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Hitze in Nürnberg: Wie belastbar die Infrastruktur ist

Die Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg (VAG) hält seit dem 29. Juli ein Notprogramm gegen die Hitze bereit: Der Schleifwagen ist rund um die Uhr im Einsatz, asphaltierte Streckenabschnitte werden mit Wasser besprüht, für den Fall einer Betriebseinstellung wären nach Angaben des Unternehmens 23 Busse für den Ersatzverkehr nötig. Anlass ist eine Prognose von Temperaturen bis über 30 Grad – und die Erfahrung des 27. Juni, als das gesamte Nürnberger Straßenbahnnetz zum Erliegen kam.


Damit reagiert ein kommunales Verkehrsunternehmen mit Winterdienstfahrzeugen auf ein Sommerproblem: Zum Kühlen des Asphalts nutzt die VAG nach eigenen Angaben jene Wagen, die im Winter Salzsole ausbringen. Es ist die improvisierteste Form von Klimaanpassung, die derzeit in Nürnberg zu besichtigen ist – und zugleich die aufschlussreichste.


Parallel läuft die Anpassung an anderer Stelle geordneter ab. Am 30. Juli nahmen Oberbürgermeister Marcus König und Heiko Linder, Leiter der Konzernkommunikation bei der N-Ergie, an der Ecke Königstraße/Klaragasse die erste Sprühnebelsäule der Stadt in Betrieb.


Über den Sebalder und Lorenzer Reichswald wiederum ordnete die Regierung von Mittelfranken für Freitag, Samstag und Sonntag Luftbeobachtung an. Drei Vorgänge, drei Akteure, ein gemeinsamer Nenner.


Was am 27. Juni geschah

Der Auslöser des Netzstillstands war ein Baustoff, der bei Hitze seine Konsistenz verliert. Nach Darstellung der VAG löste sich die Füllmasse Bitumen infolge tagelanger sehr hoher Temperaturen und verteilte sich sowohl auf den Schienen als auch an den Fahrwerken der Straßenbahnen. Die Schäden entstanden am späten Nachmittag des Samstags, 27. Juni, in einer Kettenreaktion. Betroffen waren das gesamte Straßenbahnnetz und alle eingesetzten Fahrzeuge. Hinzu kamen sogenannte Blow-ups, bei denen die asphaltierte Straßendecke aufplatzt – die VAG nannte als Beispiel die Gugelstraße.


Noch am Samstagabend stellte das Unternehmen den Straßenbahnbetrieb ein. Es gehe um Sicherheit, erklärte Tim Dahlmann-Resing, Sprecher des VAG-Vorstands, in der Mitteilung vom 29. Juni: „die Sicherheit unserer Fahrgäste und Mitarbeitenden steht für uns jederzeit an erster Stelle." Busse und Taxis übernahmen vor allem auf den Außenästen und brachten Fahrgäste zu den U-Bahnhöfen.


55 Straßenbahnen mussten im 24-Stunden-Betrieb von Bitumen befreit werden, das sich an Weichen, Rädern, Radlagern und Bremsen festgesetzt hatte. Die Reinigungsarbeiten nahmen nach Angaben der VAG rund zwei Wochen in Anspruch. Ab Mittwoch, 15. Juli, waren alle Strecken wieder im Fahrgastbetrieb; zuletzt konnten die Linien 5 und 11 wieder bis zur Endstation Tiergarten fahren. Am darauffolgenden Wochenende fuhren die Straßenbahnen kostenlos – von der VAG als „kleine Wiedergutmachung" bezeichnet.


Die Kostenangaben wuchsen im Verlauf. In ihrer Mitteilung vom 29. Juni bezifferte die VAG die Schäden der vorangegangenen Tage auf mehrere Hunderttausend Euro. Anfang Juli schätzten Fahrweg-Bereichsleiter Konrad Schmidt und Pressesprecherin Elisabeth Seitzinger die Kosten für die Arbeiten – ohne die eigene VAG-Manpower – auf grob 200.000 Euro. Am 13. Juli erklärte Seitzinger: „Wir gehen von Kosten in einem hohen sechsstelligen Euro-Betrag aus."


Einnahmeausfälle waren darin nach ihren Angaben noch nicht eingerechnet. Eine abschließende Gesamtbilanz ist bislang nicht veröffentlicht.


Das Notprogramm: Schleifwagen, Wasser, Sand

Aus diesem Ablauf hat die VAG ein Maßnahmenpaket abgeleitet, das sie am 29. Juli bekannt gab. Der Schleifwagen ist rund um die Uhr im Einsatz, um Bitumenrückstände zu beseitigen. Asphaltierte Bereiche werden mit Wasser besprüht, „was für entsprechende Kühlung sorgt", wie es in der Mitteilung heißt. Wo nötig, stumpft Sand die klebrige Oberfläche ab. Gleise und Fahrzeuge werden engmaschig kontrolliert.


Einzelne Bushaltestellen in Gleisbereichen können nicht wie gewohnt bedient werden; die VAG weicht auf Ersatzhaltestellen aus. Für einen Ersatzverkehr auf den Linien 4, 5, 6, 7, 8, 10 und 11 wären nach Unternehmensangaben 23 Busse nötig. Ein Servicetelefon ist rund um die Uhr geschaltet.


Die Grenze zieht das Unternehmen ausdrücklich: „Sollte sich herausstellen, dass ein sicherer Straßenbahnbetrieb aufgrund der Hitze nicht mehr möglich ist, werden wir ihn einstellen." Eine Betriebseinstellung, so die VAG, sei die letzte Option. Sie ist damit aber Teil des Regelwerks geworden. Bereits in der Mitteilung vom 13. Juli hielt das Unternehmen fest, im Extremfall sehe die Dienstanweisung die vorsorgliche Betriebseinstellung vor – noch bevor Schäden entstehen.

Das ist die eigentliche Verschiebung. Bis Ende Juni war der Netzstillstand ein Störfall. Seither ist er ein vorgesehener Betriebszustand.


Die Materialfrage ist ungelöst

Kurzfristig lässt sich Bitumen kühlen und abschleifen. Langfristig stellt sich die Frage nach dem Material selbst – und darauf hat die Branche bislang keine Antwort.


Konrad Schmidt, Geschäftsbereichsleiter Fahrweg der VAG, sagte Anfang Juli über die Suche nach Ersatzstoffen für das temperaturempfindliche Bitumen: „seit Jahren sind wir da aber auch noch nicht viel weiter gekommen." Die VAG steht dazu in engem Austausch mit Materialkundlern der Technischen Universität Darmstadt. Zu Zeithorizont, Umfang oder Finanzierung dieser Zusammenarbeit liegen keine öffentlichen Angaben vor.


Schmidt benannte die verbliebenen Optionen entsprechend nüchtern: „Ob man das Gleis kühlen kann oder die Fugen mit abstumpfenden Mitteln bestreuen – das darf auf gar keinen Fall nochmal passieren. Worst Case könnte sein, dass wir prophylaktisch bei mehreren heißen Tagen den Betrieb einstellen müssen." Das Thema, schätzte er, werde „uns noch über Monate und Jahre beschäftigen".


Bemerkenswert ist, wo die VAG darüber hinaus ansetzt. Werkstattleiter Thomas Luber verwies auf die Stadtbegrünung: „Straßen in denen keine Bäume stehen, sind sehr belastet. Bäume machen klimatisch sehr viel aus in der Stadt." Ein Verkehrsunternehmen, das die Belastbarkeit seines Gleisnetzes mit der Baumpflanzung der Kommune verknüpft, beschreibt damit präzise, warum Klimaanpassung nicht in Zuständigkeiten zu zerlegen ist.


Wer das bezahlen soll, hat die VAG bereits Mitte Juli adressiert. Dahlmann-Resing erklärte in der Mitteilung vom 13. Juli: „Wir brauchen in jedem Fall die finanzielle Unterstützung des Bundes und der Länder, in unserem Fall des Freistaates Bayern, bei der Finanzierung von Hitzeschäden und des Umbaus unserer Infrastruktur." Damit ist die Zuständigkeitsfrage benannt, bevor sie gestellt wurde.


Kühlung an der Oberfläche: Sprühnebel und Trinkbrunnen

Während die VAG an der Substanz arbeitet, setzt die Stadt an der Wahrnehmung an. Die erste Sprühnebelsäule ging am 30. Juli an der Königstraße/Klaragasse in Betrieb. Zur Zahl der weiteren Standorte gehen die Angaben auseinander. Die Stadt Nürnberg selbst teilt mit, die N-Ergie plane zeitnah zwei weitere Geräte; nordbayern.de nannte dazu am 30. Juli den Lorenzer Platz nahe dem U-Bahn-Aufgang und die Karolinenstraße. t-online berichtete dagegen in einer am 1. August aktualisierten Fassung von insgesamt vier Geräten und führte als mögliche Standorte die Karolinenstraße, die Lorenzkirche sowie einen Platz in Richtung Hauptmarkt an. Eine abschließende Standortliste hat die Stadt bislang nicht veröffentlicht.


Die Technik ist bewusst einfach. Feinste Düsen geben kleinste Wassertröpfchen an die Umgebung ab, die in der Luft oder auf der Haut verdunsten. Die tatsächliche Lufttemperatur verändert sich dadurch nicht – die gefühlte schon. Kältemittel kommen nicht zum Einsatz.

Aufschlussreicher als die Technik ist die Finanzierung. Die N-Ergie bezahlt die Geräte; nach Angaben von t-online kostet eine einzelne Säule 4.000 bis 5.000 Euro. König sagte demnach auf die Frage nach den Kosten, die Stadt habe dafür derzeit kein Geld, weshalb die N-Ergie die Finanzierung übernommen habe – „und somit bin ich sehr zufrieden". Heiko Linder von der N-Ergie erklärte: „Ich finde, das hat auch Vorbildcharakter."


Ein Kühlungsangebot im öffentlichen Raum, finanziert von einem Energieversorger, weil die Kommune die vier- bis fünfstellige Summe nicht aufbringt: Der Vorgang lässt sich als kleinste sichtbare Ausprägung der Nürnberger Finanzlage lesen. Einen ausdrücklichen Zusammenhang zur tags zuvor verhängten Haushaltssperre stellt der Bericht allerdings nicht her.


Die Säulen ergänzen ein Netz von inzwischen mehr als 30 Trinkwasserbrunnen im Stadtgebiet. Vorausgegangen war am Dienstag, 14. Juli, eine Pop-up-Aktion, bei der ein mobiler Vernebler des Referats für Umwelt und Gesundheit von 11 bis 15 Uhr auf dem Hauptmarkt zum Ausprobieren stand. Der Termin der Inbetriebnahme war kein Zufall: Der 30. Juli war zugleich der Eröffnungstag des Bardentreffens, das bis zum 2. August läuft. Der Standort an Königstraße und Klaragasse liegt auf einem der Wege, die viele Besucherinnen und Besucher Richtung Innenstadt und Hauptmarkt nutzen.


Man sollte die Reichweite dieser Maßnahme nicht überschätzen. Eine Sprühnebelsäule kühlt einen begrenzten Bereich für die Dauer des Aufenthalts und verändert die Lufttemperatur nach Angaben der Beteiligten nicht. Sie ersetzt keine Verschattung, keine Entsiegelung, keinen Baum. Sie ist ein Angebot für den Moment – und als solches sinnvoll.


Der Hitzeaktionsplan und seine Reichweite

Der institutionelle Rahmen dafür existiert seit vier Jahren. Die Ausschüsse für Umwelt und Gesundheit des Nürnberger Stadtrats beschlossen 2022 den ersten Hitzeaktionsplan, um die gesundheitlichen Folgen von Hitzeereignissen zu reduzieren.


Der Plan adressiert ausdrücklich besonders gefährdete Gruppen: ältere Menschen, Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder, im Freien Arbeitende sowie Menschen in Gemeinschaftsunterkünften und ohne Wohnung. Er umfasst 16 Maßnahmen, die nacheinander umgesetzt werden.

Akut wirken sollen Aufklärungskampagnen, die Ansprache von Hausärztinnen und Hausärzten zur Überprüfung von Medikationen, ein Hitzewarnsystem auf Basis der Daten des Deutschen Wetterdienstes, ein Hitzetelefon und Hitzepaten, öffentlicher Zugang zu Trinkwasser sowie Karten mit kühlen und schattigen Orten. Hinzu kommen Vorkehrungen für Pflegeeinrichtungen, Kitas und die Jugendhilfe.


Langfristig zielt der Plan auf die Stadtstruktur: Grünflächenplanung und Baumpflanzungen, Gebäudebegrünung, Wasserflächen, wasserdurchlässige Beläge und Frischluftschneisen. Die Koordinierung liegt beim Referat für Umwelt und Gesundheit; Monitoring und jährliche Evaluierung sind selbst als Maßnahme im Plan verankert, der Fortschritt wird dem Stadtrat jährlich berichtet.


Die Sprühnebelsäulen und die Trinkbrunnen sind sichtbare Teile der ersten Kategorie. Wie weit die zweite – die bauliche – in Nürnberg fortgeschritten ist, geht aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht in Form messbarer Zwischenstände hervor.


Dritte Front: die Wälder

Der dritte Strang dieser Woche führt aus der Stadt hinaus. Die Regierung von Mittelfranken ordnete in Abstimmung mit dem regionalen Waldbrandbeauftragten der Bayerischen Forstverwaltung für Freitag, den 31. Juli, sowie für Samstag und Sonntag Luftbeobachtung als Maßnahme der vorbeugenden Waldbrandbekämpfung an. Grundlage ist die Darstellung des Deutschen Wetterdienstes, wonach die Waldbrandgefahr in Mittelfranken am Wochenende hoch bis sehr hoch ist.


Im Blick sind vor allem lichte Kiefernbestände und stark besuchte Wälder in Ballungsräumen – namentlich der Sebalder und der Lorenzer Reichswald bei Nürnberg. Als Stützpunkte dienten Weißenburg i. Bay. am Freitag, Rothenburg o. d. T. am Samstag und Schwabach-Büchenbach am Sonntag.


Die Reichswälder sind kein Naherholungsgebiet unter anderen; sie umgeben die Stadt zu großen Teilen. Dass sie aus der Luft überwacht werden, während in der Innenstadt Nebelsäulen gegen die Hitze anlaufen, beschreibt denselben Sommer von zwei Seiten.


Was die Woche offenlegt

Der Zusammenhang, der sich hier abzeichnet, ist kein meteorologischer, sondern ein infrastruktureller. Eine Straßenbahn fällt nicht wegen der Temperatur aus, sondern weil ein Dichtstoff für ein anderes Temperaturregime ausgelegt wurde. Ein Wald wird nicht überwacht, weil es heiß ist, sondern weil Bestandsstruktur und Besucherzahlen zusammen ein Risiko ergeben. Anpassung heißt in beiden Fällen: an vorhandenem Bestand arbeiten, der nicht für diese Bedingungen gebaut wurde.


Das kostet Geld – und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem die Stadt Nürnberg genau daran spart. Am selben 29. Juli, an dem die VAG ihr Maßnahmenpaket bekannt gab, trat auf Anweisung von Oberbürgermeister Marcus König und Stadtkämmerer Thorsten Brehm eine Haushaltssperre sofort in Kraft. Neue finanzielle Verpflichtungen dürfen seither nur noch eingegangen werden, wenn sie zwingend erforderlich, gesetzlich vorgeschrieben oder unaufschiebbar sind. Brehm zufolge bleiben dabei „die Funktionsfähigkeit der Stadt, die soziale Sicherheit und die Gefahrenabwehr" gewährleistet.


Ob und wie sich die Sperre auf die investiven Teile des Hitzeaktionsplans auswirkt – Entsiegelung, Begrünung, Verschattung –, ist bislang nicht dargelegt. Ebenso wenig ist öffentlich, in welchem Verhältnis die Sperre zu Investitionsentscheidungen der VAG steht. Das sind die Fragen, die sich in den kommenden Haushaltsberatungen stellen werden.


Bis dahin bleibt es beim Naheliegenden. Ab Montag, dem 3. August, wird der Verkehr auf der Südwesttangente bei Gebersdorf einspurig über die Gegenfahrbahn geführt, weil die N-Ergie Netz GmbH Schutzrohre an der Brücke Wallensteinstraße/Hügelstraße erneuern muss. Bis zum 20. August läuft der Verkehr auf der Fahrbahnseite Richtung Fürth, vom 21. August bis zum 11. September auf der Seite Richtung Hafen Nürnberg. Der Schleifwagen fährt weiter. Und die Sprühnebelsäule an der Königstraße läuft auf Knopfdruck.


Faktenkasten: Der Hitzesommer 2026 in Nürnberg

  • Samstag, 27. Juni: Bitumenfüllmasse löst sich am späten Nachmittag in einer Kettenreaktion; Schäden an Gleisen, Weichen und Fahrwerken. Die VAG stellt den Betrieb im gesamten Straßenbahnnetz ein

  • 55 Straßenbahnen mussten gereinigt werden, Dauer rund zwei Wochen

  • Mittwoch, 15. Juli: Alle Strecken wieder im Fahrgastbetrieb; Freifahrten am darauffolgenden Wochenende

  • Kosten: zunächst „mehrere 100.000 Euro" (VAG, 29. Juni), rund 200.000 Euro für die Arbeiten ohne eigene Manpower (Anfang Juli), zuletzt „hoher sechsstelliger Euro-Betrag" ohne Einnahmeausfälle (13. Juli)

  • Mittwoch, 29. Juli: VAG-Maßnahmenpaket (Schleifwagen rund um die Uhr, Wasserkühlung, Sand); 23 Busse wären für einen Ersatzverkehr auf den Linien 4, 5, 6, 7, 8, 10, 11 nötig

  • Mittwoch, 29. Juli: Haushaltssperre der Stadt Nürnberg tritt sofort in Kraft

  • Donnerstag, 30. Juli: Erste Sprühnebelsäule an der Königstraße/Klaragasse in Betrieb, finanziert von der N-Ergie (4.000 bis 5.000 Euro pro Säule)

  • 31. Juli bis 2. August: Luftbeobachtung über Mittelfranken bei Waldbrandgefahr „hoch bis sehr hoch"

  • Hitzeaktionsplan: 2022 beschlossen, 16 Maßnahmen, jährlicher Bericht an den Stadtrat

Quelle Bild: Stadt Nürnberg / Claus Felix

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