FDP Nürnberg 2026: Ein Programm der nüchternen Bestandsaufnahme – was Ümit Sormaz mit einem Sitz im Stadtrat erreichen will
- Kevin Kienle

- vor 14 Stunden
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Wer das Wahlprogramm der Nürnberger FDP liest, begegnet keiner großen Zukunftsvision – sondern einer Mängelanalyse. Auf 33 Seiten beschreiben die Liberalen eine Stadt, in der Prestigeprojekte Pflichtaufgaben verdrängen, in der Verwaltung sich selbst verwaltet und in der Bürger Vertrauen verloren haben. Der Titel: „Ein Nürnberg, das funktioniert." Das klingt bescheiden – und ist genau so gemeint. Die implizite Botschaft des Programms lautet: Die FDP hält zentrale Bereiche der Stadtpolitik derzeit für nicht funktionsfähig.
Das ist bemerkenswert, weil es von einer Partei kommt, die bei der letzten Kommunalwahl 2020 gerade einmal 2,1 Prozent holte und mit einem einzigen Sitz im 70-köpfigen Stadtrat vertreten ist. Spitzenkandidat Ümit Sormaz, 46, Diplom-Wirtschaftsinformatiker und Unternehmer im Bildungsbereich, führt die Liste erneut an – diesmal aber ohne OB-Kandidatur. Die FDP verzichtet nach 24 Jahren erstmals darauf. Hinter ihm stehen Birgit Wegner als Kreisvorsitzende auf Platz 2 und Nick Hechtel auf Platz 3. Die volle Liste umfasst 70 Kandidierende.
Sormaz, geboren 1979 im türkischen Akdağmadeni, kam als Kind nach Deutschland und engagiert sich seit Jahren kommunalpolitisch in Nürnberg. 2011 erhielt er die Bundesintegrationsmedaille für seine Arbeit als Brückenbauer zwischen Kulturen. Im Stadtrat hat er sich seit 2020 vor allem mit Einzelanträgen eingebracht – von der urbanen Seilbahn bis zu kühlenden Straßenbelägen. Das Wahlprogramm liest sich nun wie der Versuch, diese Einzelimpulse in ein kohärentes Gesamtbild zu übersetzen.
Haushalt und Verwaltung: Pflicht vor Kür – das Leitmotiv
Das erste und mit Abstand gewichtigste Kapitel des Programms ist dem Haushalt gewidmet. Nürnberg stehe „finanziell mit dem Rücken zur Wand", der Etat 2026 umfasse rund 2,8 Milliarden Euro – „so viel wie nie zuvor." Steigende Umlagen, wachsende Personalkosten und neue Pflichtaufgaben engten den Handlungsspielraum massiv ein, während gleichzeitig hunderte Millionen in Prestigeprojekte flössen.
Die FDP antwortet darauf mit einem Dreiklang: Ausgabenkritik, Transparenz und Verwaltungsreform. Jede freiwillige Leistung soll jährlich auf Nutzen, Wirkung und finanzielle Tragfähigkeit geprüft werden. Ein „Daseinsvorsorge-Check" soll sicherstellen, dass vor jedem neuen Projekt zuerst die Grundlagen gesichert sind – Schulen, Sicherheit, Versorgung. Das Prinzip: Erst wenn die Pflicht erledigt ist, darf Raum für die Kür existieren.
Zur Transparenz fordert die FDP einen jährlichen Bürger-Haushaltsbericht in verständlicher Sprache und eine öffentliche Fördermittel-Transparenzdatenbank, die zeigt, wer welche Mittel in welcher Höhe erhält. Andere Städte wie Erlangen, Regensburg oder Augsburg machten das bereits vor.
Am schärfsten wird das Programm beim Thema Verwaltungsreform. Die Stadt beschäftige über 12.000 Menschen, Tendenz steigend. Die FDP fordert eine systematische Überprüfung aller seit 2020 geschaffenen Stellen auf Doppelstrukturen. Jede neue Planstelle soll eine Effizienzanalyse durchlaufen. Und dann die provokanteste Forderung des gesamten Programms: eine
„Beamtenbremse". Weniger neue Verbeamtungen sollen die langfristigen Kosten für Pensionen, Gehälter und Zusatzleistungen senken. Der Ton ist dabei bewusst zugespitzt: Es sei „Zeit, sich vom Klotz des Beamtentums zu lösen."
Ergänzt wird das durch eine konkrete Sparforderung beim Sozialticket: Der Preis des vergünstigten Deutschlandtickets für Nürnberg-Pass-Inhaber solle auf etwa 38 Euro im Monat angehoben werden – das regionale Niveau von Erlangen und Fürth. Im Bürgergeld sei bereits eine Mobilitätspauschale enthalten, argumentiert die FDP. Eine darüber hinausgehende Subvention sei daher nicht notwendig.
Das Finanzkapitel gibt den Grundton des gesamten Programms vor: Was nicht messbar wirkt, muss gestrichen werden. Was Pflicht ist, geht vor. Und was die Stadt sich nicht leisten kann, darf nicht versprochen werden. Es ist eine konsequent marktwirtschaftliche Logik, wie sie nach Lektüre der Wahlprogramme derzeit kaum eine andere Partei in dieser Schärfe formuliert.
Verkehr und Mobilität: Vernunft statt Ideologie
Das Verkehrskapitel trägt die Überschrift, die auch als Partei-Slogan funktionieren könnte: „Vernunft statt Ideologie". Die FDP positioniert sich klar gegen das, was sie als ideologische Verkehrspolitik wahrnimmt – gemeint sind vor allem die Grünen und Teile der SPD.
Im Zentrum steht ein klares Bekenntnis zum kreuzungsfreien Ausbau des Frankenschnellwegs. Der Ausbau entlaste Anwohner, reduziere Staus und schaffe durch die Begrünung der Tunneldecke neuen städtischen Lebensraum. Die Anbindung der Hafenbrücken sei „unverzichtbar", da der Nürnberger Hafen einer der wichtigsten Logistikstandorte Süddeutschlands sei. Wer Mobilität verhindere, so die FDP, „gefährdet Arbeitsplätze und wirtschaftliche Zukunft." Damit steht die FDP auf derselben Seite wie die CSU und gegen die Grünen-Alternative einer oberirdischen Lösung.
Jenseits des Dauerthemas Frankenschnellweg wird das Programm bei den Alltagsproblemen konkret. Über 40 Großbaustellen liefen gleichzeitig, oft ohne klaren Zeit- oder Kostenplan. Die FDP fordert eine zentrale Koordinierungsstelle mit Durchgriffsrechten, verbindliche Zeit- und Kostenpläne und einen öffentlichen Baustellenkalender. Dazu soll eine KI-gestützte Ampelsteuerung den Verkehrsfluss verbessern.
Beim ÖPNV differenziert die FDP deutlich: Die Straßenbahn nach Lichtenreuth und zusätzliche S-Bahn-Anbindungen im Osten und Süden werden unterstützt, Straßenbahnverlängerungen nach Stein oder Kornburg dagegen als „Prestige-Trassen ohne nachgewiesenen Nutzen" abgelehnt. Bei Nürnbergs 240.000 täglichen Einpendlern setzt die FDP auf Park+Ride als zentralen Hebel – mit neuen Standorten in Fischbach, Buch und Reichelsdorf.
Zwei Vorschläge mit Wiedererkennungswert: die „Brötchentaste" – 20 Minuten kostenfreies Kurzzeitparken über die App PayByPhone, wie es andere Städte in Mittelfranken bereits anbieten – und barrierefreie Ampeln mit Sekundenanzeigern und adaptiven Räumzeiten für Senioren. Die kleinen, aber konkreten Ideen, die im Alltag ankommen könnten.
Bauen, Wohnen und Wirtschaft: Der Pragmatismus-Block
Drei Kapitel des Programms – Bauen & Wohnen, Handwerk & Mittelstand, Digitalisierung – lesen sich wie ein zusammenhängendes Reformpaket, das auf ein Grundproblem zielt: Die Verwaltung arbeite zu langsam, zu intransparent und zu oft gegen statt mit den Bürgern und Betrieben.
Beim Wohnungsbau liefert die FDP eine harte Zahl: 2024 seien in Nürnberg nur 1.561 Wohnungen genehmigt und 1.497 fertiggestellt worden – „viel zu wenig für eine wachsende Stadt." Die Antwort: einfache Bauanträge in 45 Tagen, komplexe in 90 Tagen. Ein zentraler „Bau-Desk" nach dem Vorbild des Mittelstands-Desks soll alle Verfahren bündeln, damit Bau, Umwelt, Verkehr und Denkmalschutz zusammen statt gegeneinander arbeiten. Serielles und modulares Bauen soll Tempo und Kostensicherheit bringen, starre Sozialquoten sollen Projekte nicht blockieren.
Bemerkenswert ist der Vorschlag „Wohnen für Hilfe" nach Erlanger und Regensburger Vorbild: Senioren stellen Studierenden Wohnraum zur Verfügung, im Gegenzug helfen diese im Alltag – eine Stunde pro Quadratmeter im Monat. Pflegeleistungen sind ausgeschlossen. Die Stadt soll in Kooperation mit Hochschulen und dem Studentenwerk eine zentrale Koordinierungsstelle aufbauen. Es ist eine der wenigen sozialpolitischen Ideen im Programm, die nicht primär über Einsparung argumentiert, sondern über Gemeinschaft.
Für die Wirtschaft will die FDP Nürnberg als Standort durch Steuersenkung attraktiver machen: sowohl der Gewerbe- als auch der Grundsteuerhebesatz sollen sinken. In jedem neuen Baugebiet sollen Flächen für Handwerk und Mittelstand gesichert werden. Ein digitales Unternehmerportal soll Anträge, Ausschreibungen und Gebühren bündeln. Und gegen den Leerstand in der Innenstadt sollen Pop-up-Stores über das Portal Vermieter und Mieter zusammenbringen.
Beim Thema Digitalisierung setzt die FDP auf die Weiterentwicklung des bestehenden Portals „Mein Nürnberg" zum vollständig digitalen Verwaltungsprozess – vom Antrag bis zur Rückmeldung. Und eine Forderung mit Symbolkraft: Live-Streaming aller Stadtratssitzungen, kostenfrei und dauerhaft abrufbar.
Umwelt, Bildung und Großprojekte: Kontrolle statt Vertrauen
Im Umweltkapitel wird der FDP-Grundton am deutlichsten: Klimaschutz ja, aber nur wenn er messbar wirkt und sich rechnet. Jede städtische Maßnahme soll einen verbindlichen Klimacheck durchlaufen, der Kosten, konkreten Effekt und günstigere Alternativen offenlegt. Programme wie „Mehr Grün für Nürnberg" sollen umfassend evaluiert werden. Technologieoffenheit ist das Prinzip – Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe, intelligente Netze sollen gleichberechtigt neben klassischen Ansätzen stehen.
Bei den Großprojekten zeigt sich die FDP als konsequente Sparpartei. Die Landesgartenschau 2030 soll einer ehrlichen Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen werden. Sollte sich zeigen, dass eine wirtschaftlich tragfähige Umsetzung nicht möglich ist, spricht sich die FDP klar gegen die Durchführung in der geplanten Form aus. Auch bei der Opernhaussanierung fordert die FDP Maß: Über 600 Arbeitsplätze am Staatstheater müssten gesichert werden, aber eine „Milliardensanierung um jeden Preis" sei kein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Geldern. Etappensanierungen und Kooperationen in der Metropolregion müssten als Alternativen geprüft werden. Beim Max-Morlock-Stadion verlangt die FDP eine private Beteiligung des 1. FC Nürnberg und seiner Sponsoren.
Im Bildungskapitel wiederholt sich das Grundmuster: Substanz vor Prestige. Schulsanierungen haben Vorrang, professionelle IT-Administratoren sollen Lehrkräfte von der Technikwartung entlasten, und beim Ganztag wird Ehrlichkeit gefordert – wenn Finanzierung, Personal und Räume nicht gesichert seien, müsse die Stadt das frühzeitig kommunizieren, statt Versprechen zu machen.
Was dieses Programm über die FDP – und über Nürnberg – sagt
Das FDP-Wahlprogramm 2026 ist das Programm einer Partei, die den Stadtrat zwar nicht prägen wird, sich aber als Stimme für unbequeme Fragen positionieren will. In 12 Kapiteln wird ein durchgehend konsistentes Narrativ aufgebaut: Nürnberg gibt zu viel aus, priorisiert falsch, kontrolliert zu wenig und kommuniziert zu spät. Die Lösung heißt immer: Transparenz, Effizienz, Messbarkeit.
Das ist eine ehrliche, aber auch einseitige Perspektive. Das Programm beschreibt Nürnberg vor allem als Verwaltungs- und Steuerungsproblem – weniger als gesellschaftspolitisches Projekt. Fragen nach sozialer Ungleichheit, nach kultureller Identität, nach dem Zusammenleben in einer vielfältigen Großstadt kommen vor, werden aber stets durch die Brille der Haushaltsdisziplin betrachtet. Wo die Grünen einen ökologischen Umbau fordern und die SPD eine solidarische Stadtgesellschaft beschwört, stellt die FDP die Quittungsfrage: Was kostet das, was bringt es, und wer kontrolliert es?
Die Herausforderung für die FDP liegt weniger im Programm als in der Arithmetik: Mit einem Sitz hat Sormaz in den letzten sechs Jahren vor allem als Einzelkämpfer gewirkt – mit kreativen Anträgen, die selten Mehrheiten fanden, aber gelegentlich die Debatte verschoben. Ob das Programm nun mehr Wähler überzeugt als 2020, wird auch davon abhängen, ob die Nürnberger den Kontrolleur im Stadtrat wollen, den die FDP anbietet – oder ob sie lieber auf die Gestaltungsversprechen der größeren Parteien setzen.
Wer die Positionen der FDP mit denen anderer Parteien vergleichen möchte, findet im Nürnberger Wahlnavigator zur Kommunalwahl 2026 eine zusätzliche Orientierung. Das Tool, ein Angebot von The Nuremberg Times, stellt 30 Thesen zu lokalen Themen auf und gleicht die eigenen Prioritäten mit den Positionen aller 15 antretenden Parteien ab – überparteilich und kostenfrei unter wahlnavigator-nuernberg.de.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel basiert auf dem offiziellen Wahlprogramm der FDP Nürnberg (33 Seiten, „Ein Nürnberg, das funktioniert."), auf dem t-online-Interview mit Ümit Sormaz (30.01.2026), auf der persönlichen Website von Ümit Sormaz (uemit-sormaz.de) mit dokumentierten Stadtratsanträgen, auf der Wikipedia-Seite zur Kommunalwahl in Nürnberg 2026 sowie auf Presseberichten regionaler Medien. Die Redaktion analysiert und kommentiert das Programm – eine Wahlempfehlung ist damit nicht verbunden.
Quelle Bild: FDP Nürnberg




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