Korallenriffe: IUCN sieht fast alle Riffe vom Kollaps bedroht
Das Wichtigste in Kürze
Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft 96 Prozent der untersuchten Korallenriff-Ökosysteme als „vom Aussterben bedroht“ ein, die höchste Gefährdungsstufe.
Für diese Riffe sieht die Bewertung ein extrem hohes Risiko, dass sie bis 2075 kollabieren.
Untersucht wurden alle warmen, flachen Korallenriffe in 127 tropischen und subtropischen Ökoregionen mit zusammen 188.362 Quadratkilometern Fläche.
Hauptursache ist Hitzestress durch den Klimawandel; Überfischung bedroht zusätzlich 63 Prozent der Riff-Ökosysteme.
Fast alle Korallenriffe der Welt sind vom Zusammenbruch bedroht. Zu diesem Ergebnis kommt die erste weltweite Bewertung von Korallenriff-Ökosystemen für die Rote Liste der Ökosysteme der Weltnaturschutzunion IUCN, die am 22. Oktober 2026 veröffentlicht wurde. Demnach gelten 96 Prozent der bewerteten Riff-Ökosysteme als „Critically Endangered“, also vom Aussterben bedroht. Für sie besteht ein extrem hohes Risiko, bis 2075 zu kollabieren.
Die Bewertung umfasst alle warmen, flachen Korallenriffe in 127 tropischen und subtropischen Ökoregionen mit insgesamt 188.362 Quadratkilometern Riffläche. Beteiligt waren nach IUCN-Angaben mehr als 250 Expertinnen und Experten; untersucht wurden Riffe in mehr als 80 Ländern und Gebieten.
Welche Korallenriffe sind betroffen?
Als vom Aussterben bedroht stuft die IUCN unter anderem diese Riffsysteme ein:
das Great Barrier Reef vor Australien,
das Korallendreieck im westlichen Pazifik und in Südostasien,
das Mesoamerikanische Barriereriff in der Karibik,
die Korallenriffe des Roten Meeres.
Eine Ausnahme bildet das nördliche Rote Meer: Auf Basis der jüngsten Entwicklung gelten die Riffe dort als „gefährdet“ (Vulnerable) und nicht als vom Aussterben bedroht. Die Riffe der westlichen Galápagos-Inseln gelten bereits seit dem El-Niño-Ereignis 1982/83 als kollabiert. Für vier der 127 Ökoregionen reichten die Daten für eine Einstufung nicht aus.
Was bedeutet der Kollaps eines Korallenriffs?
Ein Riff gilt nach der Definition der IUCN als kollabiert, wenn die harten, riffbildenden Korallen fast verschwunden sind und Algen, Geröll und Schwämme dominieren. Das Ökosystem verliert dann seine Artenvielfalt, und die Nahrungsnetze brechen zusammen.
Warum sterben die Korallenriffe?
Die am durchgängigsten wirkende Bedrohung ist laut IUCN Hitzestress durch den Klimawandel. Meereserwärmung und marine Hitzewellen lösen Massenbleichen aus und lassen immer mehr Korallen absterben. Bei einer Korallenbleiche stoßen Korallen unter Hitzestress die Algen ab, mit denen sie zusammenleben; sie verlieren dadurch Farbe und eine wichtige Nahrungsquelle.
Die Klimaprojektionen machen den Unterschied: Würde man nur die beobachteten Veränderungen der vergangenen 50 Jahre zugrunde legen, wären nach IUCN-Angaben 24 Prozent der Riff-Ökosysteme vom Aussterben bedroht. Die Bewertung rechnet mit einem mittleren Szenario des Weltklimarats IPCC, das bis zum Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung der Atmosphäre um 2,7 Grad projiziert.
Hinzu kommt die Überfischung wichtiger Fischgruppen wie Papageifische und Zackenbarsche. Sie bedroht 63 Prozent der Korallenriff-Ökosysteme, besonders in Ostasien, im westlichen Indischen Ozean, in der Karibik und vor Brasilien, und schwächt die Fähigkeit der Riffe, sich nach Hitzeperioden zu erholen. Weitere Belastungen sind Küstenbebauung, Verschmutzung, Massentourismus, Aquakultur, häufigere Stürme und Ausbrüche des Dornenkronenseesterns.
Parallel hat die IUCN 892 riffbildende Korallenarten neu bewertet. 44 Prozent davon sind vom Aussterben bedroht.
Was die IUCN fordert
IUCN-Generaldirektorin Dr. Grethel Aguilar bezeichnete Korallenriffe als eines der deutlichsten Lebenszeichen für die Gesundheit der Ozeane. Es sei nicht zu spät, es brauche aber entschlossenes Handeln gegen den Klimawandel. Die IUCN fordert ehrgeizige Emissionssenkungen, besseren Schutz und die Wiederherstellung von Riffen sowie Investitionen in widerstandsfähige Küstenökosysteme und die Gemeinden, die von ihnen leben.
Dr. Mishal Gudka von CORDIO East Africa, verantwortlich für die wissenschaftliche Leitung der Bewertung, nannte das steigende Kollapsrisiko einen Weckruf und keinen Grund zur Verzweiflung. Neben Emissionssenkungen seien saubere Küstengewässer und nachhaltige Fischerei nötig. Emily Nicholson, die bei der IUCN die Arbeitsgruppe zur Roten Liste der Ökosysteme leitet, sprach sich dafür aus, den lokalen Druck auf die Riffe zu verringern, Meeresschutzgebiete auszuweiten und Fischbestände wiederherzustellen.
Was offen ist
Ob die Staaten die Emissionen so weit senken, dass sich die Prognose noch abschwächen lässt; die Einstufung beruht maßgeblich auf Klimaprojektionen.
Wann die IUCN die Bewertung wiederholt. Die MSC Foundation, eine wichtige Geldgeberin der Bewertung, mahnt regelmäßiges Monitoring an.
Mehr zu Klima und Umwelt lesen Sie auf der Seite Umwelt von The Nuremberg Times.
Grundlage: Pressemitteilung der IUCN vom 22. Oktober 2026 („Virtually all coral reef ecosystems face high risk of collapse in 50 years“). Eigene Übersetzung und Einordnung.
Titelbild: Korallenriff mit teils ausgebleichten Korallen (Symbolbild) – Jay Galvin / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY 2.0





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