nahverkehr. Der 2021 beschlossene Mobilitätsplan sei bislang nur schleppend umgesetzt worden, kritisiert sie.
Den umstrittenen Frankenschnellweg-Tunnel lehnt sie ab – zu teuer, zu langwierig, zu riskant. Stattdessen favorisiert sie eine oberirdische Lösung mit gebündelten Fahrspuren und einem neuen Stadtteilpark in St. Leonhard.
Ihr Kernargument ist fiskalisch wie strategisch: Ein Milliardenprojekt könne zum „Fass ohne Boden“ werden und Mittel binden, die für Parks, Schulen oder Radwege fehlten.
Sicherheit: Prävention vor Symbolpolitik
Beim Thema Sicherheit versucht Walthelm, sich bewusst vom zugespitzten Wahlkampfton abzusetzen.
Am Hauptbahnhof brauche es ausreichend Ordnungskräfte und gute Beleuchtung, betont sie. Gleichzeitig verweist sie auf soziale Ursachen von Unsicherheit: Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit, fehlende medizinische Versorgung.
Ein Drogenkonsumraum bleibt für sie Teil der Lösung – bislang scheitert das Vorhaben am Freistaat. Repression allein reiche nicht aus. Ihr Leitmotiv: „So viel Repression wie nötig, so viel Prävention wie möglich.“
Wirtschaft: Qualität vor Quadratmeter
Als Tochter eines Bauunternehmers kennt Walthelm nach eigener Aussage die Perspektive der Wirtschaft. Nürnberg müsse attraktiv bleiben, Genehmigungsprozesse beschleunigen und in berufliche Bildung investieren.
Doch sie setzt qualitative Kriterien: Zukunftstechnologien statt reiner Flächenexpansion, Zurückhaltung bei neuen Logistikzentren außerhalb des Hafens. Gewerbesteuer sei wichtig – aber nicht um jeden Preis.
Haushalt: Sparen durch Struktur, nicht durch Kahlschlag
Angesichts angespannter Kommunalfinanzen sieht Walthelm Einsparpotenzial vor allem in effizienteren Verwaltungsprozessen, Digitalisierung und kritisch überprüften Bauprojekten.
Zugleich fordert sie strukturelle Reformen der kommunalen Finanzausstattung durch Bund und Land. Leistungsfähige Kommunen seien Grundpfeiler demokratischer Stabilität – ein Argument, das über Nürnberg hinausweist.
Kultur: Große Häuser, kleine Szenen
Bei der Sanierung des Opernhauses und der Umgestaltung der Kongresshalle plädiert Walthelm für eine Balance: Interimsspielstätte ja – aber auch Räume für freie Szene und Nachtkultur.
Kultur dürfe kein Prestigeprojekt für wenige bleiben, sondern müsse die urbane Identität der gesamten Stadt widerspiegeln.
Führungsstil und Anspruch
Auf die Frage nach ihrem Führungsstil antwortet sie mit Zurückhaltung: verbindend, ruhig, entscheidungsfähig – Eigenschaften, die sie in der Pandemie unter Beweis gestellt habe.
Ihr Erfolgskriterium für 2032 formuliert sie klar: eine sichtbar grünere Stadt, bessere Mobilität ohne Autozwang, gerechtere Bildungschancen und ein Hortplatz für jedes Kind.
Und nicht zuletzt: Nach 975 Jahren Stadtgeschichte wäre Nürnberg bereit für seine erste Oberbürgermeisterin.
Einordnung: Zwischen Pragmatismus und Systemkritik
Walthelm positioniert sich weniger als Aktivistin, mehr als strukturorientierte Reformerin. Ihre Strategie setzt auf Umbau statt Bruch, auf Priorisierung statt Symbolpolitik.
Ob das in einem zunehmend polarisierten Wahlkampf trägt, wird sich zeigen. Klar ist: Der grüne Wahlkampf in Nürnberg wird 2026 nicht über Moral geführt – sondern über Stadtplanung, Haushaltsarithmetik und Hitzegrade.
Wer die Positionen der Grünen mit denen anderer Parteien vergleichen möchte, findet im Nürnberger Wahlnavigator zur Kommunalwahl Nürnberg 2026 eine zusätzliche Orientierung. Das Tool stellt 30 Thesen zu lokalen Themen auf und gleicht die eigenen Prioritäten mit den Positionen der antretenden Parteien und Listen ab – unabhängig, überparteilich und kostenfrei unter https://wahlnavigator-nuernberg.de/.
Quelle Bild: www.britta-walthelm.de




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