Vom Wirtschaftswunder-Monument zum urbanen Quartier: Die Zukunft des Quelle-Gebäudes in Nürnberg
- Kevin Kienle

- vor 3 Tagen
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Im Westen Nürnbergs ragt ein Koloss der Nachkriegszeit auf: das ehemalige Versandzentrum des Versandhauses Quelle. Entstanden in der Aufbruchszeit der Bundesrepublik, später jahrzehntelang leerstehend, erlebt dieses Bauwerk derzeit eine der größten innerstädtischen Umnutzungen Deutschlands. Heute, im Januar 2026, prägt The Q die Debatte über Denkmalschutz, Stadtentwicklung und zukunftsweisende Quartierskonzepte – zwischen Bewahrung und zeitgemäßer Nutzung. Doch was macht das Quelle-Gebäude aus, welche Herausforderungen bringt sein Umbau mit sich und was kann Nürnberg von nordischen Stadtentwicklungsmodellen lernen?
Eine Ikone der Nachkriegsmoderne: Entstehung und Bedeutung
Das Quelle-Gebäude wurde zwischen 1954 und 1967 errichtet und gehört zu den wichtigsten Werken des Architekten Ernst Neufert (1900–1986). Neufert gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der funktionalen Architektur und prägte mit seiner Bauentwurfslehre Standards in der Bauplanung. Unter seiner Feder entstand in mehreren Bauabschnitten ein funktionales Großgebäude, das mit seiner rationalen Struktur, den langen Fensterbändern und dem zurückhaltenden Klinkerbild die industrielle Logik der damaligen Zeit widerspiegelt.
Das Versandzentrum war ein Symbol des deutschen Wirtschaftswunders: Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus dem Bedarf nach Konsumgütern und Wachstum ein Unternehmen, das zu einem der größten Versandhäuser Europas wurde. Das Gebäude in der Fürther Straße stand bis zur Insolvenz der Quelle im Jahr 2009 im Zentrum dieses Geschäftsmodells – und ist bis heute Ausdruck einer Epoche, in der Industrie und Handel Deutschlands wirtschaftliche Identität formten.
Mit einer Fläche von rund 250.000 Quadratmetern zählt das Quelle-Areal zu den größten Gewerbebrachen der Republik – nur der ehemalige Flughafen Tempelhof in Berlin übertrifft es noch.
Leerstand und Denkmalschutz: Widersprüchliche Erinnerungen
Nach der Insolvenz 2009 blieb das Gebäude lange ungenutzt und wurde zum Inbegriff urbaner Brache. Für Anwohner wie für Stadtplaner stellte sich schnell die Frage: Abriss oder Umnutzung? Die bauliche Herausforderung war enorm – große Teile des Gebäudes waren ursprünglich für Logistikprozesse konzipiert, nicht für Wohnen, Gewerbe oder öffentlicher Nutzung.
Seit einigen Jahren steht das Gebäude „in großen Teilen unter Denkmalschutz“. Das bedeutet: Fassadenbild, Treppenanlagen und zentrale Erschließungszonen sollen erhalten bleiben, Umbauten müssen behutsam und mit historischen Bezügen erfolgen. Diese Auflagen schützen nicht nur ein stadtgeschichtlich bedeutendes Objekt, sondern erschweren auch gängige Umnutzungsansätze.
Der Denkmalschutz ist eine doppelte Verpflichtung: Er bewahrt Identität, setzt aber auch starre Grenzen – und fordert von Architekten wie Bauherren kreative Lösungen, um Ökonomie und Öffentlichkeit zu vereinen.
The Q: Transformation in ein urbanes Quartier
Im Kernprojekt „The Q“ wird das Quelle-Gebäude in ein gemischt genutztes Stadtquartier umgewandelt. Neben Wohnungen sind Büros, Einzelhandel, Gastronomie, soziale Einrichtungen und öffentliche Begegnungsräume vorgesehen. Es entstehen etwa 1.000 Wohneinheiten für über 2.000 Menschen, eine Kindertagesstätte sowie Räume für Gewerbe und Verwaltung. Die Stadt Nürnberg bezieht Verwaltungseinheiten im Stadthaus Q.
Architektonisch werden Lichthöfe in den Bestand eingeschnitten, um Licht und Luft in das ehemals tiefe Gebäudeinnere zu bringen und attraktiv nutzbare Räume zu schaffen. Der „Quelle-Forum“ genannte zentrale Innenraum soll als öffentliche Begegnungsfläche fungieren.
Der Umbau setzt hohe Nachhaltigkeitsstandards: Durch die Nutzung der bestehenden Bausubstanz spart das Projekt erhebliche CO₂-Emissionen im Vergleich zu einem kompletten Neubau ein – nach Berechnungen über 33.000 Tonnen CO₂-Äquivalent.
Jüngste Eröffnungen und heutige Nutzung im Erdgeschoss
Im Dezember 2025 erlebte das ehemalige Quelle-Gebäude einen historischen Wendepunkt: Im Rahmen des Quartiersprojekts The Q eröffneten im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Ensembles erstmals wieder publikumsrelevante Nutzungen. Die Supermärkte REWE, Lidl und die Drogeriekette Müller nahmen gemeinsam über 5.000 m² Verkaufsfläche in Betrieb und damit erstmals seit vielen Jahren wieder eine Nahversorgung vor Ort auf.
Der REWE-Markt eröffnete am 4. Dezember 2025 mit rund 2.000 m² Verkaufsfläche und setzt auf ein breit gefächertes Sortiment mit Frischetheke, regionalen Produkten und Convenience-Angeboten.
Die Lidl-Filiale verfügt über etwa 1.700 m² Verkaufsfläche und ergänzt das Angebot als Discount-Nahversorger.
Die Müller-Drogerie nutzt rund 2.200 m² Fläche für Drogerie-, Haushalts- und Spezialsortimente inklusive Spielwaren und Baby-/Tiersortimenten.
Diese Eröffnungen machen The Q erstmals seit Jahrzehnten als echten Quartiersstandort des Alltags erlebbar und beleben den Erdgeschossbereich erheblich. Die Verkaufsflächen fungieren dabei bewusst als Frequenzgenerator für den Quartiersalltag und sorgen für eine lokale Nahversorgung im Westen Nürnbergs.
Die Stadtverwaltung zieht 2026 ein
Ein weiterer Meilenstein für das Quartier ist der Einzug der Stadtverwaltung von Nürnberg, der für 2026 geplant ist. Die Stadt mietete rund 42 000 m² Bürofläche im sogenannten Stadthaus Q des ehemaligen Quelle-Gebäudes, um dort zentrale Verwaltungsbereiche zu bündeln und Dienstleistungen vor Ort anzubieten.
Zu den Abteilungen, die dort ihren neuen Standort beziehen sollen, gehören unter anderem:
Bürgerservice,
Amt für Kinder, Jugendliche und Familien,
Amt für Migration und Integration,
IT- und Organisations-Abteilungen sowie weitere zentrale städtische Dienstleistungen.
Damit verwandelt sich das Quartier The Q nicht nur in ein Handels- und Wohnzentrum, sondern auch in einen kommunalen Dienstleistungspunkt mit starker Aufenthalts- und Nutzungsqualität für Beschäftigte, Anwohner und Besucher gleichermaßen.
Die ersten Bauabschnitte sind bereits sichtbar, und die Umgestaltung soll sich bis 2029 hinziehen, je nach Finanzierungs- und Baufortschritt einzelner Teilgebiete.
Probleme und Kritikpunkte
Trotz der positiven Perspektiven ist das Projekt nicht konfliktfrei:
1. Zeitliche Verzögerungen:
Große Umnutzungen dauern – und für viele Anwohner ist der lange Leerstand eine Belastung. Die Erwartung auf schnelle Belebung kollidiert mit komplexen Planungs- und Genehmigungsprozessen.
2. Funktionale Heterogenität:
Die Integration von Wohnen, Gewerbe, Einzelhandel und Verwaltung in einem Gebäude ist planerisch anspruchsvoll und birgt das Risiko, dass einzelne Nutzungen weniger erfolgreich sind als erhofft.
3. Öffentlichkeit vs. Kommerz:
Ein öffentlicher Begegnungsraum kann nur dann funktionieren, wenn er nicht primär kommerziell organisiert wird. Historisch bedeutende Orte verwandeln sich sonst in konsumorientierte Räume, die weniger der Gemeinschaft als den Mietrenditen dienen.
4. Denkmalschutz als Bremse?
Während viele Experten den Denkmalschutz als erhaltenswert beschreiben, beklagen einige, dass die damit verbundenen Regularien die Anpassungsfähigkeit extrem einschränken. Egal ob Fassaden oder Treppenhäuser – jede Veränderung bedarf umfangreicher Abstimmungen.
Nordische Perspektiven: Was könnte Nürnberg lernen?
Nordische Städte wie Kopenhagen, Malmö oder Göteborg gelten als Vorreiter in der behutsamen Stadterneuerung und sozialen Quartiersentwicklung. Drei Lehren könnten für *The Q» und ähnliche Projekte nützlich sein:
1. Community-Driven Development:
In Skandinavien sind Bürgerbeteiligung und Quartiersforen integraler Bestandteil der Planung. Regelmäßige Beteiligungsprozesse vor, während und nach dem Bau schaffen Akzeptanz und passen Nutzungskonzepte an echte Bedürfnisse an.
2. Flexible Nutzungsmischung:
In Städten wie Oslo oder Helsinki werden Bauten so entworfen oder transformiert, dass Nutzungen mit der Zeit wechseln können (z. B. Arbeitsräume, Co-Living, Kulturflächen). So bleibt ein Gebäude vielfältig nutzbar, wenn sich Trends ändern.
3. Offenheit und Öffentlichkeit:
Skandinavische Quartiere integrieren Grünflächen, Platzräume und soziale Einrichtungen nicht nur als Beiwerk, sondern als soziales Rückgrat. Grünräume dienen nicht nur der Erholung, sondern als Dialogflächen zwischen Generationen, Kulturen und Nutzungen.
Nürnberg könnte bei Projekten wie dem Quelle-Areals stärker auf solche partizipativen und adaptiven Modelle setzen: Mehr öffentlich zugängliche Bereiche, kultursensible Nutzungen und langfristige Quartiersplanung statt rein ökonomischer Transformation.
Fazit
Das ehemalige Quelle-Gebäude ist mehr als eine gewaltige Immobilie – es ist ein Spiegel der Stadtgeschichte Nürnbergs, von den Nachkriegsjahren über die Konsolidierung der Wirtschaft bis hin zu aktuellen Herausforderungen der urbanen Transformation. The Q steht für die Chance, Erbe und Zukunft zu vereinen. Doch hierfür braucht es nicht nur denkmalgerechte Architektur, sondern mutige Planung, echte Bürgerbeteiligung und eine Vision, die Nürnbergs westlichen Stadtteil zu einem lebendigen, sozialen und nachhaltigen Quartier macht.
Quelle Bild: Janericloebe / Wikimedia Commons (CC BY-3.0)




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