Was, wenn die Stichwahl alles entscheidet? Die strategischen Szenarien für Nürnbergs OB-Rennen 2026
- Kevin Kienle

- 21. Nov.
- 6 Min. Lesezeit
Die eigentliche Wahl ist zwei Wochen später
Am 8. März 2026 wählen die Nürnbergerinnen und Nürnberger einen neuen Stadtrat – und vermutlich ihren Oberbürgermeister erst einmal nicht. Wie in allen bayerischen Großstädten ist es extrem unwahrscheinlich, dass eine Kandidatin oder ein Kandidat im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit holt. Das Wahlrecht sieht deshalb für die Direktwahl von Oberbürgermeistern eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten vor, wenn niemand über 50 Prozent kommt.
Für Nürnberg heißt das: Der entscheidende Tag könnte der 22. März 2026 werden – zwei Wochen nach dem ersten Wahlgang.
Schon jetzt steht fest: Amtsinhaber Marcus König (CSU) tritt wieder an – die CSU nominierte ihn offiziell mit 99 Prozent Zustimmung. In der SPD wurde Dr. Nasser Ahmed als Kandidat gewählt. Die Grünen setzten auf Britta Walthelm als ihre OB-Kandidatin. Strategisch sind sie damit in einer anderen Rolle: Sie müssen nicht nur einen überzeugenden ersten Wahlgang organisieren, sondern vor allem eine mögliche Stichwahl im Blick behalten – und das im Schatten der Erfahrungen von 2020.
Was 2020 vorentschied: Lehren aus der letzten OB-Wahl
Ein Blick zurück: Im ersten Wahlgang 2020 lag Marcus König (CSU) knapp vor Thorsten Brehm (SPD): 36,45 % zu 34,93 %. Dahinter folgten die Grünen mit 15,09 %.
Die Stichwahl am 29. März 2020 entschied König mit rund 52,2 % für sich, Brehm kam auf rund 47,8 %. Die Wahlbeteiligung sank im Vergleich zum ersten Wahlgang deutlich – pandemiebedingt war die Stichwahl reine Briefwahl, ein direkter Vergleich schwierig.
Entscheidend ist:
Der Abstand im ersten Wahlgang war gering.
Die Grünen waren stark, aber nicht stichwahlfähig.
Ohne massive Mobilisierung der Nichtwähler und klaren Schulterschluss im „progressiven Lager“ reichte es für die SPD nicht.
Aus diesen Zahlen lassen sich einige Lehren für 2026 ziehen:
Der erste Wahlgang sortiert das Feld – er entscheidet, wer überhaupt eine Stichwahlchance hat. Realistisch ist in Nürnberg wieder ein CSU-vs.-SPD- oder CSU-vs.-Grüne-Szenario. Ein Herausforderer braucht im ersten Wahlgang ein stabiles hohes Ergebnis, sonst wird der CSU-Amtsinhaber kaum zu schlagen sein.
Die Grünen sind Königsmacher – aber nicht automatisch im Sinne der SPD. 2020 gingen große Teile des grünen Milieus in der Stichwahl vermutlich zu Brehm. Doch auch in Großstädten gibt es bürgerlich-ökologische Wähler, die mit einem moderaten CSU-OB leben können.
Kleinparteien und ihre Wähler sind im zweiten Wahlgang weit relevanter, als ihre Prozentzahlen vermuten lassen. Vier- oder fünfprozentige Ergebnisse kleiner Listen können in einer Stichwahl das Zünglein an der Waage sein.
CSU: Amtsbonus und das Risiko der Selbstzufriedenheit
Für die CSU ist die Lage scheinbar komfortabel: Sie geht mit einem Amtsinhaber ins Rennen, der 2020 das Rathaus nach Jahrzehnten SPD-Herrschaft erobert hat. Marcus König wurde parteiintern fast einstimmig bestätigt.
Chancen:
Amtsbonus: Vorstand von König kann konkrete Projekte führen – von Verkehrs- und Baupolitik bis zur Stadtentwicklung. In einer Stichwahl kann er auf „Stabilität“ setzen: lieber ein bekannter Verwaltungschef als ein Wechsel ins Ungewisse.
Breite Anschlussfähigkeit: Im ersten Wahlgang spricht die CSU ihr traditionelles bürgerliches Lager an; in der Stichwahl könnte sie – wie 2020 – versuchen, Teile der FDP-, FW- sowie moderaten Grünen-Wählerschaft mitzunehmen.
Mobilisierung der „Stichwahl-Nichtwähler“: In konservativeren Milieus ist das politische Interesse oft geringer bei kommunalen Stichwahlen. Gelingt es der CSU, genau diese Gruppen über lokale Sicherheit, Sauberkeit und „Ordnungsthemen“ zu mobilisieren, kann sie ihre Mehrheit im zweiten Durchgang stabilisieren.
Risiken:
Polarisierung gegen den Amtsinhaber: Je länger jemand regiert, desto mehr Konflikte sammeln sich an – von Bauprojekten über Klimaschutz bis Daseinsvorsorge. Eine geschickte Oppositionskampagne kann den Amtsbonus in ein „Zeit für einen Wechsel“-Narrativ drehen.
Unterschätzte progressive Allianz: Schaffen SPD oder Grüne im ersten Wahlgang ein Ergebnis knapp hinter der CSU, könnte sich in der Stichwahl ein breiteres „Nicht-CSU“-Bündnis formieren – von linker Partei über ökologisch-liberale Listen bis hin zu jüngeren Stadtrand-Wählern, die Veränderung wollen.
Abhängigkeit von niedriger Beteiligung: Ein Teil des CSU-Erfolgsmodells ist verlässliche Stammwählerschaft. Steigt die Beteiligung in der Stichwahl – etwa durch eine starke Mobilisierung junger und urbaner Milieus – wird der Vorsprung schnell dünn.
Strategisch muss die CSU also zweigleisig fahren:
Im ersten Wahlgang so stark werden, dass ein zweiter Platz praktisch ausgeschlossen ist.
Für die Stichwahl rechtzeitig Brücken zu FDP, FW und bürgerlich-grünen Wählern bauen – ohne den eigenen konservativen Kern zu verschrecken.
SPD: Mit Ahmed in die Offensive – und die Stichwahl mitdenken
Die SPD hat mit Dr. Nasser Ahmed einen neueren Kandidaten nominiert: Der 36-jährige Stadtrat ist Vorsitzender der SPD Nürnberg. Für 2026 ist die Herausforderung doppelt: Die Partei muss glaubhaft machen, dass sie nicht nur von früheren Zeiten träumt, sondern eine Zukunftsversion für eine wachsende, diverser werdende Stadt bietet.
Chancen:
Breites Milieu-Spektrum: Die SPD hat in Nürnberg traditionell Wurzeln sowohl in Arbeiterquartieren als auch in Teilen der akademischen Mittelschicht. Ahmed kann versuchen, jüngere Wähler und bisher weniger politisch aktive Menschen zu mobilisieren.
Potenzial für progressive Sammelbewegung: Gelingt der SPD mit Ahmed im ersten Wahlgang ein gutes Ergebnis, kann sie in der Stichwahl offensiv um die grünen Wähler werben – etwa mit Zugeständnissen in Klimapolitik und Stadtplanung.
Risiken:
Zersplitterung im ersten Wahlgang: Wenn SPD und Grüne beide mit starken Kandidaten antreten, könnte das Ergebnis so verteilt werden, dass die SPD zwar zweitstärkste Kraft wird, aber ohne erkennbaren Anspruch auf Führung.
Unglaubwürdige Erneuerung: Eine SPD, die in der Stichwahl primär mit „früher war alles besser“ argumentiert, wird es schwer haben, besonders unter Jüngeren und Erstwählern.
Abhängigkeit von grüner Loyalität: SPD-Strategien, die einfach unterstellen, dass Grünen-Wähler in der Stichwahl „natürlich“ zur SPD wechseln werden, ignorieren die Realität urbaner, teils post-parteilicher Milieus.
Für die SPD heißt das:
Im ersten Wahlgang Profil als moderne Großstadtpartei schärfen – sozial, aber nicht nostalgisch.
Für die Stichwahl früh Signale an Grüne, Linke und kleinere linksliberale Listen senden: inhaltliche Schnittmengen benennen, mögliche Koalitionsprojekte andeuten – nicht erst in der heißen Schlussphase.
Grüne: Walthelm nominiert – zwischen Ambition und Rolle als Zünglein an der Waage
Die Grünen haben mit Britta Walthelm ihre OB-Kandidatin nominiert: Am 12. April 2025 wurde sie mit 96,4 % Zustimmung gewählt. Für 2026 stellt sich die strategische Kernfrage: Wollen die Grünen vor allem den Einzug in die Stichwahl oder realistisch den Königsmacher-Status spielen? Idealerweise beides – doch das verlangt präzise Balance.
Chancen:
Themen-Setting: Verkehrswende, Klimaschutz, Flächensparen, Stadtgrün – in all diesen Feldern haben die Grünen eine glaubwürdige Kompetenz. Im ersten Wahlgang können sie ihren eigenständigen Markenkern maximal ausspielen.
Starke Position in Koalitionslogiken: Selbst wenn die Grünen nicht in die Stichwahl kommen, werden sie zentrale Partnerin einer künftigen Stadtratsmehrheit sein. Das verschafft ihnen Hebel, Stichwahlunterstützung an konkrete inhaltliche Zusagen zu koppeln.
Risiken:
Verlorene Stichwahlchance durch Zersplitterung: Wenn neben den Grünen weitere ökologische oder linke Kleinlisten stark mobilisieren, könnte das grüne Ergebnis so verteilt werden, dass der Sprung in einen der ersten beiden Plätze unrealistisch bleibt.
Glaubwürdigkeitsfalle in der Stichwahl: Unterstützen die Grünen in der Stichwahl die CSU, riskieren sie Teile ihrer Stammwählerschaft; unterstützen sie die SPD widerwillig und ohne sichtbare inhaltliche Vereinbarung, riskieren sie, als „automatisches Anhängsel“ wahrgenommen zu werden.
Für die Grünen heißt das:
Im ersten Wahlgang die eigene Marke radikal sichtbar machen – ohne die Brücken zu SPD und CSU (z. B. bei Haushalts- und Wirtschaftsthemen) völlig abzubrechen.
Für die Stichwahl klare Kriterien formulieren: Wer glaubhaft mehr Klimaschutz, mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Transparenz in der Stadtpolitik bietet, bekommt Unterstützung – inklusive möglicher personeller Zusagen in Referaten.
Kleine Parteien: Wenige Prozent, große Wirkung
Die Ergebnisse von 2020 zeigen: AfD, Linke, Freie Wähler, FDP, ÖDP, Satire- und Kleinstparteien kamen zusammen auf rund 13–14 Prozent In einer Stichwahl können diese Stimmen entscheidend sein – insbesondere, wenn die Differenz zwischen CSU und Herausforderer im niedrigen einstelligen Bereich liegt.
Mögliche Dynamiken:
AfD-Wählerschaft dürfte tendenziell eher zu einer konservativen oder „ordnungspolitisch“ argumentierenden Kampagne wechseln – oder zur Wahlverweigerung. Für die CSU strategisch relevant: wie kann man diese Wechselwähler indirekt über Themen wie Sicherheit, Migration, Ordnung ansprechen, ohne die bürgerliche Mitte zu verschrecken.
Linke und alternative Listen werden sich klar gegen eine CSU-Stichwahlkampfposition positionieren. Ob ihre Wählerschaft geschlossen zur SPD (oder eventuell zu einem grünen Stichwahlkandidaten) wandert hängt stark von der inhaltlichen Glaubwürdigkeit ab – etwa bei Mietenpolitik oder Verkehr.
FDP und Freie Wähler sind klassische Stichwahl-Königsmacher im bürgerlichen Lager. Wirtschaftspolitik, bürgerrechtliche Themen (Überwachung, Freiheitsrechte) können den Ausschlag geben, ob sie – offiziell oder informell – eine Empfehlung aussprechen.
Kleinparteien müssen dabei nicht einmal aktiv zu Stichwahl-Empfehlungen aufrufen. Schon die Frage, ob sie ihre Wähler gezielt zur Wahlurne mobilisieren (z. B. „Geht wählen – gegen X“) oder eher zur individuellen Gewissensentscheidung aufrufen, beeinflusst die Beteiligung und damit das Ergebnis.
Was 2026 anders sein wird – und was bleibt
Im Vergleich zu 2020 haben sich die Rahmenbedingungen geändert:
Keine Pandemie-Ausnahmebedingungen mehr: Es ist – Stand heute – nicht mit einem abrupten Übergang zur reinen Briefwahl zu rechnen. Die Dynamik von Straßenwahlkampf, Haustürgesprächen und Veranstaltungen wird stärker ins Gewicht fallen.
Polarisierte Bundespolitik, fragmentierte Parteienlandschaft: Debatten über Migration, Klimaschutz, Ukrainekrieg und soziale Spaltung wirken in die Kommunalwahl hinein – aber nicht linear. Manche lokal kompetente Kandidaten können sich von der Bundesstimmung abkoppeln, andere werden davon mitgerissen.
Stärker sichtbare Stadtentwicklungs-Konflikte: Wohnungsdruck, Verkehrspolitik, Umgang mit Hitze und Starkregen, Altstadtbelebung – all das wird 2026 zugespitzter diskutiert werden als 2020.
Gleichzeitig bleibt eines gleich: Die Stichwahl ist in Großstädten wie Nürnberg wahrscheinlicher die eigentliche Entscheidung als der erste Wahlgang. Wer die OB-Kür 2026 gewinnen will, muss den Wahlkampf rückwärts denken:
Zuerst das gewünschte Stichwahl-Szenario definieren (gegen wen will ich antreten?).
Dann den ersten Wahlgang so gestalten, dass dieses Szenario plausibel wird (Profilierung ohne verbrannte Brücken).
Schließlich für den 22. März 2026 ein klares, einfach erzählbares Narrativ bereithalten:
CSU (König): „Stabilität und Verantwortung in unsicheren Zeiten.“
SPD (Ahmed): „Chancen für alle in Nürnberg – jetzt.“
Grüne (Walthelm): „Klimagerechte, lebenswerte Großstadt – jetzt konsequent.“
Nürnberg wählt also zweimal – aber politisch zählt vor allem, wer rechtzeitig versteht, dass die eigentliche Schlacht erst nach dem 8. März beginnt.




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