Hass, Hetze und die digitale Einschüchterung: Dr. Nasser Ahmed über Social Media, Demokratie und Nürnberg
- Kevin Kienle

- 23. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Hunderte Kommentare in wenigen Stunden, Gewaltfantasien, rassistische Beleidigungen, orchestrierte Empörungswellen: Was für viele Nutzerinnen und Nutzer abstrakt klingt, ist für Politiker, Journalistinnen und Menschen mit Migrationsgeschichte längst Alltag. Im Podcast von The Nuremberg Times spricht der Nürnberger SPD-Politiker und Oberbürgermeisterkandidat Dr. Nasser Ahmed ungewöhnlich offen über digitale Hasskampagnen, ihre psychologischen Folgen – und darüber, warum Rückzug für ihn keine Option ist.
„Etwas ist aus dem Ruder geraten“
Ahmed beschreibt die gegenwärtige Situation in sozialen Netzwerken als „absolute Entgleisung“. Wer sich öffentlich zu Demokratie, sozialer Gerechtigkeit oder Antirassismus äußere, müsse insbesondere auf Facebook mit massiver Feindseligkeit rechnen: Beleidigungen, Hetze, Gewaltaufrufe. Auffällig sei dabei weniger die inhaltliche Auseinandersetzung als die Gleichförmigkeit vieler Kommentare.
„Das sind oft generische Textbausteine aus der bundespolitischen Debatte, eins zu eins unter kommunalpolitische Beiträge kopiert“, sagt Ahmed. Der Verdacht: koordinierte Aktionen, teils unterstützt durch Bots, organisiert über Telegram-Gruppen und rechtsextreme Netzwerke. Ziel sei nicht Debatte, sondern Einschüchterung.
Wenn Minderheiten laut werden
Besonders problematisch findet Ahmed die Verzerrung öffentlicher Wahrnehmung. Eine kleine, hochaktive Gruppe erzeuge den Eindruck gesellschaftlicher Mehrheiten, die es real so nicht gebe. Studien zufolge – so Ahmed – seien rund fünf Prozent der User für etwa die Hälfte aller Hassbotschaften verantwortlich.
Die Folge: Menschen beginnen, sich selbst zu zensieren. „Man fragt sich unterschwellig: Bin ich mit meiner Haltung allein?“, sagt Ahmed. Genau darin liege die Gefahr für die Demokratie – weniger in der Beleidigung selbst als in der schleichenden Verdrängung legitimer, mehrheitsfähiger Positionen aus dem öffentlichen Raum.
Wo Kritik endet und Menschenwürde beginnt
Ahmed plädiert ausdrücklich für eine weit gefasste Meinungsfreiheit. Nicht jede scharfe oder unbequeme Kritik sei problematisch. Die Grenze verlaufe dort, wo anderen Menschen grundlegende Rechte abgesprochen würden.
„Wenn Positionen vertreten werden, die implizit sagen: Du gehörst hier nicht her, du hast weniger Rechte – dann ist die Menschenwürde verletzt“, sagt er. Spätestens bei Beleidigungen, Gewaltaufrufen oder der Delegitimierung ganzer Bevölkerungsgruppen sei staatliches und gesellschaftliches Handeln gefragt.
Warum es immer dieselben trifft
Dass sich Hass besonders gegen Politikerinnen, Journalisten und Menschen mit Migrationsgeschichte richtet, hält Ahmed für kein Zufallsprodukt. Er ordnet die Angriffe in eine internationale autoritäre Strategie ein: Opposition delegitimieren, kritische Medien diskreditieren, unabhängige Institutionen schwächen.
„Von Orbán über Erdoğan bis Trump sehen wir dieselben Muster“, sagt Ahmed. Auch deutsche Rechtsextreme lernten aus diesen Vorbildern. Wer für Transparenz, Demokratie und Pluralismus stehe, werde gezielt attackiert.
Nicht mundtot machen lassen
Trotz der Belastung hat Ahmed nie ernsthaft erwogen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. „Wenn ich zurückstecke, haben sie gewonnen“, sagt er. Entscheidend sei für ihn der Rückhalt außerhalb des Netzes: Familie, Freundeskreis, Vereine, persönliche Gespräche.
Soziale Medien seien nur ein Ausschnitt der Realität – oft ein verzerrter. Hoffnung schöpfe er aus Begegnungen auf Nürnbergs Straßen, in Schulen, bei Vereinen. „Die große Mehrheit ist vernünftig“, sagt Ahmed. „Sie will eine Stadt der Chancen – unabhängig von Herkunft, Aussehen oder Religion.“
„Mein N-Wort ist Nürnberg“ – eine bewusste Provokation
Besonders viel Aufmerksamkeit erregte zuletzt ein Wahlkampfplakat mit der Aufschrift: Mein N-Wort ist Nürnberg. Für Ahmed ist es eine direkte Antwort auf rassistische Anfeindungen, die ihn seit Jahren begleiten.
„Ich lasse mir meine Identität nicht von Rechtsextremen festlegen“, sagt er. Nürnberg sei seine Heimat – und der Ort, für den er politische Verantwortung übernehmen wolle. Gleichzeitig nimmt er Kritik ernst, auch von Menschen, die sich durch die Kampagne verletzt fühlten. „Auch ich kenne Rassismus und Schmerz“, betont Ahmed. Gerade deshalb wolle er als Oberbürgermeister konsequent für Menschenwürde und gegen Diskriminierung eintreten.
Was jungen Engagierten hilft
Einfache Ratschläge für den politischen Nachwuchs will Ahmed nicht geben. Zu sehr hätten sich die Zeiten verändert. Ein Punkt sei ihm dennoch wichtig: der Ausgleich. Nicht jedes Posting, sondern reale Begegnungen seien langfristig wirksamer.
„Politik lebt vom persönlichen Kontakt“, sagt Ahmed. „Social Media ist wichtig – aber nicht alles.“
Der Umgang mit Hass im Netz ist längst keine Randfrage mehr, sondern eine demokratische Kernherausforderung. Dr. Nasser Ahmeds Erfahrungen zeigen, wie gezielt digitale Räume zur Einschüchterung genutzt werden – und wie wichtig es ist, ihnen Öffentlichkeit, Solidarität und klare Haltung entgegenzusetzen.
Quelle Bild: Rüdiger Löster




Kommentare