Piraten/Humanisten-Spitzenkandidat Lukas Küffner: „Nürnberg muss transparenter, digitaler und sozialer werden“
- Kevin Kienle

- vor 3 Stunden
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Im Podcast-Gespräch zur Kommunalwahl 2026 erklärt der 24-jährige Spitzenkandidat seines Bündnisses, warum Open Source, Wohnraumexperimente und mehr Transparenz im Stadtrat zentral sind.
Kurz vor der Nürnberger Kommunalwahl positioniert sich das Bündnis Piraten und Humanisten mit einem programmatischen Dreiklang: mehr Transparenz im Stadtrat, eine stärkere digitale Souveränität der Verwaltung und neue Ansätze gegen Wohnraummangel. Spitzenkandidat Lukas Küffner (24) kritisiert insbesondere die Abhängigkeit der Stadt von US-Softwarekonzernen, fordert Livestreams aller Stadtratssitzungen und stellt große Infrastrukturprojekte wie den Frankenschnellweg infrage.
Ein junges Bündnis mit kommunalpolitischer Erfahrung
Lukas Küffner gehört trotz seines Alters zu den erfahrenen Köpfen der Nürnberger Piraten. Der 24-jährige BWL-Masterstudent kandidiert bereits zum fünften Mal bei einer Wahl – nach der Kommunalwahl 2020, der Bundestagswahl 2021, der Bezirkswahl 2023 und der Europawahl 2024. Ende 2023 bis Ende 2024 war er zudem Bundesvorsitzender der Piratenpartei.
Für die Kommunalwahl 2026 tritt seine Partei erstmals gemeinsam mit der Partei der Humanisten an. Das Bündnis firmiert offiziell als eingetragener Verein „Piraten und Humanisten“, ein juristischer Kniff, der zukünftige bürokratische Hürden vermeiden soll.
Der Hintergrund: Kleinere Parteien müssen für die Stadtratswahl regelmäßig Unterstützungsunterschriften sammeln. Durch die neue Organisationsform wollen die Beteiligten verhindern, diesen Prozess bei jeder Wahl erneut durchlaufen zu müssen.
Digitale Souveränität statt Microsoft-Abhängigkeit
Ein zentrales Thema des Bündnisses bleibt – klassisch piratisch – die Digitalisierung der Verwaltung. Küffner erkennt zwar Fortschritte bei Online-Behördendiensten in Nürnberg, sieht jedoch strukturelle Probleme.
Die Stadt sei „stark abhängig von US-Firmen“, insbesondere von Microsoft. Für Softwarelizenzen gebe Nürnberg jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag aus. Aus Sicht des Bündnisses sollte die Kommune stattdessen stärker auf Open-Source-Lösungen und europäische Anbieter setzen.
Dabei geht es nicht nur um Kosten, sondern um politische und technologische Souveränität. Angesichts geopolitischer Spannungen sei es problematisch, zentrale Verwaltungsinfrastruktur auf Produkte internationaler Konzerne zu stützen.
Gleichzeitig betont Küffner, dass Digitalisierung inklusiv bleiben müsse. Analoge Behördenwege dürften nicht verschwinden – insbesondere für ältere Menschen.
Frankenschnellweg: Infrastrukturprojekt mit politischem Konfliktpotenzial
In der Nürnberger Verkehrspolitik positioniert sich das Bündnis skeptisch gegenüber dem geplanten Ausbau des Frankenschnellwegs.
Zwar hat der Freistaat Bayern eine Kostenübernahme von etwa 80 Prozent zugesagt, doch selbst der verbleibende Eigenanteil könnte für die Stadt bis zu 200 Millionen Euro betragen. Zudem bezweifelt Küffner, dass diese Kosten stabil bleiben werden – Großprojekte würden erfahrungsgemäß teurer.
Aus seiner Sicht legt das Projekt langfristig eine Verkehrspolitik fest, die weiterhin stark auf Autoverkehr setzt. Gleichzeitig drohe eine jahrelange Bauphase mit erheblichen Belastungen für den innerstädtischen Verkehr.
Das Bündnis plädiert daher dafür, alternative Konzepte – etwa Vorschläge aus Verwaltung oder Umweltpolitik – ernsthaft zu prüfen.
Transparenz als politisches Kernprojekt
Ein zentrales Anliegen der Piraten bleibt die Transparenz politischer Entscheidungen.
Küffner kritisiert, dass Stadtratssitzungen derzeit nur vor Ort verfolgt werden können – typischerweise mittwochs um 15 Uhr. Für berufstätige Bürger sei das faktisch unzugänglich.
Das Bündnis fordert deshalb:
Livestreams aller Stadtratssitzungen
öffentliche Videoarchive der Sitzungen
eine transparente Dokumentation der namentlichen Abstimmungen im Stadtrat
Derzeit werde in Protokollen lediglich festgehalten, ob ein Antrag angenommen oder abgelehnt wurde – nicht jedoch, wie einzelne Stadträte abgestimmt haben. Für Wähler sei es dadurch kaum möglich, politische Entscheidungen nachzuvollziehen.
Mehr Transparenz könne politisches Vertrauen stärken und Bürger stärker zur Beteiligung motivieren.
Wohnraum: Neue Modelle statt nur Neubau
Auch beim Wohnungsmarkt setzt das Bündnis auf mehrere Ansätze.
Zum einen fordert Küffner einen stärkeren Wohnungsbau über kommunale und genossenschaftliche Modelle. Genossenschaften seien ein bewährter Weg, dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Zum anderen will das Bündnis stärker auf bessere Nutzung bestehender Wohnflächen setzen.
Ein Beispiel ist die Reaktivierung von Programmen wie „Wohnen für Hilfe“. Dabei könnten ältere Menschen mit großen Wohnungen oder Häusern günstigen Wohnraum an Studierende oder Auszubildende vergeben – im Gegenzug für Unterstützung im Alltag.
Darüber hinaus schlagen Piraten und Humanisten Mehrgenerationen-Wohnprojekte vor, in denen Studierende, Familien und ältere Menschen gemeinsam leben und sich gegenseitig unterstützen.
Bildungspolitik: Infrastruktur, IT und Mitbestimmung
Im Bildungsbereich sieht Küffner mehrere Baustellen.
Technische Ausstattung allein reiche nicht aus – Lehrkräfte müssten auch im Umgang mit digitalen Werkzeugen geschult werden. Gleichzeitig brauche es professionelle IT-Strukturen an Schulen, statt einzelne engagierte Lehrkräfte mit dieser Aufgabe zu belasten.
Weitere Forderungen des Bündnisses:
feste IT-Stellen an Schulen
Hausmeister an allen Schulstandorten
stärkere Mitbestimmung der Schülervertretungen
Wohnheime speziell für Auszubildende
Gerade Azubis hätten derzeit deutlich schlechtere Wohnbedingungen als Studierende, obwohl auch sie häufig von außerhalb nach Nürnberg ziehen.
Kleine Partei, große Ambitionen
Seit 2014 sind die Piraten mit einem Sitz im Nürnberger Stadtrat vertreten. Das Bündnis hofft nun auf Fraktionsstärke, um mehr politische Gestaltungsmöglichkeiten zu erhalten.
Kooperationen mit anderen Parteien schließt Küffner ausdrücklich nicht aus – im Gegenteil. Kommunalpolitik funktioniere oft pragmatischer als Landes- oder Bundespolitik.
Eine klare Grenze zieht er allerdings:Mit der AfD werde es keine Zusammenarbeit geben.
Einordnung: Politische Nische oder unterschätzter Akteur?
Das Bündnis aus Piraten und Humanisten besetzt Themenfelder, die in der Nürnberger Kommunalpolitik bislang eher randständig sind: digitale Souveränität, Verwaltungs-Open-Source, Transparenzregeln oder alternative Wohnmodelle.
Ob diese Themen genügend Wähler mobilisieren können, bleibt offen. Dennoch zeigt der Wahlkampf, dass auch kleine Parteien Impulse setzen – gerade bei strukturellen Fragen der Stadtverwaltung.
Quelle Bild: Piraten und Humanisten




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