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Starker Standort, müde Konjunktur: Nürnbergs Wirtschaftsbilanz zur Jahresmitte - Die Wochenend-Analyse

Rekordeinnahmen bei der Gewerbesteuer, Beschäftigung auf sehr hohem Niveau, ein Bruttoinlandsprodukt von rund 38,2 Milliarden Euro: Die Stadt Nürnberg hat Ende Juni mit der Broschüre „Wirtschaftsstandort Nürnberg – Positionsbestimmung 2026“ eine betont zuversichtliche Bilanz ihres Standorts vorgelegt. Nahezu zeitgleich zeichnet die IHK Nürnberg für Mittelfranken ein deutlich trüberes Bild: Ihr Konjunkturklima-Index fiel im Frühjahr zurück unter die Marke von 100 Punkten, jedes fünfte Unternehmen der Region plant nach Angaben der Kammer auf absehbare Zeit keine Investitionen mehr.


Beide Befunde beschreiben dieselbe Wirtschaft, und beide sind belegt. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man Struktur und Konjunktur auseinanderhält: Die Substanz des Standorts ist intakt, die Erwartungen der Unternehmen sind es nicht. Für Nürnberg entscheidet sich in den kommenden Monaten, ob die konjunkturelle Schwächephase vorübergeht, bevor sie die Substanz erreicht.


Ein genauerer Blick auf beide Datensätze lohnt deshalb gerade jetzt. Er zeigt, woher die Stabilität kommt, wo die Bruchstellen liegen – und warum die Investitionszurückhaltung der Unternehmen die kritischste Größe dieses Sommers ist.


Was die Stadt vorlegt: Substanz in Zahlen

Die vom Wirtschafts- und Wissenschaftsreferat veröffentlichte „Positionsbestimmung 2026“ bündelt zentrale Kennzahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung und ordnet Nürnberg – das nach eigener Darstellung zu den zehn großen Wirtschaftsräumen Deutschlands zählt – im Vergleich der großen deutschen Städte sowie im regionalen und bundesweiten Kontext ein. Das Bild, das sie zeichnet: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt mit rund 320.600 weiterhin auf sehr hohem Niveau. Nach Angaben der Wirtschaftsförderung ist die Beschäftigung in den vergangenen zehn Jahren um elf Prozent gewachsen – und damit stärker als die Einwohnerzahl der 548.000-Einwohner-Stadt.


„Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist es wichtig, die Entwicklung eines Wirtschaftsstandorts anhand verlässlicher Daten und Fakten zu beurteilen“, sagt Dr. Andrea Heilmaier, Wirtschafts- und Wissenschaftsreferentin der Stadt. Die Positionsbestimmung zeige, dass Nürnberg über eine robuste Wirtschaftsstruktur verfüge und seine Position als bedeutender Industrie- und wichtiger Digitalstandort in Deutschland behaupte.


Die Struktur, auf die sich diese Einschätzung stützt, ist breiter als in vielen vergleichbaren Städten: ein überdurchschnittlich hoher Industrieanteil mit starker Konzentration wissensintensiver Industrien, ein Beschäftigtenanteil in der Informations- und Kommunikationswirtschaft deutlich über dem Durchschnitt der großen deutschen Städte, dazu ein Einzelhandel, der überdurchschnittliche Pro-Kopf-Umsätze erzielt und Kaufkraft aus dem Umland bindet. Die Exportquote der Nürnberger Industrie beziffert die Wirtschaftsförderung auf über 50 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt der Metropolregion auf 181 Milliarden Euro.


Getragen wird diese Struktur von rund 25.000 Unternehmen. Zu den größten Arbeitgebern mit mehr als 1.000 Beschäftigten am Standort zählen neben Siemens und Siemens Energy unter anderem Bosch, DATEV, Diehl, MAN, N-ERGIE, die Nürnberger Versicherungsgruppe und Semikron Danfoss. Die Branchenpalette reicht von Energie- und Elektrotechnik, Maschinenbau und Automatisierung über Softwareentwicklung, Rechenzentren und KI-Anwendungen bis zu Medizintechnik, Finanzdienstleistungen und E-Commerce. Dazu kommt die Lage: Als Verkehrsknoten mit internationalem Flughafen, ICE-Anschluss und dem Main-Donau-Kanal samt dem größten Güterverkehrszentrum Süddeutschlands wirbt die Stadt um Ansiedlungen.


714 Millionen Euro Gewerbesteuer: Der Rekord, der die Stadt handlungsfähig hält

Die Ertragskraft dieser Unternehmen zahlt unmittelbar auf den städtischen Haushalt ein. Mit rund 714 Millionen Euro erreichten die Gewerbesteuereinnahmen im Jahr 2025 einen neuen Höchststand; sie bleiben die wichtigste Einnahmequelle der Stadt. Mehr als die Hälfte der kommunalen Steuereinnahmen stammt aus dieser einen Steuerart – sie finanziert damit einen wesentlichen Teil dessen, was Nürnberg in Infrastruktur, Bildung und Stadtentwicklung investieren kann.


Das ist mehr als eine Fußnote der Kämmerei. In einer Phase, in der viele deutsche Kommunen unter Haushaltsdruck stehen, verschafft der Rekordwert Nürnberg Spielraum – und macht die Stadt zugleich abhängig von der Ertragskraft ihrer Unternehmen. Ob sich das Niveau im laufenden Jahr halten lässt, geht aus den veröffentlichten Unterlagen nicht hervor; eine Prognose für 2026 enthält die Positionsbestimmung nicht.


„Die Vielfalt unserer Wirtschaftsstruktur ist eine große Stärke Nürnbergs“, betont Heilmaier. „Industrie, Digitalwirtschaft, Dienstleistungen und Handel tragen gemeinsam dazu bei, dass unser Wirtschaftsstandort auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten stabil bleibt.“


Arbeitslosenquote in Nürnberg: hohes Niveau, sichtbare Bremsspuren

Ungetrübt ist das Bild allerdings nicht – das räumt auch die Stadt ein. Die Zahl der Arbeitslosen ist 2025 gestiegen; die gesamtwirtschaftliche Flaute macht sich auch in Nürnberg bemerkbar. Im Städtevergleich bleibt die Position gleichwohl günstig: Ende 2025 wies Nürnberg die fünftniedrigste Arbeitslosenquote unter den größten deutschen Städten auf, für Mai 2026 führt die Wirtschaftsförderung im selben Vergleich den viertniedrigsten Wert – und eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. Zum Jahresende 2025 waren zudem mehr als 4.200 offene Stellen gemeldet.


Der Bundestrend gibt dabei wenig Rückenwind. Im Mai 2026 lag die Arbeitslosigkeit bundesweit bei 2,95 Millionen Menschen – zwar 58.000 weniger als im Vormonat, aber 31.000 mehr als ein Jahr zuvor; die Quote betrug 6,3 Prozent. Die Arbeitskräftenachfrage hat sich nach Einschätzung der Bundesagentur auf niedrigem Niveau stabilisiert; im Mai waren bundesweit 643.000 Arbeitsstellen gemeldet, 8.000 mehr als ein Jahr zuvor. „Trotz eines Rückgangs der Arbeitslosigkeit ist die Frühjahrsbelebung in diesem Jahr nicht wirklich in Fahrt gekommen“, bilanzierte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, bei der Vorstellung der Zahlen. Dass sich der Nürnberger Arbeitsmarkt in diesem Umfeld leicht verbessert, ist bemerkenswert – ein Selbstläufer ist es nicht.


Die Gegenrechnung der IHK: Stimmung unter der 100-Punkte-Marke

Wie fragil die Lage bleibt, zeigt die Mitte Mai vorgelegte Frühjahrsumfrage der IHK Nürnberg für Mittelfranken, die die Konjunktur in der Region dreimal jährlich erhebt. Der Klimaindex fiel unter die Marke von 100 Punkten – zu Jahresbeginn hatte er mit 102,0 Punkten erstmals seit fast zwei Jahren wieder darüber gelegen. Nun gewinnen die pessimistischen Erwartungen wieder die Oberhand. Zwar melden die Unternehmen eine etwas verbesserte Geschäftslage – doch geopolitische Spannungen wie der Iran-Konflikt trüben aus Sicht der IHK die Aussichten massiv und ersticken die zarte Belebung im Keim.


Zur Einordnung: In den vergangenen zwanzig Jahren war die Stimmung in der mittelfränkischen Wirtschaft nur nach der Finanzmarktkrise 2008 und in der Corona-Zeit schlechter, wie der Nürnberger Wirtschaftsdienst NUE-NEWS unter Berufung auf die Umfragedaten berichtet.

Als größte Risiken nennen die befragten Unternehmen hohe Energie- und Rohstoffpreise (70 Prozent), die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (64 Prozent) und die hohen Arbeitskosten (62 Prozent). Ein Lichtblick bleibt die Auslandsnachfrage: Anders als die weiterhin schwachen Bestellungen aus dem Inland erreicht sie mit 24 Prozent Zustimmung den besten Wert seit fünf Jahren.


Investitionszurückhaltung als eigentliches Risiko

Die aus Sicht des Standorts kritischste Zahl der Umfrage ist eine andere: Jedes fünfte IHK-Unternehmen in Mittelfranken hat derzeit keinerlei Investitionsabsichten. „Es finden bei uns praktisch nur Ersatz-Investitionen statt“, so IHK-Chefvolkswirt Udo Raab, den der Wirtschaftsdienst NUE-NEWS zitiert. Die großen Investitionsbudgets, etwa für modernere Anlagen, flössen woanders hin – wenn überhaupt investiert werde.


Die Beschäftigungsplanungen verharren entsprechend bei einem Saldo von minus 13 Prozentpunkten, in der Industrie trotz besserer Auftragslage sogar bei minus 21. Das legt nahe, dass der Beschäftigungsabbau im verarbeitenden Gewerbe der Region nicht allein konjunkturelle, sondern auch strukturelle Ursachen hat.


Der Befund deckt sich mit dem, was das ifo Institut zuvor branchenübergreifend notiert hatte: Drei Probleme belasten die Unternehmen – fehlende Aufträge und schwache Nachfrage, steigende Betriebs- und Energiekosten sowie eine zunehmend belastende Bürokratie. Viele Betriebe berichten dem Bericht zufolge zudem von wachsenden Liquiditätsengpässen, weil ihre Kunden sparen oder insolvent werden; bundesweit sehen laut ifo-Konjunkturumfrage inzwischen 8,1 Prozent der Unternehmen ihren eigenen Fortbestand gefährdet.

Hinzu kommt ein Preisumfeld, das sich zuletzt wieder verschärft hat: Die Inflationsrate in Deutschland stieg im April auf 2,9 Prozent nach 2,7 Prozent im März, getrieben vor allem von den Energiekosten – mit Folgen unter anderem für Baufinanzierungen. Die Europäische Zentralbank hat darauf bislang nicht reagiert, auch die Großhandelspreise als Frühindikator zeigen nach oben. Raab rechnet mit steigenden Zinsen: „Das ist das Gift für die Wirtschaft schlechthin.“


Was für den Standort spricht – und was offen bleibt

Gegen den Befund der allgemeinen Investitionsmüdigkeit stehen in Nürnberg einige gewichtige Einzelentscheidungen. Siemens Energy investiert nach Angaben der Wirtschaftsförderung über 220 Millionen Euro in den Ausbau seines Transformatorenwerks und schafft dabei 350 neue Arbeitsplätze. MAN Truck & Bus erweitert den Standort für die Batterie- und Motorenfertigung, SiCrystal baut die Fertigung von Siliziumkarbid-Wafern aus. In der Region, nach Angaben der Stadt die zweitwichtigste Hochschul- und Forschungsregion Bayerns, sollen bis 2030 zudem über 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau des Wissenschaftsstandorts fließen – mit der Technischen Universität Nürnberg, die sich als deutschlandweit erste auf Künstliche Intelligenz spezialisierte Universität entwickelt, als sichtbarstem Projekt. Im Bitkom Smart City Index 2025 belegt die Stadt Platz 8, in der Kategorie Verwaltung sogar Rang 1; die hohe Zahl an Patentanmeldungen gilt der Wirtschaftsförderung als Beleg für die Innovationskraft des Standorts.


Auf dieser Verbindung von Industrie, Forschung und Digitalwirtschaft ruht die Zukunftserzählung der Stadt. „Künstliche Intelligenz wird die wirtschaftliche Entwicklung der kommenden Jahre maßgeblich prägen“, sagt Heilmaier. Nürnberg verfüge mit seiner starken Industrie, leistungsfähigen Forschungseinrichtungen und einer überdurchschnittlich ausgeprägten Informations- und Kommunikationswirtschaft über sehr gute Voraussetzungen, davon zu profitieren: „Viele der Technologien und Anwendungen, die das KI-Zeitalter prägen werden, entstehen bereits heute hier vor Ort.“


Ob diese Wette aufgeht, lässt sich aus keiner der beiden Veröffentlichungen ablesen. Die Positionsbestimmung misst im Kern die Vergangenheit – Beschäftigung, Wertschöpfung und Steuerkraft bis einschließlich 2025. Die IHK-Umfrage misst Erwartungen. Dazwischen liegt die eigentliche Frage dieses Sommers: ob die dokumentierte Substanz stark genug ist, die Durststrecke zu überbrücken, bis Aufträge und Investitionen zurückkehren – oder ob die Zurückhaltung von heute die Kennzahlen von morgen bereits nach unten schreibt. Die nächste Positionsbestimmung wird es zeigen.


Faktenkasten: Nürnbergs Wirtschaft in Zahlen

Kennzahl

Wert

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte

320.595 (Juni 2025)

Beschäftigungszuwachs in zehn Jahren

+11 %

BIP Stadt Nürnberg

ca. 38,2 Mrd. Euro

BIP Metropolregion

181 Mrd. Euro

Gewerbesteuereinnahmen 2025

ca. 714 Mio. Euro (Höchststand)

Offene Stellen (Jahresende 2025)

über 4.200

Arbeitslosenquote im Großstadtvergleich

Ende 2025: fünftniedrigste; Mai 2026: viertniedrigste

IHK-Klimaindex Frühjahr 2026

unter 100 Punkten (Jahresbeginn 2026: 102,0)

IHK-Unternehmen ohne Investitionsabsichten

jedes fünfte

Beschäftigungsplanungen (Saldo)

−13 Punkte (Industrie: −21)

Quelle Bild: Stadt Nürnberg / Moritz Kertzscher

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