Volt Nürnberg zur Kommunalwahl 2026: Europäische Vision, radikale Verkehrswende und digitales Rathaus
- Kevin Kienle

- vor 2 Stunden
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Die junge Partei setzt im Nürnberger Wahlkampf auf ein „Frankenquartier“ statt Frankenschnellweg, konsequente Klimaanpassung und eine digitale, transparente Stadtverwaltung.
Volt positioniert sich zur Kommunalwahl 2026 in Nürnberg als pro-europäische Reformkraft mit klarer Agenda: Rückbau des Frankenschnellwegs zugunsten eines neuen Stadtquartiers, massive Beschleunigung der Verwaltungsdigitalisierung und eine Stadtentwicklung, die Klimaresilienz und soziale Fragen zusammendenkt. Im Gespräch mit The Nuremberg Times betonen Constanze Elter und Christian Penninger den Anspruch, „frischen Wind“ in den Stadtrat zu bringen – mit europäischen Lösungsansätzen für lokale Probleme.
Europa als kommunaler Kompass
Volt versteht sich als paneuropäische Partei, gegründet vor acht Jahren von einem Deutschen, einem Italiener und einer Französin. Die langfristige Vision: die „Vereinigten Staaten von Europa“. Auf kommunaler Ebene bedeutet das laut Penninger vor allem eines: systematischer Blick über den Tellerrand.
Man wolle gezielt prüfen, welche Lösungen in anderen europäischen Städten bereits funktionieren – etwa in Kopenhagen oder Amsterdam – und diese auf Nürnberg übertragen. Europa sei kein abstraktes Projekt in Brüssel, sondern ein praktischer Werkzeugkasten für Stadtpolitik.
Zugleich betont Elter die interne Vielfalt der Partei: Volt sei keine reine „Jungpartei“, sondern generationenübergreifend aufgestellt. Dieser Anspruch auf Diversität soll sich auch in der politischen Praxis widerspiegeln.
Das „Frankenquartier“ statt Stadtautobahn
Deutlich wird Volt vor allem beim Frankenschnellweg. Während das Projekt juristisch grünes Licht erhalten hat, stellt die Partei dessen politische Sinnhaftigkeit grundsätzlich infrage.
Der Vorschlag: Rückbau auf eine einspurige „Frankenallee“, Umwandlung der Flächen in ein neues, klimaangepasstes Stadtquartier mit Wohnraum für mehrere tausend Menschen. Studien der TH Nürnberg werden dabei als Referenz genannt.
Das Argument ist doppelt gelagert:
Stadtentwicklungspolitisch: Eine autobahnähnliche Trasse passe nicht in eine wachsende, verdichtete Stadt.
Haushaltspolitisch: Die erheblichen Investitionsmittel könnten aus Sicht von Volt sinnvoller eingesetzt werden – etwa für ÖPNV, Klimaanpassung oder soziale Infrastruktur.
Dabei erkennt die Partei ausdrücklich den Alltagsfrust vieler Pendler an. Die Alternative zum Ausbau sei jedoch nicht Stillstand, sondern ein strategischer Umbau der Mobilität: Park-and-Ride-Systeme am Stadtrand, Ausbau des öffentlichen Verkehrs und konsequente Verkehrsverlagerung aus dem Zentrum.
Verkehrswende: Langfristigkeit statt politischer Zickzackkurs
Volt kritisiert weniger einzelne Maßnahmen als das Fehlen langfristiger Konsequenz. Mobilitätskonzepte würden häufig begonnen und bei Widerständen wieder zurückgenommen. Stattdessen fordert die Partei klar kommunizierte, über Jahre verlässlich verfolgte Strategien – auch wenn sie anfangs umstritten sind.
Vorbild seien Städte wie Kopenhagen, die den Autoverkehr systematisch reduziert und alternative Mobilitätsformen gestärkt hätten. Bürgerbeteiligung solle dabei integraler Bestandteil größerer Projekte sein, allerdings „mit Augenmaß“ – nicht als pauschales Vetoinstrument.
Wohnen: Umnutzung statt Flächenversiegelung
Angesichts steigender Mieten und wachsender Bevölkerung lehnt Volt eine reine Neubau-Logik ab. Statt weiterer Versiegelung setzt die Partei auf:
Umnutzung von Büroflächen (Stichwort Homeoffice-Folgen),
Aktivierung von Leerstand,
Aufstockungen bestehender Gebäude,
Neuordnung großer Verkehrsflächen wie am Frankenschnellweg.
Bezahlbarkeit und Qualität dürften dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Stadtentwicklung müsse sozial und ökologisch zugleich gedacht werden.
Digitalisierung: Mehr als „keine Faxen“
Mit dem Slogan „Mach keine Faxen“ spielt Volt auf den Digitalisierungsstau an – verweist aber zugleich auf die strukturelle Komplexität des Themas.
Kernforderungen:
Ein zentrales Digitalreferat mit hauptamtlicher Koordination.
Transparente Nachverfolgung politischer Beschlüsse bis zur Umsetzung.
Bessere Informationsangebote für Bürger – etwa durch gebündelte Stadt-Apps.
Digitale Prozesse nur nach vorheriger Prozessoptimierung.
Erhalt analoger Zugänge für Menschen ohne digitale Affinität.
Digitalisierung dürfe nicht zur sozialen Hürde werden. Effizienzgewinne sollten vielmehr genutzt werden, um persönliche Beratung zu stärken.
Klima: Schutz und Anpassung als kommunale Pflichtaufgabe
Volt versteht Klimapolitik als doppelte Aufgabe: Emissionsreduktion und Anpassung an unvermeidbare Folgen.
Konkret genannt werden:
Entsiegelung von Flächen,
mehr Stadtgrün und Wasserflächen,
klimaresiliente Quartiersplanung,
Bürgerbeteiligung bei lokalen Anpassungsmaßnahmen.
Projekte wie in Langwasser-Süd dienen als Referenz für sogenannte Klimaquartiere. Der Tenor: Klimaanpassung ist kein „Luxusthema“, sondern Voraussetzung für langfristige Lebensqualität.
Wirtschaft: Innovationsstandort statt Strukturromantik
Nürnberg wird weniger als klassische Industriestadt verstanden, sondern als Standort für Dienstleistungen, IT und Versicherungen. Volt plädiert für:
ein Innovationszentrum in Kooperation mit Hochschulen,
gezielte Förderung von Start-ups,
stärkere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft,
Forschungsinitiativen etwa im Bereich KI und Cybersicherheit.
Wirtschaftspolitik wird dabei nicht konfrontativ, sondern reformorientiert gedacht – mit klarer Verbindung zu Nachhaltigkeit und Steuergerechtigkeit.
Politische Koalitionen: Klare Abgrenzung nach rechts
Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt Volt kategorisch aus. Mit Grünen, SPD, Politbande oder Piraten sieht man inhaltliche Nähe. Zur CSU und zur Linken bestehen in Teilen Differenzen – insbesondere im Ton und in wirtschaftspolitischen Fragen –, jedoch keine prinzipielle Ausschlusslogik.
Volt präsentiert sich damit als potenzieller Brückenakteur im Stadtrat.
Einordnung: Zwischen Idealismus und Realpolitik
Volt tritt mit ambitionierten Konzepten an – insbesondere beim Frankenschnellweg. Ob sich diese in einem stark fragmentierten Stadtrat durchsetzen lassen, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Partei versucht, europäische Vision mit kommunaler Detailarbeit zu verbinden.
Der Anspruch lautet, nicht nur Forderungen zu formulieren, sondern Prozesse transparenter, strategischer und langfristiger zu gestalten. In einer Stadt, die vor großen Transformationsaufgaben steht, positioniert sich Volt damit als programmatische Reformkraft.
Quelle Bild: Volt Nürnberg




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