top of page

Entführung, Öl und neue Imperien – was Trumps Zugriff auf Venezuela über die Weltordnung verrät

Die Bilder kamen mit Wucht: Ein Staatschef wird festgesetzt, militärisch eskortiert und zur Strafverfolgung in die USA überführt. Was die US-Regierung als „Capture Operation“ bezeichnet, nennen andere offen eine Entführung. Gemeint ist Nicolás Maduro, Machthaber Venezuelas. Dass diese Aktion Anfang 2026 tatsächlich Realität wurde, markiert eine Zäsur – politisch, völkerrechtlich und geopolitisch.


Im Podcast Servus USA diskutieren Kevin Kienle und Romy Singh die Tragweite dieses Vorgangs. Ihre Analyse ist mehr als tagespolitische Empörung: Sie liest sich wie ein Befund über den Zustand der internationalen Ordnung – und über Europas gefährliche Sprachlosigkeit.


Ein Akt jenseits des Völkerrechts

Unabhängig davon, wie man Maduro politisch bewertet: Die gewaltsame Festsetzung eines amtierenden Staatschefs auf fremdem Territorium verstößt gegen das Gewaltverbot der UN-Charta. Die US-Darstellung – es gehe um Drogenschmuggel, Narco-Terrorismus und internationale Strafverfolgung – ändert daran wenig. Auch schwere Vorwürfe ersetzen kein internationales Mandat.


Romy bringt es im Podcast auf den Punkt: Es gehe nicht um die Person Maduro, sondern um das „Treten mit Füßen auf das Völkerrecht“. Die Sorge: Ein Scheinprozess in den USA könnte im Nachhinein den Anschein von Rechtsstaatlichkeit erzeugen – ohne sie tatsächlich einzulösen.


Öl als eigentlicher Treiber

Warum Venezuela? Die Antwort liegt unter der Erde. Das Land verfügt über die größten nachgewiesenen Erdölreserven weltweit. Bislang floss ein erheblicher Teil dieses Öls nach China. Genau hier setzt die geopolitische Dimension an: Mit Maduro fällt nicht nur ein politischer Gegner, sondern auch ein Knotenpunkt chinesischer Einflussnahme.


Im Podcast wird ein möglicher Deal diskutiert, nach dem Venezuela künftig Rohöl im Wert von bis zu zwei Milliarden US-Dollar in die USA exportieren soll. Besonders brisant: Donald Trump soll laut Berichten erklärt haben, die Erlöse stünden unter US-Kontrolle – zum Nutzen „amerikanischer und venezolanischer Interessen“. Eine Formulierung, die koloniale Muster wachruft.


Regime Change – ein bekanntes, gescheitertes Muster

Irak, Libyen, Afghanistan: Die Geschichte amerikanischer Regime-Change-Politik ist eine Abfolge von Machtvakuum, Destabilisierung und gescheiterten Staaten. Auch in Venezuela gibt es zunächst Jubel über den Sturz Maduros – Bilder, die fatal an Bagdad 2003 erinnern.


Die entscheidende Frage bleibt offen: Was folgt? Ohne legitime innere Ordnung droht auch Venezuela der Weg in den Failed State. Hoffnung besteht, so Romy allein in der Zivilgesellschaft – und darin, dass Trump politisch endlich ist. 


Europa zwischen Devotheit und Bedeutungslosigkeit

Besonders scharf fällt die Kritik an der deutschen Reaktion aus. Bundeskanzler Friedrich Merz spricht von einer „komplexen rechtlichen Einordnung“ und bittet um Zeit. Für die Podcast-Gesprächspartner ist das ein Offenbarungseid. Das Völkerrecht sei hier alles andere als komplex.


Während Länder wie Dänemark oder Frankreich klare Worte finden, wirkt Deutschland orientierungslos – obwohl es eine der größten Volkswirtschaften der Welt ist. Kevin Kienle spricht von einem Land, das seine Sprache verloren hat. Eine Diagnose, die weit über diesen Einzelfall hinausreicht. 


Von Venezuela nach Grönland: Die Logik der Macht

Die Diskussion weitet sich im Podcast bewusst aus: Venezuela ist kein isolierter Fall. Trumps offen geäußerte Ansprüche auf Grönland, seine Gleichgültigkeit gegenüber der NATO und die aggressive Rhetorik gegenüber Europa folgen derselben Logik – wirtschaftliche Interessen, geopolitische Dominanz, geringe Rücksicht auf bestehende Institutionen.


Dass selbst ein NATO-Partner wie Dänemark offen vom „Ende der NATO“ spricht, sollte in Europa Alarm auslösen. Doch auch hier bleibt Deutschland auffällig leise.


Fazit: Eine Welt nach der Illusion

Die Entführung Maduros markiert das Ende einer Illusion: jener von den USA als verlässlichem Garanten einer regelbasierten Ordnung. Für Europa bedeutet das eine strategische Weggabelung. Entweder es findet zu politischer Klarheit, gemeinsamer Sprache und echter Souveränität – oder es wird zum Spielball einer zunehmend imperialen Weltordnung.


Der Podcast Servus USA liefert dazu keine einfachen Antworten, aber eine notwendige Zumutung: hinzusehen, wo andere beschwichtigen. 


Quelle Bild: Wikimedia Commons

Kommentare


bottom of page