Palantir, Peter Thiel und die deutsche Sicherheitsdebatte: Warum wir Angst vor der eigenen Zukunft haben
- Gagandeep Singh (Romy)

- 2. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Deutschland hätte allen Grund zum Stolz: Zwei der einflussreichsten Tech-Unternehmer der Welt haben enge biografische Verbindungen zur Bundesrepublik. Peter Thiel ist hier geboren, Palantir-CEO Alex Karp hat in Frankfurt Philosophie studiert und spricht fließend Deutsch. Ihr Unternehmen Palantir Technologies macht fast drei Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, beschäftigt rund 3.900 Menschen und zählt zu den mächtigsten Datenanalysefirmen der Welt.
Und doch wird Palantir hierzulande nicht gefeiert, sondern gefürchtet.
Ein Unternehmen aus dem Schatten von 9/11
Palantir wurde 2003 gegründet – in einer Zeit, in der die USA politisch, militärisch und psychologisch unter Schock standen. Die Anschläge vom 11. September hatten offengelegt, was Geheimdienste im Nachhinein schmerzlich einräumen mussten: Die relevanten Informationen waren vorhanden, aber sie waren nicht miteinander verknüpft.
Genau hier setzt Palantir an. Die Softwareplattformen Gotham (für staatliche Sicherheitsbehörden) und Foundry (für Industrie und Wirtschaft) führen große, heterogene Datenmengen zusammen, machen Muster sichtbar und unterstützen menschliche Entscheidungen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Der Name ist dabei kein Zufall. In Tolkiens „Herr der Ringe“ sind Palantíri magische Sehsteine: mächtig, verführerisch, gefährlich. Sie zeigen Wahrheit – aber nie neutral. Die Metapher passt erstaunlich gut.
Predictive Policing: Statistik statt Magie
Ein zentraler Streitpunkt in Deutschland ist der Einsatz von Palantir-Software bei Polizeibehörden, etwa in Bayern, Hessen oder Nordrhein-Westfalen. Kritiker sprechen von Überwachung, Befürworter von moderner Prävention.
Technisch geht es um Predictive Policing: Algorithmen analysieren historische Daten – Tatorte, Uhrzeiten, Deliktarten, Umfeldfaktoren – und berechnen Wahrscheinlichkeiten. Nicht für Täter, sondern für Risikozonen und Zeitfenster. Die Entscheidung bleibt formal beim Menschen.
Nüchtern betrachtet ist das Statistik. Politisch betrachtet ist es eine Zeitenwende.
Die eigentliche Angst: Kontrolle, Verantwortung, Macht
Die deutsche Debatte entzündet sich weniger an der Technologie selbst als an ihren Implikationen:
Bias-Reproduktion: Algorithmen lernen aus der Vergangenheit. Wer früher häufiger kontrolliert wurde, taucht auch künftig öfter in den Daten auf.
Intransparenz: Proprietäre Systeme entziehen sich demokratischer Nachvollziehbarkeit.
Grundrechtsfragen: Die Zusammenführung sensibler Daten schafft Persönlichkeitsprofile – auch von Unbeteiligten.
Vorfeldlogik: Polizeiarbeit verschiebt sich vom Reagieren zum Präventivhandeln auf Verdacht.
All das sind valide Einwände. Aber sie führen zu einer unbequemen Frage:Warum akzeptieren wir algorithmische Intransparenz bei Google, TikTok oder Meta – aber nicht beim Staat?
Sicherheit schlägt Datenschutz – zumindest politisch
Die gesellschaftliche Realität ist widersprüchlich. Während Datenschützer laut protestieren, zeigen Wahlentscheidungen ein anderes Bild. Rechts-konservative Parteien, die einen harten sicherheitspolitischen Kurs vertreten, erreichen stabile Mehrheiten. Auch SPD-geführte Innenressorts denken längst über datengetriebene Sicherheitsarchitektur nach.
Der Wunsch nach Sicherheit ist stärker als die Angst vor Kontrollverlust – besonders in einer fragmentierten, verunsicherten Gesellschaft.
Wirtschaft nutzt Palantir längst
Während die Politik zögert, ist die deutsche Wirtschaft pragmatischer. Offiziell bestätigt Palantir keine Kunden, doch Recherchen nennen Namen wie BMW, BASF, Merck, Deutsche Telekom oder Henkel.
Hier geht es nicht um Überwachung, sondern um Effizienz: Datensilos aufbrechen, Wissen sichtbar machen, bessere Entscheidungen treffen. Dieselbe Technologie – anderer Kontext, andere Akzeptanz.
Das europäische Versäumnis
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieser Debatte liegt jenseits von Palantir. Europa – und besonders Deutschland – bringt solche Unternehmen kaum hervor. Es fehlt an Risikokapital, an politischer Rückendeckung, an gesellschaftlicher Offenheit für Disruption.
Die sieben wertvollsten US-Techkonzerne sind heute mehr wert als alle börsennotierten Unternehmen Europas zusammen. Das ist kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis struktureller Vorsicht.
Peter Thiel: Libertärer Machtfaktor
Hinzu kommt die Person Peter Thiel. PayPal-Mitgründer, Facebook-Frühinvestor, Trump-Unterstützer, Förderer von J.D. Vance. Thiel sieht Steuern als Enteignung, den Staat als notwendiges Übel. Seine Nähe zur Macht macht Palantir politisch toxischer, als es die Software allein wäre.
Doch auch hier gilt: Technologie ist nicht ideologisch. Ihre Nutzung ist es
Nicht die Software ist das Risiko
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Palantir eingesetzt wird. Sondern unter welchen Bedingungen.
Wenn demokratische Institutionen stabil sind, Kontrollmechanismen greifen und Verantwortung klar beim Menschen bleibt, ist datenbasierte Sicherheitsarbeit kein Dammbruch, sondern ein Werkzeug.
Die größere Gefahr besteht darin, aus Angst vor Missbrauch handlungsunfähig zu bleiben – und damit anderen Akteuren das Feld zu überlassen.




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