Klopp will die Deutschlandflagge zurückholen – zu Recht?
Am Wahlabend von Berlin und Schwerin streitet „Politikpunks Studio" über Patriotismus, Stolz und Schwarz-Rot-Gold.
Bundestrainer Jürgen Klopp will „die Fahne zurückholen" – ein Satz, gefallen am 17. September 2026 bei seiner ersten Kadernominierung auf dem DFB-Campus in Frankfurt, der seither weit über die Sportseiten hinaus diskutiert wird. Im Podcast Echodialog von The Nuremberg Times greifen Romy Singh und Paul Arzten das Statement am Abend der Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf. Ihr Befund: Klopps Anliegen ist richtig, sein Wort „Nationalstolz" aber trägt nicht – Stolz auf etwas, das man sich nicht erarbeitet hat, führe in die Irre.
Was hat Jürgen Klopp zur Deutschlandflagge gesagt?
Gefragt nach seiner Kappe mit der Aufschrift „Einer von 83 Millionen" in Schwarz-Rot-Gold sagte Klopp: „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen." Er wolle, dass niemand, der die Fahne schwenke, gefragt werde, was mit ihm nicht in Ordnung sei. Und weiter: „Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen." Man könne stolz darauf sein, Deutscher zu sein, „und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich". Klopp, seit Mitte August im Amt, bezog sich dabei ohne Namensnennung auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD am 6. September 43,8 Prozent erreichte und die absolute Mehrheit der Sitze um drei Mandate verfehlte.
Für Singh ist der Satz „erwärmend" – es seien „genau solche Persönlichkeiten, die in den letzten Jahren viel zu leise waren, die es braucht". Gegen die Gefühle, die die AfD bediene – er nennt „Angst, Missgunst, Niedertracht" –, sei „kein vernünftiges Argument gewachsen, sondern nur tiefe Gefühle können Angst bekämpfen".
Wahlabend: AfD vorn in Schwerin, Linke vorn in Berlin
Die Folge wurde aufgezeichnet, während noch ausgezählt wurde. Nach dem vorläufigen Ergebnis liegt die AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit 38,3 Prozent vor der SPD mit 35,5 Prozent; Linke (6,5) und Grüne (5,7) ziehen ein, CDU (4,9) und BSW (4,8) scheitern an der Fünfprozenthürde. Nach dem Wanderungsmodell von Infratest dimap für die ARD gewann die AfD rund 67.000 Stimmen von früheren Nichtwählerinnen und Nichtwählern. In Berlin wird die Linke mit 25,7 Prozent erstmals stärkste Kraft, vor CDU (18,8), AfD (16,3), Grünen (14,3) und SPD (12,1); Spitzenkandidatin Elif Eralp könnte Regierende Bürgermeisterin werden.
Arzten leitet daraus ab, dass die AfD in Schwerin trotz Wahlsieg kaum regieren kann: Ohne das BSW im Landtag fehlt jeder Partner. Eine Zusammenarbeit von CDU und AfD hält Singh für ausgeschlossen: „Welche Basis sollen diese beiden Parteien denn überhaupt finden? Eine Europapartei mit einer sehr europafeindlichen Partei." Den Begriff Protestwähler lehnt er ab, weil hinter Protest für sie „so eine Art grundvernünftiger Gedanke" stehe. Arzten sieht eher Zustimmung als Protest: Frühere Nichtwähler gingen zur Urne, weil „meine Themen werden jetzt angesprochen". Nürnberg ist für Singh kein Gegenbeispiel: Es gebe „ganze Straßenzüge, in denen die AfD einfach die stärkste Kraft ist" – rund um die Frankenstraße, im Westen und in Teilen von Langwasser, mit 24 bis 25 Prozent.
Warum Schwarz-Rot-Gold die Farben der Demokratie sind
Die Farben Schwarz, Rot und Gold gehen auf das Lützowsche Freikorps der Befreiungskriege von 1813 zurück und wurden durch die studentische Burschenschaftsbewegung ab 1815 sowie das Hambacher Fest 1832 zum Symbol der liberalen Nationalbewegung. 1848 erklärte der Deutsche Bund sie zu Bundesfarben; unter ihnen tagte das Paulskirchenparlament in Frankfurt, das erste frei gewählte gesamtdeutsche Parlament. Die Weimarer Verfassung von 1919 machte Schwarz-Rot-Gold zu den Reichsfarben. Wenige Wochen nach der Machtübernahme, am 12. März 1933, schafften die Nationalsozialisten die Flagge per Verordnung ab und ersetzten sie durch Schwarz-Weiß-Rot und die Hakenkreuzfahne. Die verbreitete Deutung – Schwarz für die Knechtschaft, Rot für den blutigen Kampf, Gold für die Freiheit – ist nachträglich, wie Singh betont.
Genau diese Geschichte macht für sie die Vereinnahmung unerträglich: Bei AfD-Kundgebungen sehe man vorn Deutschlandflaggen, in den hinteren Reihen Kaiserflaggen und die Reichskriegsflagge – getragen von Menschen, „ohne zu wissen, was sie da eigentlich spazieren". Arzten ergänzt: „Acht von zehn Personen können dir das nicht beantworten" – unter AfD-Sympathisanten neun von zehn.
Patriotismus ja, Nationalstolz nein – wo die Hosts Klopp widersprechen
Beim Begriff Nationalstolz steigen beide aus. „Für mich schließen sich eigentlich Patriotismus und Nationalstolz ein Stück weit gegenseitig aus", sagt Singh, die sich als Sozialdemokratin und Verfassungspatriotin bezeichnet. Stolz auf eigene Leistung, Familie und Freunde sei legitim, aber „Stolz ist, finde ich, so ein Wort, der führt unweigerlich zu Hochmut". Patriotismus dagegen frage: „Was kann ich für mein Land tun?" – durch Ehrenamt, Arbeit, Steuern. Arzten argumentiert ähnlich: „Du kannst ja nicht aussuchen, wo du geboren worden bist." Auch in den Nationalkader werde man berufen, um zu dienen – nicht, weil man es sich verdient habe.
Kritik an Klopp kommt auch von anderer Seite: Im Sport1-„Doppelpass" bezweifelte der Journalist Nikolaus Blome, dass die Fahne überhaupt „weg" sei – „Die Nationalmannschaft sollte nicht gegen die AfD spielen. Das ist nicht ihre Aufgabe."
Singh und Arzten kommen zum gegenteiligen Schluss. Singh überlegt, einen Fahnenmast in den Garten zu stellen, und fordert, die demokratischen Parteien sollten die Rückeroberung der Flagge bei sich diskutieren; Arzten verweist auf die Grünen, deren Vorsitzende Franziska Brantner erklärt hat, man dürfe die Deutschlandflagge „nicht der AfD überlassen". Den ersten Test liefert der Fußball: Am Donnerstag, 24. September, gibt Klopp in Amsterdam gegen die Niederlande sein Debüt in der Nations League.
Transparenzhinweis: Die Wahlergebnisse sind vorläufige Zahlen vom 20. September 2026. Die Angaben zu AfD-Hochburgen in Nürnberg stammen aus dem Gespräch und wurden nicht mit Wahlkreisdaten abgeglichen.





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