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Stottern sichtbar machen: Christoph Hassel über Selbsthilfe, Politik und den Mut zur Stimme

Stottern ist eine der am stärksten missverstandenen Sprechbeeinträchtigungen – und zugleich eine der unsichtbarsten. Rund ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, doch gesellschaftlich gilt Stottern noch immer als Makel, als Störung, die man möglichst schnell „überwinden“ soll. Im Podcast von The Nuremberg Times spricht der 22‑jährige Christoph Hassel offen über seine Erfahrungen als Betroffener, Verwaltungsmitarbeiter in der Nürnberger Führerscheinstelle und aktives Mitglied im Bundesverband Stottern & Selbsthilfe (BVSS). Es ist ein Gespräch über Ausgrenzung, Selbstermächtigung – und darüber, warum Zuhören politisch ist.


„Ich stottere, seit ich denken kann“

Christoph Hassel stottert seit seiner frühen Kindheit. In der Grundschule war das kaum Thema, erzählt er – doch mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule änderte sich das spürbar. Besonders zwischen der fünften und siebten Klasse wurde das Stottern zur Belastung, auch durch Mobbing-Erfahrungen. Erst später, mit zunehmender Reife seines Umfelds und wachsendem Selbstbewusstsein, verlor das Stottern seinen dominierenden Platz im Alltag.

Heute arbeitet Hassel bei der Stadt Nürnberg in der Führerscheinstelle – ein klassischer „Sprechberuf“. Dass ausgerechnet hier ein junger Mann mit Stottern täglich im direkten Bürgerkontakt steht, ist für ihn kein Widerspruch, sondern ein Statement: Sichtbarkeit entsteht dort, wo man sie nicht erwartet.


Selbsthilfe statt Sprachoptimierung

Seit knapp zwei Jahren engagiert sich Hassel im Bundesvorstand des BVSS. Die Organisation versteht sich als Interessenvertretung, Vernetzungsplattform und Aufklärungsinstanz. Ein zentraler Unterschied zu klassischen therapeutischen Angeboten: In der Selbsthilfe geht es nicht primär darum, Stottern zu „vermeiden“ oder flüssiges Sprechen zu trainieren.


„In der Selbsthilfe darf man so stottern, wie man eben stottert“, sagt Hassel. Ob mit Technik oder ohne, ob flüssig oder mit vielen Symptomen – entscheidend sei der geschützte Raum. Diese Akzeptanz habe für viele Betroffene eine enorme Wirkung auf die Lebensqualität. Besonders junge Menschen profitierten vom Austausch mit älteren Mitgliedern, die ihre Erfahrungen weitergeben – nicht aus therapeutischer Notwendigkeit, sondern aus Solidarität.


Flow-Gruppen für Stottern und der Wert von Zeit

Ein Beispiel für moderne Selbsthilfeformate sind die sogenannten Flow-Gruppen, etwa in Nürnberg. Sie richten sich an 16‑ bis 35‑Jährige und verbinden Austausch mit gemeinsamen Freizeitaktivitäten – vom Volksfest bis zum Christkindlesmarkt. Der Fokus liegt weniger auf Problemanalyse als auf Begegnung.


Was im Alltag oft fehle, sagt Hassel, sei vor allem eines: Zeit. Der ständige innere Druck, möglichst schnell und „normal“ zu sprechen, begleite viele Betroffene selbst dann, wenn das Umfeld eigentlich geduldig sei. In den Gruppen hingegen dürfe man sich diese Zeit nehmen – ohne Rechtfertigung.


Politische Sichtbarkeit auf Instagram

Seit 2024 nutzt Hassel gezielt soziale Medien, um das Thema Stottern in den politischen Raum zu tragen. Anlass war der Welttag des Stotterns am 22. Oktober. Er schrieb Landtags‑ und Bundestagsabgeordnete an, fragte nach Unterstützung – und stieß auf unerwartet offene Türen. Videodrehs im Bayerischen Landtag, Gespräche mit Nürnbergs Oberbürgermeister Markus König und Sozialreferentin Elisabeth Ries folgten.


Warum Politik? „Politiker haben Reichweite“, sagt Hassel nüchtern. Sichtbarkeit in diesem Kontext bedeute nicht Symbolpolitik, sondern konkrete Aufklärung – auch für Betroffene, die sich bislang allein fühlten. Besonders eindrücklich: In einem Gespräch stellte sich heraus, dass ein politischer Mitarbeiter selbst stottert. Ein Moment, der zeigt, wie viel Unsichtbares es noch gibt.


Was viele falsch machen – und wie es besser geht

Gesellschaftlich werde Stottern vor allem im Umgang missverstanden, so Hassel. Gut gemeinte, aber kontraproduktive Reaktionen seien weit verbreitet: Sätze beenden, Worte vorwegnehmen, Ratschläge wie „Atme mal tief durch“. Dabei sei die Lösung banal – und anspruchsvoll zugleich: normale Gesprächsregeln einhalten. Ausreden lassen. Blickkontakt halten. Geduld zeigen.

Diese Haltung wünscht sich Hassel auch von Arbeitgebern, Behörden und Schulen. Nachteilsausgleiche dürften kein Gnadenakt sein, Bewerbungen kein Risiko. Stottern müsse als Teil menschlicher Vielfalt verstanden werden – nicht als Defizit.


„Es lohnt sich, Hilfe anzunehmen“

Seine Botschaft an Betroffene ist klar: Selbsthilfe kann Leben verändern. Der Schritt koste Überwindung, zahle sich aber aus – in mehr Lebensfreude, mehr Selbstakzeptanz, mehr Mut zur eigenen Stimme. Der Rückblick auf die eigene Entwicklung der letzten vier Jahre lässt für Hassel keinen Zweifel.


Seine Vision? Eine Gesellschaft, in der Stottern sichtbar ist, ohne erklärt werden zu müssen. In der Barrieren kleiner werden, nicht durch Mitleid, sondern durch Verständnis. Und in der Zuhören wieder das wird, was es sein sollte: eine aktive, respektvolle Handlung.


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