Die Finals in Nürnberg: Zehn-Millionen-Event trotz Haushaltssperre
Die Stadt Nürnberg will die Finals ausrichten, das Multisport-Format, bei dem an einem Wochenende Deutsche Meisterschaften in zahlreichen Sportarten an einem Ort ausgetragen und von ARD und ZDF übertragen werden. Oberbürgermeister Marcus König (CSU) stellte die Interessensbekundung am Donnerstag, 17. September, gemeinsam mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Sportbürgermeister Andreas Krieglstein (CSU) und Jörg Ammon, dem Präsidenten des Bayerischen Landes-Sportverbands, im Max-Morlock-Stadion vor.
Der Freistaat sagt die Hälfte der Kosten zu: bis zu fünf Millionen Euro bei einem Gesamtbudget von rund zehn Millionen Euro. Für die andere Hälfte gibt es bislang keinen Finanzierungsplan. König sagte laut t-online, „alle Beteiligten“ erstellten „gerade einen Plan“; er sei „zuversichtlich, das Geld zusammenzubekommen“.
Die Bewerbung fällt in eine Phase, in der die Stadt sich selbst enge Grenzen gesetzt hat. Seit dem 29. Juli gilt in Nürnberg eine Haushaltssperre. Projekte und Vertragsabschlüsse über 50.000 Euro müssen seither einzeln vom Finanzreferat genehmigt werden, noch nicht begonnene Vorhaben sind ausgesetzt, offene Stellen werden nicht mehr extern ausgeschrieben. Für 2027 kündigte die Stadtspitze ein Konsolidierungsprogramm von rund 80 Millionen Euro an.
Was die Finals sind und was Nürnberg plant
Die Finals vereinen laut Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) Deutsche Meisterschaften in olympischen und nicht-olympischen Sportarten an einem oder mehreren Orten. Die Premiere fand 2019 in Berlin statt, damals mit neun Sportarten an zwei Tagen. In Hannover wurden im Juli 2026 nach DOSB-Angaben in 24 Sportarten 143 Meistertitel vergeben. 2027 ist Stuttgart als Gastgeber vorgesehen.
Für Nürnberg nennt t-online als mögliche Disziplinen Triathlon, Beachvolleyball, Breaking, Gerätturnen, 3x3-Basketball und Schwimmen, als denkbare Schauplätze Hauptmarkt, Frauenkirche, Rathaus und Max-Morlock-Stadion. Die Stadt selbst spricht von „Finals 20XX“ – ein Jahr ist nicht festgelegt. Die dpa berichtet, angestrebt sei ein Termin „um 2030“. Laut der städtischen Mitteilung sollen Disziplinen, Austragungsstätten und organisatorische Anforderungen nun gemeinsam mit dem Freistaat und Partnern geprüft werden. Wer die Finals letztlich vergibt, nach welchem Verfahren und bis wann eine Bewerbung eingereicht werden muss, geht aus den bislang verfügbaren Informationen nicht hervor.
Söder bezeichnete die Finals als „eine Art deutsches Olympia“. König sagte, Nürnberg könne „Großveranstaltungen“ und Nürnberg könne „Sport“; er bezeichnete das Event gegenüber der dpa als „Werbeblock“ für Wirtschaft, Gastronomie und Hotellerie. Krieglstein sprach von einem „besonderen Moment für Nürnberg“ und rechnet laut t-online mit rund 15.000 zusätzlichen Übernachtungen. Die Stadt erwartet etwa 500.000 Zuschauer.
Die offene Hälfte
Die Kernfrage der Bewerbung ist die städtische Hälfte des Budgets. Söders Zusage lautet nach Angaben der Stadt: „Der Freistaat wird sich zur Hälfte beteiligen – mit bis zu fünf Mio. Euro.“ Die Formulierung enthält eine Obergrenze. Sollten die Kosten über zehn Millionen Euro steigen, wäre nach dieser Zusage nicht der Freistaat, sondern die Stadt für die Differenz zuständig. Ob und wie das Budget abgesichert ist, hat bislang niemand öffentlich erläutert.
Zur Einordnung dienen die Vergleichszahlen, die die dpa nennt: Die Region Hannover gab für die Finals 2026 2,75 Millionen Euro aus, Stuttgart erwartet für 2027 Kosten von über fünf Millionen Euro. Nürnbergs angepeiltes Gesamtbudget von rund zehn Millionen Euro liegt damit deutlich über beiden Werten. Warum Nürnberg mit höheren Kosten kalkuliert – ob wegen eines größeren Programms, notwendiger Infrastruktur oder anderer Faktoren –, ist bislang nicht bekannt.
Auch die Zahlen zum wirtschaftlichen Nutzen verdienen einen zweiten Blick. Laut t-online erzielte Hannover 2026 einen gesamtwirtschaftlichen Effekt von rund 25,5 Millionen Euro, zwei Drittel der Besucher seien von außerhalb angereist. Woher diese Zahlen stammen und wer sie erhoben hat, wird in der Berichterstattung nicht ausgewiesen. Für Nürnberg liegt keine eigene Wirtschaftlichkeitsrechnung vor.
Was die Haushaltssperre vorschreibt
Die Haushaltssperre verkündeten König und Stadtkämmerer Thorsten Brehm am 29. Juli mit der Begründung, die Gewerbesteuereinnahmen lägen seit zwei Monaten unter den Erwartungen, die Sozialausgaben stiegen, und das Klinikum Nürnberg werde durch Bundesgesetzgebung zur Krankenversicherung zusätzlich belastet. Brehm formulierte damals den Maßstab: „Jeder noch nicht gebundene Euro muss jetzt auf seine Notwendigkeit geprüft werden.“ König sprach von einer „einschneidenden Maßnahme“, zu der es „keine verantwortbare Alternative“ gebe.
Wie dieser Maßstab auf die Finals angewandt wird, ist offen. Die Sperre nimmt laufende Bauprojekte wie Volksbad und Opern-Spielstätte, Kultur-Großveranstaltungen wie das Bardentreffen sowie Schulen und Bildungseinrichtungen aus. Eine Ausnahme für ein noch nicht beschlossenes Sport-Großevent ist in der städtischen Darstellung der Sperre nicht enthalten. Ob die Stadt für die Finals einen Stadtratsbeschluss anstrebt und welche Gremien vorab befasst werden, geht aus den vorliegenden Mitteilungen nicht hervor.
Die Sperre wirkt derweil bereits im Kleinen: Seit dem 15. September schaltet die Stadt ihre Brunnen schrittweise ab, früher als in anderen Jahren; bis Ende September sollen alle stillstehen. Die Ersparnis für 2026 beziffert die Stadt auf rund 27.000 Euro bei Wartung und Betrieb, hinzu kommen Strom, Wasser und Abwasser. Dieser Größenordnung steht nun ein städtischer Finals-Anteil von rund fünf Millionen Euro gegenüber.
Kritik aus dem Stadtrat, Verteidigung durch den OB
Die Linke im Nürnberger Stadtrat hält die Ausgabe nach dpa-Angaben für falsch priorisiert. Das Geld solle stattdessen in Sportinfrastruktur und in die direkte Unterstützung gemeinnütziger Sportvereine fließen. Die Nürnberger Nachrichten berichteten bereits am Mittwoch, noch vor der Pressekonferenz, dass die Pläne „sofort auf Kritik“ stießen. Stellungnahmen anderer Fraktionen zur Bewerbung liegen bislang nicht vor. Grünen-Fraktionschef Alexander Kahl hatte Ende Juli zur Haushaltssperre gesagt, die Krise komme „nicht aus dem Nichts“, und kritisiert, dass der Frankenschnellweg von der Sperre ausgenommen bleibe. Zu den Finals hat sich die Fraktion bislang nicht öffentlich geäußert.
König begegnete der Kritik im Stadion offensiv. „Ich kann doch nicht alles zusperren. Davon wird's ja auch nicht besser“, sagte er laut t-online; die Stadt müsse „klug investieren in die Zukunft“. Söder ergänzte: „Wie man gegen Sport sein kann, habe ich bis heute nicht verstanden.“
Das Argument setzt voraus, dass die Finals eine Investition mit Rückfluss sind. Belege dafür liegen in Form der Hannover-Zahlen vor, deren Herkunft nicht ausgewiesen ist, und in Form der Übernachtungsprognose des Sportbürgermeisters. Eine Rechnung, wie viel davon in den städtischen Haushalt zurückfließt, existiert öffentlich nicht.
Das Stadion als zweite offene Frage
Das Max-Morlock-Stadion, Kulisse der Pressekonferenz und einer der genannten Austragungsorte, ist selbst ein Sanierungsfall. Der Umbau befindet sich laut Stadt in der Vorplanung, ein Baubeschluss ist nicht gefasst, die Wirtschaftlichkeit wird geprüft. König selbst sagte nach der Haushaltssperre, er glaube nicht, dass 2028 im Stadion die Bagger rollten. Ob ein Finals-Termin um 2030 mit dem Zustand des Stadions vereinbar ist oder eine Sanierung voraussetzt, hat die Stadt bislang nicht dargelegt.
Für die kommenden Monate hat die Stadt eine Prüfphase angekündigt. Welche Kosten sie dabei zugrunde legt, wann der Stadtrat entscheidet und ob die Finanzierung der städtischen Hälfte vor oder nach der Bewerbung geklärt wird, sind die Fragen, an denen sich das Vorhaben messen lassen muss.
Faktenkasten: Die Finals in Nürnberg
Anlass: Pressekonferenz zur Interessensbekundung, 17. September 2026, Max-Morlock-Stadion
Gesamtbudget: rund 10 Millionen Euro (dpa)
Zusage Freistaat: bis zu 5 Millionen Euro, „zur Hälfte“ (Söder)
Städtischer Anteil: rund 5 Millionen Euro, Finanzierung offen
Erwartete Zuschauer: etwa 500.000 (Stadt); Übernachtungen: rund 15.000 (Krieglstein)
Angestrebtes Jahr: „20XX“ (Stadt), „um 2030“ (dpa)
Vergleich: Region Hannover 2026 2,75 Mio. Euro; Stuttgart 2027 über 5 Mio. Euro erwartet (dpa)
Haushaltssperre: seit 29. Juli 2026; Freigabepflicht ab 50.000 Euro; Konsolidierung 2027 rund 80 Mio. Euro
Brunnenabschaltung ab 15. September: Ersparnis rund 27.000 Euro (2026)
Quelle Bild: Stadt Nürnberg/Christine Dierenbach





Kommentare