„Ein Opernhaus reicht“ – Marion Padua über Mietenstopp, Mobilitätswende und den Streit um den Frankenschnellweg
- Kevin Kienle

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Nürnberg wächst – doch bezahlbarer Wohnraum schrumpft. Die Verkehrswende polarisiert. Und während Millionenprojekte wie Opernhaus-Sanierung und Frankenschnellweg die Haushaltsdebatten dominieren, kämpfen soziale Einrichtungen um vierstellige Beträge.
Im Rahmen unserer Kommunalwahl-Serie spricht Marion Padua, seit 19 Jahren Stadträtin und Spitzenkandidatin der Linken Liste Nürnberg, über Mietenstopp, Leerstand, ÖPNV-Preise, Antifaschismus – und warum sie findet, dass Nürnberg kulturpolitisch „eine Nummer zu groß für den eigenen Geldbeutel“ plant.
Das Gespräch basiert auf dem Podcast-Interview mit Kevin Kienle vom 20. Februar 2026 .
Eine Stadträtin ohne Parteibuch – aber mit klarer Haltung
Marion Padua, 61, gelernte Schriftsetzerin, alleinerziehende Mutter, stammt aus einer Arbeiterfamilie. Gewerkschaftliches Engagement, Betriebsratsarbeit, Elternvertretungen – politische Praxis sei für sie nie Karriereschritt, sondern Selbstverständlichkeit gewesen.
Wichtig ist ihr die Abgrenzung: Die Linke Liste ist kein Ableger der Partei Die Linke, sondern ein kommunales Bündnis, das ausschließlich Nürnberger Stadtpolitik betreibt. Die Partei Die Linke war einst Teil des Bündnisses, trat aber vor acht Jahren aus. Seitdem sitzen beide getrennt im Stadtrat – was laut Padua an Infoständen regelmäßig zu Verwechslungen führt .
Ihr Selbstverständnis: basisdemokratisch, sozialpolitisch konsequent, ohne bundespolitische Ambitionen.
Wohnen: „Der Markt hat versagt“
Padua spricht von einer „skandalösen Entwicklung“ auf dem Wohnungsmarkt. Die öffentliche Hand habe sich über Jahrzehnte zurückgezogen und das Feld renditeorientierten Akteuren überlassen .
Die Kernforderungen der Linken Liste:
Mietenstopp für sechs Jahre – Einfrieren auf heutigem Niveau
Konsequente Durchsetzung der Zweckentfremdungssatzung
Aktives Vorgehen gegen langjährigen Leerstand
Förderung von Genossenschaften und alternativen Wohnprojekten
Aufstockung statt Neuversiegelung
Besonders scharf kritisiert Padua den Umgang mit Leerstand: Sie sammle aktuell Dutzende Immobilien, die seit Jahren – teils seit Jahrzehnten – ungenutzt seien, obwohl die Satzung Leerstand grundsätzlich nur drei Monate erlaube .
Als Vorbild nennt sie Wien: kommunaler Wohnungsbau zu Mieten von vier bis fünf Euro pro Quadratmeter. Nürnberg könne zwar nicht kopieren, aber lernen.
Haushaltspolitik: Opernhaus oder soziale Infrastruktur?
Die schärfste kulturpolitische Kritik richtet sich gegen die Doppelstruktur aus Opernhaus-Sanierung und Interimsbau. „Nürnberg soll ein Opernhaus haben – aber keine zwei“, sagt Padua .
Während für Großprojekte Millionen bewilligt würden, müssten soziale Träger und Beratungsstellen um kleine Beträge kämpfen. Padua spricht von unausgewogener Prioritätensetzung und Lobbyeinfluss .
Auch beim Umbau des Frankenschnellwegs unterstützt die Linke Liste das Bürgerbegehren gegen den geplanten Tunnel. Das Konzept sei veraltet, teuer und stadtentwicklungspolitisch problematisch .
Frankenschnellweg: Stadtstraße statt Stadtautobahn
Juristische Entscheidungen akzeptiert Padua – politisch hält sie das Projekt dennoch für falsch .
Ihre Argumentation:
Der vierspurige Tunnel verfestige die Trennung zwischen Stadtteilen wie Gostenhof und St. Leonhard
Der Lkw-Verkehr werde weiter durch die Stadt gezogen
Das Konzept stamme aus verkehrspolitischen Leitbildern der 1970er- und 1980er-Jahre
Stattdessen plädiert sie für eine moderne Stadtstraße mit Grünflächen, breiten Geh- und Radwegen.
Mobilität: Attraktiv statt restriktiv
Die Linke Liste setzt auf Anreize statt Verbote. Zentrales Instrument: ein günstiger ÖPNV.
Die Forderung nach einem 365-Euro-Jahresticket nach Wiener Vorbild existiert seit 15 Jahren . Derzeit dämpft das Deutschlandticket die Debatte – doch Einzelfahrten seien weiterhin teuer.
Weitere Punkte:
Keine Taktkürzungen
Ausbau geschlossener Radwegenetze
Sozial gerechte Flächenverteilung
Weniger Parkflächen, mehr Aufenthaltsqualität
Klimapolitik: Vorbildfunktion der Stadt
Padua fordert:
Photovoltaik auf städtischen Dächern
Begrünung öffentlicher Gebäude
Konsequenter Ausbau erneuerbarer Energien
Reduktion von „Greenwashing“ durch Zertifikatekauf
Kritisch sieht sie den häufigen „Finanzierungsvorbehalt“ in Klimaplänen – während andere Großprojekte ohne vergleichbare Zurückhaltung beschlossen würden.
Soziale Gerechtigkeit: Kinderarmut als demokratischer Gradmesser
Nürnberg sei wirtschaftlich stabil, argumentiert Padua mit Blick auf Gewerbesteuereinnahmen . Dennoch lebe rund jedes vierte bis fünfte Kind in Armut.
Neben strukturellen Fragen setzt sie auf:
bessere Information zu Sozialleistungen
niedrigschwellige Beratungsangebote
Stärkung von Quartiersarbeit
Erhalt von Kulturläden und Stadtteilzentren
Lebensqualität entstehe im Stadtteil – nicht im Opernhaus.
Antifaschismus als Grundhaltung
Angesichts Nürnbergs historischer Verantwortung sei Antifaschismus kein Politikfeld, sondern Haltung .
Die Linke Liste beteiligt sich an Gegenprotesten zu rechtsextremen Demonstrationen und setzte sich erfolgreich dafür ein, dass Kundgebungen nicht mehr auf der Straße der Menschenrechte stattfinden .
Ihre Kritik an der AfD formuliert Padua deutlich: Deren Sozialpolitik würde ihrer Einschätzung nach vor allem unteren Einkommensgruppen schaden.
Nürnberg 2032: Die Vision
Wenn es nach Padua geht, sieht Nürnberg in sechs Jahren so aus:
Kein Tunnel am Frankenschnellweg
Ein Opernhaus statt zweier Großprojekte
Mittelgroßer Stadionumbau
Mehr Grün, mehr Radwege
Kinderfreundliche Stadtentwicklung
Gelungene Integration als Normalität
„Vielfalt ist Bereicherung und kein Problem“, sagt sie .
Einordnung
Die Linke Liste positioniert sich klar als soziale Korrektivkraft im Stadtrat. Ihre Strategie: Prioritäten verschieben, Großprojekte infrage stellen, Mittel in Quartiere, Wohnungsbau und soziale Infrastruktur umlenken.
Ob diese Linie mehrheitsfähig ist, entscheidet sich am Wahltag. Sicher ist: Die sozialen Fragen dieser Stadt werden bleiben – unabhängig vom Wahlergebnis.




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