Serbien-Wahl: Studentenliste fordert Vučić am Sonntag heraus
Das Wichtigste in Kürze
Serbien wählt am Sonntag, 25. Oktober 2026, vorzeitig ein neues Parlament; regulär wäre die Wahl erst Ende 2027 fällig gewesen.
Aleksandar Vučić ist Ende September als Präsident zurückgetreten und tritt nun für seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten an.
Hauptgegner ist eine Liste, die aus der Studentenbewegung hervorgegangen ist; sie entstand nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024 mit 16 Toten.
Die Wahllokale schließen um 20 Uhr; erste vorläufige Ergebnisse werden gegen 22 Uhr erwartet.
In Serbien entscheidet sich am Sonntag, ob Aleksandar Vučić an der Macht bleibt. Das Land wählt am 25. Oktober 2026 vorzeitig ein neues Parlament. Vučić, seit zwölf Jahren als Ministerpräsident oder Präsident an der Spitze des Staates, ist Ende September als Präsident zurückgetreten und bewirbt sich nun für seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) um das Amt des Ministerpräsidenten. Herausgefordert wird er von einer Liste, die aus den monatelangen Studentenprotesten entstanden ist.
Die Parlamentswahl war regulär erst für Ende 2027 vorgesehen. Eine dritte Amtszeit als Präsident schließt die serbische Verfassung aus. Kritiker vermuten laut taz, dass Vučić mit der vorgezogenen Wahl nach den Protesten die Initiative zurückgewinnen will.
Wer tritt bei der Wahl in Serbien an?
Vučićs SNS regiert Serbien seit 2012 und tritt in einem Bündnis an, das die taz „Vereintes Serbien“ nennt. Ihr wichtigster Gegner ist die Studentenliste, die unter dem Namen „Studenti pobeduju“ (Studenten siegen) antritt. Nach einem Bericht des ORF umfasst sie rund 250 Personen, darunter Professorinnen und Professoren, Ärzte, Künstler, Sportler und Unternehmer; die Fakultäten hatten bei der Auswahl ein Vetorecht. Studierende selbst stehen laut taz nicht zur Wahl, sondern Menschen mit lokalem bürgerschaftlichem Engagement.
Das Programm der Liste umfasst laut ORF elf Punkte. Im Mittelpunkt stehen der Kampf gegen Korruption, die Aufarbeitung von Amtsmissbrauch sowie Reformen in Bildung und Gesundheit. Zu Wirtschafts- und Außenpolitik äußert sich die Liste bislang wenig. Einige Oppositionsparteien treten nicht an und unterstützen stattdessen die Studentenliste, berichtet Al Jazeera.
Warum protestieren Serbiens Studierende?
Auslöser der Bewegung war der Einsturz des Betonvordachs am Bahnhof von Novi Sad am 1. November 2024. 16 Menschen starben. Daraus entstand eine landesweite Protestbewegung gegen mutmaßliche Korruption und gegen den Umgang der Regierung mit dem Unglück. Die Studierenden organisierten die größten Demonstrationen seit dem Sturz von Slobodan Milošević. Ihre Abschlusskundgebung vor der Wahl hielt die Studentenliste am 22. Oktober am Slavija-Platz in Belgrad ab.
Wie funktioniert die Wahl?
Gewählt werden die 250 Abgeordneten der Nationalversammlung nach Verhältniswahlrecht in einem einzigen landesweiten Wahlkreis. Es gilt eine Sperrklausel von drei Prozent, von der anerkannte Listen nationaler Minderheiten ausgenommen sind. Die Regierung stellt, wer eine Mehrheit der 250 Sitze hinter sich bringt. Wahlberechtigt sind laut taz rund 6,4 Millionen Menschen.
Die Wahllokale schließen am Sonntag um 20 Uhr Ortszeit, das entspricht der deutschen Zeit. Vorläufige Ergebnisse werden nach Angaben von Al Jazeera etwa zwei Stunden später erwartet. Das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE (ODIHR) hat eine Wahlbeobachtungsmission nach Serbien entsandt.
Vorwürfe vor dem Wahltag
Die serbische Wahlbeobachtungsorganisation CRTA warnte nach ORF-Angaben vor einem Zusammenbruch der Kontrollmechanismen, vor Missbrauch des Sicherheitsapparats, Druck auf Wählerinnen und Wähler und rechtswidriger Überwachung der Opposition. Kritisiert wird außerdem, dass das Wählerverzeichnis die tatsächliche Wählerschaft nicht abbilde. Regierungsnahe Medien und Amtsträger bezeichnen die Studierenden als vom Ausland gesteuert, berichtet die taz.
Die Studentenliste gibt an, mehr als 200.000 Aktivistinnen, Aktivisten und geschulte Beobachter zu haben, die fast alle 8.392 Wahllokale abdecken sollen. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Von ORF befragte Fachleute halten einen Sieg der Studentenliste für ungewiss und erwarten ein knappes Rennen.
Was offen ist
Ob die Studentenliste genug Stimmen für eine Regierungsmehrheit gewinnt oder Koalitionspartner braucht.
Wie die Wahlbeobachter von OSZE und CRTA den Ablauf bewerten.
Wann eine separate Präsidentschaftswahl angesetzt wird.
Weitere internationale Nachrichten finden Sie in der Rubrik Welt.
Grundlage: Berichte von Al Jazeera und taz vom 23. Oktober 2026, ORF vom 28. September 2026, Mitteilung des OSZE-Büros ODIHR zur Wahlbeobachtung. Eigene Einordnung.
Titelbild: Das Haus der Nationalversammlung in Belgrad – kallerna / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0





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