Marcus König: „Wir alle sind Nürnberg“
- Kevin Kienle
- 25. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Warum der Oberbürgermeister Marcus König erneut kandidiert – und was er für die Stadt gelernt hat
Wenn Marcus König über Nürnberg spricht, dann spricht er nicht über ein Amt, sondern über Heimat. Geboren 1980, aufgewachsen zwischen fränkischer Provinz und Nürnberger Internat, Banker mit 21 Jahren Berufserfahrung – und seit 2020 Oberbürgermeister. Im Auftakt der Oberbürgermeister-Serie von The Nuremberg Times erklärt König, was ihn politisch geprägt hat, warum Kompromisse für ihn kein Zeichen von Schwäche sind und weshalb er trotz Dauerbelastung erneut kandidiert.
Vom Internat ins Rathaus
Königs Lebenslauf ist alles andere als klassisch politisch. Hauptschule, Wirtschaftsschule, Ausbildung zum Bankkaufmann, später leitender Angestellter und Abteilungsdirektor in Nordbayern – erst danach das Rathaus. Politik habe ihn früh interessiert, sagt er. Auslöser seien zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen gewesen: der Bundestagswahlkampf 1994 mit Helmut Kohl auf dem Nürnberger Hauptmarkt – und sein Unverständnis über segregierte Schulklassen ohne echte Integration. „Das muss man anders machen“, erinnert er sich.
Der Weg in die CSU begann pragmatisch – und menschlich. Nach Besuchen bei Jusos und Grünen blieb er schließlich bei der Jungen Union hängen. „Vielleicht waren es die Kugeln Eis“, sagt er lachend. Entscheidend sei das Gespräch gewesen. Seit 2008 sitzt König im Stadtrat, seit 2020 steht er an der Spitze der Stadtverwaltung.
Ein Amt mit drei Säulen – und wenig Freizeit
Oberbürgermeister zu sein, beschreibt König als Dreiklang: Chef einer Verwaltung mit rund 12.600 Beschäftigten, Vorsitzender und Moderator eines Stadtrats ohne feste Mehrheiten – und Repräsentant Nürnbergs nach außen. „Es ist kein Familienjob“, sagt er offen. Arbeitstage von frühmorgendlichem Joggen bis spätabends seien die Regel, Termine auch am Wochenende.
Familienzeit finde vor allem im Urlaub statt. Dass Angehörige diese Belastung mittragen, werde häufig unterschätzt. Zugleich betont König, dass er den Job bewusst so intensiv ausübt: nah bei Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, Verbänden.
Politik als Brückenbau
Dass im Nürnberger Stadtrat keine Partei über eine absolute Mehrheit verfügt, hält König für einen Vorteil. Politik sei wie Partnerschaft: ohne Kompromisse funktioniere sie nicht. Der Stadtrat sei kein Parlament, sondern eher mit einem Aufsichtsrat vergleichbar, der den „Vorstand Stadt“ kontrolliere. Das Ergebnis: In den vergangenen Jahren seien rund 94 Prozent der Beschlüsse einstimmig gefasst worden.
Stadtbild, Kritik und die Frage der Perspektive
Nürnberg werde in sozialen Netzwerken oft schlechtgeredet, beobachtet König. Er widerspricht. Die Stadt habe mit Altstadt, Burg, Fußgängerzone und kurzen Wegen enorme Qualitäten. Gleichzeitig verschweigt er Probleme nicht: Obdachlosigkeit, Müll im öffentlichen Raum, struktureller Wandel im Einzelhandel.
Die Antwort der Stadt sei Investition in Aufenthaltsqualität: mehr Bäume, neue Plätze, sanierte Straßen. Beispiele wie die Lorenzer Altstadt, der Obstmarkt oder die bevorstehende Umgestaltung der Breiten Gasse sollen zeigen, wie öffentliche Investitionen private Investitionen nach sich ziehen. Dass Luxusmarken und internationale Unternehmen wieder in die Innenstadt kommen, wertet König als Vertrauensbeweis.
Wirtschaft als Fundament
Ohne wirtschaftliche Stärke, sagt König, sei kommunale Politik nicht finanzierbar. Die Gewerbesteuereinnahmen seien in seiner Amtszeit deutlich gestiegen, ebenso die Zahl der Arbeitsplätze. Investitionen von Unternehmen wie MAN, Siemens Energy oder aus der Halbleiter- und Automobilzulieferbranche seien Ergebnisse einer bewusst wirtschaftsfreundlichen Politik.
Zugleich betont er die Bedeutung von Wissenschaft und Innovation: Forschung, Ausgründungen und industrielle Anwendung müssten enger verzahnt werden, um Wertschöpfung in der Region zu halten.
Digitalisierung – aber für alle
Nürnberg zählt bei der digitalen Verwaltung bundesweit zur Spitzengruppe. Hunderte Leistungen sind online verfügbar, interne Prozesse automatisiert, erste KI-Anwendungen im Einsatz. Dennoch warnt König vor technokratischem Eifer: Nicht alle Menschen wollten oder könnten digital kommunizieren. „Digitale und analoge Wege müssen parallel bestehen“, sagt er – auch als Frage demokratischer Teilhabe.
Selbstkritik und Lehren
Rückblickend bezeichnet König die Corona-Jahre als die größte Belastung seiner Amtszeit. Entscheidungen seien unter enormem Zeitdruck gefallen. Kritisch sieht er zudem das gescheiterte ICE-Werk: Ein Projekt, das aus seiner Sicht zu früh politisiert wurde, bevor Verfahren abgeschlossen waren. „Manchmal muss Politik abwarten können“, sagt er.
Warum er weitermacht
Warum also erneut kandidieren? Die Antwort fällt schlicht aus: „Weil ich meine Stadt liebe.“ Er fühle sich energiegeladen genug, weitere sechs Jahre Verantwortung zu übernehmen. Nürnberg sei ein Gemeinschaftsprojekt – und Politik am Ende immer persönlich.
Einordnung
Das Gespräch zeigt einen Oberbürgermeister, der auf Ausgleich statt Zuspitzung setzt. König inszeniert sich weniger als Visionär denn als Moderator: bodenständig, wirtschaftsnah, kompromissorientiert. Ob dieses Modell in Zeiten zunehmender Polarisierung trägt, wird die Kommunalwahl am 8. März 2026 zeigen.
Quelle Bild: Stadt Nürnberg
