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Spahns Geheimtreffen: Fünf Jahre im Netzwerk von Peter Thiel

Ein Datenleck enthüllt die Verbindungen des CDU-Fraktionschefs zu einem Tech-Milliardär, der Demokratie und Freiheit für unvereinbar hält — und wirft grundsätzliche Fragen über die Transparenz politischer Netzwerke auf.

Ein Datenleck hat aufgedeckt, was zwei Jahrzehnte lang im Verborgenen blieb: Jens Spahn, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und früherer Bundesgesundheitsminister, nahm seit 2018 fünfmal an den streng vertraulichen Treffen der „Dialog"-Organisation des US-Tech-Investors Peter Thiel teil. Das Netzwerk, das sich bislang vollständig der Öffentlichkeit entzogen hatte, steht für eine Weltanschauung, die Demokratie und individuelle Freiheit als unvereinbar betrachtet. Die Reaktionen aus der Berliner Politik sind scharf — auch aus dem eigenen Koalitionslager.


Was ist „Dialog" — und wie wurde das Netzwerk aufgedeckt?

Die Organisation „Dialog" wurde 2006 von Peter Thiel und dem Unternehmer Auren Hoffman gegründet. Sie funktioniert nach dem Prinzip der persönlichen Einladung und versammelt Führungskräfte aus Politik, Militär, Geheimdiensten, Wissenschaft und Technologie — allesamt unter strikter Vertraulichkeit. Es gibt keine öffentliche Website, keine Mitgliederliste, keine Pressemitteilungen. Die Treffen finden in wechselnden Ländern statt; auf der geleakten Agenda standen laut Medienberichten Themen wie Schlachtfeldtechnologien, künstliche Intelligenz und die Frage, wie man gesellschaftlichen Einfluss organisiert.


Das Datenleck wurde durch die Schweizer Hacktivist-Aktivistin Maia Arson Crimew ausgelöst: Im Quellcode der Organisation-Website waren zeitweise interne Unterlagen zugänglich, darunter Teilnehmerlisten und ausgefüllte Fragebögen. Das US-Magazin Wired berichtete zuerst, das deutsche Recherchebüro Correctiv griff die Geschichte auf. Unter den 63 bestätigten Teilnehmern fand sich auch Jens Spahn.


Spahns Büro bestätigte die Teilnahme erst auf direkte Anfrage von Correctiv — nicht aus eigenem Antrieb. Demnach nahm Spahn 2018 in Irland, 2019 in Italien, 2022 in Portugal, 2023 in Spanien und 2024 in Deutschland teil. Besonders brisant: Die ersten beiden Treffen fand statt, während Spahn als amtierender Bundesgesundheitsminister im Amt war. Und für das nächste Treffen im August 2026 in Irland hatte er bereits eine Einladung erhalten — die er erst nach Bekanntwerden des Lecks absagte.


Wer ist Peter Thiel — und warum ist das relevant?

Peter Thiel ist in Deutschland geboren, machte als Mitgründer von PayPal Karriere und gründete später Palantir, ein umstrittenes Datenanalyseunternehmen, das auch von deutschen Landesinnenministerien eingesetzt wird. Er gilt als einflussreicher Vordenker der tech-libertären Rechten im Silicon Valley — und als einer der frühen Hauptunterstützer Donald Trumps. In einem viel zitierten Essay aus dem Jahr 2009 formulierte Thiel, er halte Freiheit und Demokratie für unvereinbar.


Seine politische Wirkung beschränkt sich nicht auf Ideen. Für den Wahlkampf des heutigen US-Vizepräsidenten JD Vance, seinen früheren Mitarbeiter, investierte Thiel 2022 rund 15 Millionen US-Dollar in dessen erfolgreichen Senatskampf in Ohio — ein bis dahin einmaliger Betrag für eine einzelne Senatsrace. Thiels Netzwerk wird als einer der ideologischen Taktgeber der neuen amerikanischen Rechten beschrieben, die die MAGA-Bewegung als politisches Vehikel nutzt.

Genau das macht Spahns langjährige, undiskutierte Teilnahme an Dialog-Treffen so erklärungsbedürftig. Als Unionsfraktionsvorsitzender gestaltet Spahn aktiv Gesetzgebung mit, die zentrale Zukunftsfelder betrifft: KI-Regulierung, Datenpolitik, Verteidigung, Sicherheitsgesetze — jene Themenfelder, über die Dialog-Teilnehmer laut geleakter Agenda dezidierte Positionen entwickeln.


Wie reagiert die Politik?

Die parlamentarische Reaktion fiel deutlich aus. SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner erklärte, Thiels Netzwerk stehe für ein Demokratieverständnis, das nichts gemein habe mit den im Grundgesetz verankerten Grundwerten — Rechtsstaat, Menschenwürde, freiheitliche Demokratie. Was auch immer Spahn dort diskutiert habe: Es werde niemals gemeinsame Koalitionspolitik mit der SPD sein, so Stegner. Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Marcel Emmerich, wurde noch schärfer und erklärte, Spahn müsse beantworten, auf welcher Seite er stehe — und für wen er Politik mache.


Spahns Büro wiederum wies jede kritische Interpretation zurück: Thiels Weltbild teile er nicht, Thiel selbst sei ihm bei den Treffen nie persönlich begegnet, und Dialog sei ihm als offenes, respektvolles Format beschrieben worden. Eine Frage ließ Spahns Büro ausdrücklich offen: ob er formell Mitglied der Organisation ist.


Was bleibt — und was bleibt unklar?

Der eigentliche Kern der Debatte liegt nicht in dem, was Spahn bei den Treffen gesagt oder gelernt haben mag. Er liegt in dem, was die Affäre über das strukturelle Transparenzdefizit politischer Netzwerke aussagt: Wir erfahren von solchen Verbindungen ausschließlich durch Datenlecks — nicht durch freiwillige Offenlegung.


Spahn hätte die Teilnahme jederzeit kommunizieren können. Er tat es nicht. Dass sein Büro die fünf Teilnahmen erst bestätigte, nachdem Correctiv ihn mit der geleakten Namensliste konfrontiert hatte, spricht für sich. Wie viele vergleichbare Netzwerke im Verborgenen existieren, ohne dass ein Datenleck sie sichtbar macht, bleibt eine offene — und nach Ansicht der Podcast-Redaktion von The Nuremberg Times eigentlich entscheidende — Frage.


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