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Grüne Nürnberg 2026: Ein Programm zwischen Klimaumbau und Stadtversprechen – was Britta Walthelm anders machen will

Wer das Wahlprogramm der Nürnberger Grünen liest, betritt eine andere Stadt als die, die das CSU-Programm beschreibt. Nicht die Stadt der Baustellen und Bilanz – sondern eine Stadt, die sich grundsätzlicher fragen muss, wie sie leben will: kühler, gerechter, durchlässiger. Die 51 Seiten, die Bündnis 90/Die Grünen im November 2025 auf ihrer Mitgliederversammlung verabschiedet haben, sind das umfangreichste Wahlprogramm, das eine Nürnberger Partei zur Kommunalwahl 2026 vorlegt. Und sie tragen die Handschrift einer Kandidatin, die nicht von außen kommt, sondern seit sechs Jahren mitten in der Verwaltung steht.


Britta Walthelm, 45, geboren und aufgewachsen in Nürnberg, leitet seit 2020 als berufsmäßige Stadträtin das Referat für Umwelt und Gesundheit – einen Geschäftsbereich mit rund 1.400 Mitarbeitenden. Im April 2025 nominierten die Nürnberger Grünen sie mit 96,4 Prozent der Stimmen zur OB-Kandidatin. Ihr Versprechen: „Die Stadt klimafest umbauen und den Zusammenhalt stärken." Ihr Programm liest sich wie der Versuch, dieses Versprechen in konkrete Verwaltungssprache zu übersetzen – Kapitel für Kapitel, Maßnahme für Maßnahme.


Klima und Umwelt: Das Fundament des gesamten Programms

Kein anderer Themenblock durchzieht das Grünen-Programm so konsequent wie der Klimaschutz. Er ist nicht ein Kapitel unter vielen, sondern die Grundlogik, mit der fast jede andere Frage verknüpft wird – von Verkehr über Wohnen bis Wirtschaft. Das Programm spricht von „Schwammstadt", Kaltluftbahnen, Hitzeschutz, Entsiegelung und Starkregenvorsorge. Die Grünen wollen das Integrierte Klimaschutzkonzept mit hoher Priorität vorantreiben und Nürnberg klimaneutral machen.


Konkret bedeutet das: mehr Bäume (klimafeste Arten), mehr Wasserflächen in der Stadt, freiliegende Bäche in der Innenstadt, Dachgärten, Pocketparks und ein Netz von Grünrouten. Das Moorenbrunnfeld (fast 30 Hektar) soll Naturschutzgebiet werden – hier gibt es eine Schnittmenge mit dem CSU-Programm, das denselben Ort als Landschaftsschutzgebiet ausweisen will. Daneben stehen energiepolitische Forderungen: Photovoltaik auf Dächern und Parkplätzen, Prüfung einer kommunalen PV-Pflicht, Ausbau des Fernwärmenetzes, Dekarbonisierung durch Geothermie und Großwärmepumpen, LED-Umstellung der gesamten Straßenbeleuchtung. Die Grünen sprechen von einem „Klimapakt" mit Nürnberger Unternehmen und der NürnbergMesse sowie von einem kommunalen Klimahaushalt, der jede Investition auch auf ihre CO₂-Wirkung hin prüfen soll.


Die Grünen machen Klimapolitik nicht zum Kapitel, sondern zur Betriebsanleitung der ganzen Stadt. Das ist konsequent – birgt aber die Frage, wie sich diese Logik in einer hoch verschuldeten Kommune finanzieren lässt, in der gleichzeitig Schulen, Straßen und Kliniken Investitionen brauchen.


Verkehr und Mobilität: Die Gegenerzählung zum Frankenschnellweg

Nirgends wird der Unterschied zur CSU so deutlich wie bei der Verkehrspolitik. Wo die CSU den Frankenschnellweg-Ausbau als „wichtigstes Projekt zur Stadtreparatur" feiert, stellen die Grünen einen Alternativplan dagegen: kein Tunnel, stattdessen eine oberirdische Lösung, die laut Stadtverwaltung umsetzbar und leistungsstark sei – und die nach internen Berechnungen voraussichtlich nur rund 141,5 Millionen Euro kosten würde statt der geschätzten 800 Millionen Euro für die Tunnelvariante. Auch die Bauzeit würde sich demnach halbieren.


Für viele Wählerinnen und Wähler gilt der Frankenschnellweg als Scheidethema dieser Kommunalwahl. Wer den Ausbau befürwortet, findet sich tendenziell im CSU-Lager wieder. Wer ihn ablehnt, steht eher bei den Grünen, der ÖDP oder der Linken. Das Grünen-Programm macht aus diesem Konflikt eine Haushaltsfrage: Die Einsparung soll in Rad-, Fuß- und ÖPNV-Infrastruktur fließen.


Jenseits des Frankenschnellwegs ist das Verkehrskapitel ambitioniert: Altstadtradring „zügig realisieren" (er hätte laut Mobilitätsbeschluss 2021 bereits 2026 fertig sein sollen, wurde aber noch nicht einmal begonnen), Straßenbahnverlängerungen in die Gartenstadt, nach Lichtenreuth und zum Südklinikum, eine Altstadtquerung per Straßenbahn, die Stadt-Umland-Bahn, ÖPNV-Angebote rund um die Uhr und ein Pilotprojekt mit autonom fahrenden Bussen. Beim Autoverkehr setzen die Grünen auf Reduktion statt Verbot: E-Ladeinfrastruktur, Carsharing-Anreize, Parkraumbewirtschaftung, Mobilitätspunkte. Die Magnetschwebebahn, die OB König bei der CSU-Programmvorstellung prominent erwähnte, findet im Grünen-Programm keinen Platz – sie halten das Projekt auf kurzen Strecken für ineffizient und finanziell riskant.


Die politische Botschaft: Die Grünen wollen den Straßenraum umverteilen – weg vom Auto, hin zu Rad, Fuß und ÖPNV. Das ist eine bewusste Priorisierung, die die CSU mit ihrem „Miteinander aller Verkehrsmittel" gerade vermeidet.


 Sicherheit: Prävention statt Überwachung

Im Sicherheitskapitel wird der ideologische Unterschied zwischen CSU und Grünen am deutlichsten sichtbar. Wo die CSU auf Videoüberwachung, Ordnungsdienst und „drastische Anhebung der Bußgelder" setzt, stellen die Grünen Prävention ins Zentrum: bessere Beleuchtung, Streetwork, niedrigschwellige Beratungsangebote, sichere Schulwege und die Gestaltung öffentlicher Räume, in denen sich Menschen zu jeder Tageszeit wohlfühlen können.


Der Grünen-Slogan lautet „Prävention statt Verdrängung". Das Programm fordert keine Ausweitung der Videoüberwachung. Stattdessen: Nachttaxis für Frauen, die von Fahrerinnen gelenkt werden, gute Beleuchtung an Haltestellen und ein ÖPNV-Angebot rund um die Uhr. Die Frage, die das Programm stellt, ist eine andere als die der CSU: Nicht „Wie machen wir den öffentlichen Raum kontrollierter?", sondern „Wie machen wir ihn so einladend, dass Unsicherheit gar nicht erst entsteht?"


Wohnen und Stadtentwicklung: Sanieren vor Neubau

Auch beim Wohnen weicht der grüne Blick vom CSU-Programm ab. Wo die CSU neue Quartiere (Tiefes Feld, Lichtenreuth) und ein Zeughausquartier in der Innenstadt plant, setzen die Grünen den Akzent auf Bestandsschutz und Umnutzung: „Sanieren und Umnutzen vor Neubau" sei der Leitsatz. Die Grünen verteidigen die bestehende 40-Prozent-Quote für sozialen Wohnraum bei städtebaulichen Verträgen und wollen sie mittelfristig weiter erhöhen. Dazu kommen ein kommunales Leerstandsmanagement, Vorkaufsrechtssatzungen, Eindämmung der Zweckentfremdung für Tourismus, Erbpacht für städtische Grundstücke und Vorrang für gemeinwohlorientierte Wohnungsanbieter wie Genossenschaften.


Die Innenstadt denken die Grünen als grüne Aufenthaltszone: Walthelm sprach im t-online-Interview davon, dass die Diskussion sich zu sehr um den Einzelhandel drehe. Sie wolle stattdessen Bäche in der Fußgängerzone, Dachgärten, die im Sommer Kühle bringen, und Wohnen in leerstehenden Gebäuden wie dem ehemaligen Kaufhof. Die Fußgängerzone soll ausgeweitet werden, die Königstraße baulich zur Fußgängerzone umgestaltet.


Das ist eine konsequent ökologische Stadtentwicklungslogik – Innenentwicklung statt Außenentwicklung, Grün statt Beton. Ob sie angesichts des akuten Wohnraummangels in der wachsenden Stadt reicht, ist die offene Frage, die das Programm nicht abschließend beantwortet.


Bildung, Familie und Soziales: Chancengerechtigkeit als Leitmotiv

Walthelm formulierte im t-online-Interview den Satz, der das soziale Selbstverständnis der Grünen zusammenfasst: Sie habe Kinder getroffen, die nicht wussten, dass es in Nürnberg eine Burg gibt – weil sie noch nie aus ihrem Viertel herausgekommen seien. Die Grünen sprechen von „zu ungerecht verteilten Startchancen" und davon, dass Gesundheit und Lebenserwartung zu stark von der sozialen Lage abhingen.


Das Programm fordert gut ausgestattete Kitas und Schulen, den Ausbau der Ganztagsbetreuung, mehr Jugend- und Kulturangebote in unterversorgten Stadtteilen, einen Jugendrat als neues Beteiligungsinstrument sowie ein „House of Food" als Kompetenzzentrum für ökologische und regionale Ernährung. Ergänzt wird das durch die Sicherung des Sozialtickets im ÖPNV und den Ausbau inklusiver und alternativer Wohnkonzepte.


Wirtschaft, Haushalt und Demokratie: Die leisen Kapitel

Im Wirtschaftsteil positionieren sich die Grünen als Partei der ökologischen Modernisierung: Start-up-Förderung mit Fokus auf Umwelttechnik, KI und digitale Gesundheit, engere Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft, Stärkung von Nürnbergs Rolle als Menschenrechtsstadt – unter anderem durch die FAU-Exzellenzcluster-Förderung des Bundes ab 2026.


Zur Haushaltsfrage geben die Grünen eine klarere Antwort als die CSU: Einsparung durch Verzicht auf den Frankenschnellweg-Tunnel, durch konsequentes Sanieren statt Neubau und durch das Prinzip „Wer bestellt, der zahlt" gegenüber Bund und Land. Die CSU formulierte hier lediglich „Konsolidierung durch Verschlankung von Prozessen".


Fast unauffällig, aber politisch bemerkenswert: Die Grünen wollen Nürnbergs lokale Demokratie reformieren. Ein Jugendrat soll jungen Menschen Mitsprache geben. Bürgerräte – per Zufall ausgeloste Personen – sollen stärker in Entscheidungen einbezogen werden. Walthelm hat das Instrument nach eigener Aussage beim Klimaschutzkonzept bereits eingesetzt. Das ist ein Angebot an eine Stadtgesellschaft, in der das Vertrauen in politische Institutionen sinkt – und ein Kontrast zur CSU, die Bürgerbeteiligung eher über Bürgerservice und Digitalisierung definiert.


Was dieses Programm über die Grünen – und über Nürnberg – sagt

Das Grünen-Wahlprogramm 2026 ist das Gegenstück zum CSU-Programm: Wo König den Manager gibt, tritt Walthelm als Reformerin auf. Wo die CSU Nürnberg als funktionierende Stadt erzählt, die weiter angepackt werden müsse, beschreiben die Grünen eine Stadt, die grundsätzlicher umgebaut werden muss – ökologisch, sozial, infrastrukturell.


Das Programm ist in einem breiten Beteiligungsprozess entstanden: Programmkonvent, Workshops, Stadtteilfeste, Infostände, Austausch mit Verbänden und NGOs. Es ist detailliert, stellenweise fast technokratisch – und auffällig lang. 51 Seiten sind nicht nur ein politisches Statement, sondern auch ein Vertrauensangebot: Wir haben uns Gedanken gemacht, zu jedem Thema, in jedem Stadtteil.


Gerade deshalb lohnt die journalistische Gegenfrage, die das Papier selbst nicht beantwortet: Was passiert, wenn sich Ziele widersprechen – wenn ökologische Stadtentwicklung Wohnraum knapp hält, wenn ÖPNV-Ausbau Milliarden kostet, wenn Prävention allein die Sicherheitsdebatte nicht beruhigt? Die Grünen beantworten diese Spannungen mit einer klaren Priorität: Klimaschutz geht vor. Ob Nürnberg diese Priorität mitträgt, entscheidet sich am 8. März.


Wer die Positionen der Grünen mit denen anderer Parteien vergleichen möchte, findet im Nürnberger Wahlnavigator zur Kommunalwahl Nürnberg 2026 eine zusätzliche Orientierung. Das Tool, ein Angebot von The Nuremberg Times, stellt 30 Thesen zu lokalen Themen auf und gleicht die eigenen Prioritäten mit den Positionen der antretenden Parteien und Listen ab – überparteilich und kostenfrei unter wahlnavigator-nuernberg.de.


Transparenzhinweis: Dieser Artikel basiert auf dem offiziellen Wahlprogramm der Grünen Nürnberg (51 Seiten), veröffentlicht auf gruene-nbg.de/wahl/kommunalwahl-2026/programm/ (abgerufen am 17.02.2026), auf dem t-online-Interview mit Britta Walthelm (30.01.2026), auf Pressemitteilungen der Grünen Nürnberg und der Grünen Stadtratsfraktion sowie auf öffentlichen Dokumenten der Stadt Nürnberg. Die genannten Kostenschätzungen zum Frankenschnellweg (141,5 Mio. Euro vs. 800 Mio. Euro) entstammen einer städtischen Untersuchung bzw. dem Alternativkonzept der Grünen und wurden von der Redaktion nicht unabhängig nachkalkuliert. Die Redaktion analysiert und kommentiert das Programm – eine Wahlempfehlung ist damit nicht verbunden.


Quelle Bild: Die Grünen

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