Wenn selbst die B-Lage unbezahlbar wird – Warum Familien in Nürnberg kaum noch Wohnungen finden und was jetzt passieren müsste
- Paul Arzten

- vor 3 Tagen
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Nürnberg wächst. Doch der Wohnungsmarkt hält nicht Schritt. Was früher als vergleichsweise entspannte Alternative zu München oder Frankfurt galt, ist heute selbst zur Kostenfalle geworden – besonders für Familien. Im aktuellen U12 Podcast diskutieren Kevin Kienle und Stadtrat Paul Arzten über ihre persönlichen Erfahrungen bei der Wohnungssuche, über strukturelle Versäumnisse und über eine Stadt, die Gefahr läuft, sozial aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Drei Zimmer, 80 Quadratmeter – praktisch unmöglich
Ein Gedankenexperiment macht die Lage greifbar: Eine Familie mit einem Kind sucht in Nürnberg eine Drei‑Zimmer‑Wohnung mit rund 80 Quadratmetern. Leistbar wären – bei mittlerem Einkommen – etwa 850 Euro Kaltmiete. Das Ergebnis auf gängigen Portalen: drei verfügbare Wohnungen für das gesamte Stadtgebiet. Eine davon ist eine Tauschwohnung.
„Das ist im Grunde nichts“, sagt Paul Arzten nüchtern. Bei über 540.000 Einwohnerinnen und Einwohnern – Tendenz steigend – sei dieses Angebot ein strukturelles Warnsignal. Besonders kritisch: genau das Segment zwischen zwei und drei Zimmern, also dort, wo Singles zu Familien werden.
Nürnberg: teuer für eine B‑Stadt
Der aktuelle Mietpreisspiegel liegt je nach Quelle bei 13 bis 14 Euro pro Quadratmeter, mit einer Spanne von etwa 7 bis über 20 Euro – abhängig von Lage und Ausstattung. Beliebte Quartiere liegen längst jenseits der 15‑Euro‑Marke. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von über fünf Prozent.
Im bundesweiten Vergleich zählt Nürnberg nicht zu den sogenannten A‑Städten wie München, Berlin oder Hamburg – wird aber zunehmend so bepreist. „Teuer nicht, weil Nürnberg München wäre“, so Kevin Kienle, „sondern weil es für eine Stadt dieser Kategorie schlicht unverhältnismäßig ist.“
Gentrifizierung frisst ihre eigenen Quartiere
Besonders sichtbar wird das Problem in Stadtteilen wie Gostenhof oder der Südstadt. Viertel, die lange von kultureller Vielfalt und vergleichsweise günstigen Mieten lebten, werden saniert, aufgewertet – und verlieren genau dadurch ihre angestammte Bewohnerschaft.
Was folgt, ist bekannt: höhere Mieten, neue Zielgruppen, Verdrängung. Familien, ältere Menschen oder Haushalte mit geringerem Einkommen ziehen an den Stadtrand – oft dorthin, wo Infrastruktur fehlt.
Ohne Auto geht nichts – ein unterschätztes Problem
Ein wiederkehrendes Motiv im Gespräch: Infrastruktur. Im Nürnberger Westen etwa sei ein Alltag ohne Auto kaum möglich. Supermärkte, Arbeitswege, Arztbesuche – vieles ist mit Bus und Bahn nur schwer erreichbar.
„Die Leute sind ohne Auto schlicht aufgeschmissen“, sagt Arzten, selbst im Bürgerverein aktiv. Paradox: Sobald Infrastruktur endlich entsteht, wird das Viertel attraktiver – und damit teurer. Ein Kreislauf, der soziale Durchmischung systematisch untergräbt.
Zu wenig Neubau, zu spät reagiert
Deutschlandweit wurden 2024 nur rund 216.000 Wohnungen genehmigt – der niedrigste Wert seit über einem Jahrzehnt. Benötigt würden laut Bundesinstitut für Bau‑, Stadt‑ und Raumforschung mindestens 320.000 pro Jahr. Die Lücke: über 100.000 Wohnungen jährlich.
Für Städte wie Nürnberg bedeutet das: Selbst gut gemeinte Projekte kommen zu spät. Die neue Universität in Lichtenreuth, der Seetor City Campus oder Planungen wie Tiefes Feld sind wichtige Schritte – lösen aber kurzfristig kaum Entlastung. Zudem entstehen vielerorts vor allem Ein‑Zimmer‑Apartments, nicht der dringend benötigte familiengerechte Wohnraum.
Wohnungsfrage ist mehr als Kommunalpolitik
Arzten macht klar: Die Dimension des Problems sprengt die kommunale Ebene. Baukosten, Zinsen, Förderpolitik – vieles wird auf Landes‑ und Bundesebene entschieden. Doch Versäumnisse rächen sich lokal.
Besonders deutlich wird das im Vergleich mit Genossenschaftswohnungen: Dort, wo sie existieren, liegen die Mieten oft weit unter dem Marktniveau. Doch ihr Anteil ist gering – und wächst zu langsam.
Prävention statt Reparatur
Beide Podcaster sind sich einig: Städte müssen vorausschauend planen. Lieber ein Quartier zu viel entwickeln als zu wenig. Denn wenn Familien erst einmal verdrängt sind, kommen sie nicht zurück.
Die Wohnungsfrage entscheidet nicht nur über Quadratmeterpreise, sondern über soziale Stabilität, ökologische Mobilität und letztlich darüber, wer sich Stadt noch leisten kann.
Einordnung & Ausblick
Nürnberg steht exemplarisch für viele deutsche Großstädte mittlerer Größe. Der Druck wächst, während politische Reaktionen hinterherlaufen. Hoffnung machen neue Projekte – doch ohne klare Priorität für bezahlbaren, familiengerechten Wohnraum droht die Stadt, ihren sozialen Kern zu verlieren.
Eine Fortsetzung der Debatte ist bereits angedacht: mit weiteren Expertinnen und Experten aus der Wohnungsforschung. Notwendig wäre sie allemal.




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