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Frankenschnellweg-Bürgerentscheid: Nürnberg stimmt für den Ausbau - Bürgerentscheid gescheitert

Was bisher geschah

Der Frankenschnellweg — die innerstädtische Verlängerung der A 73 — verbindet Nürnberg mit Fürth und Erlangen. Täglich nutzen laut Stadtangaben rund 60.000 Fahrzeuge die Strecke. Seit 2006 laufen Planungen für einen kreuzungsfreien Ausbau; der Planfeststellungsbeschluss der Regierung von Mittelfranken liegt seit dem 28. Juni 2013 vor. Nach einem zwölf Jahre dauernden Rechtsstreit hat das Bundesverwaltungsgericht im März 2025 die Beschwerde des Bund Naturschutz zurückgewiesen und damit das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs bestätigt. Damit besteht Baurecht. Am 30. März 2026 übergab die Initiative „Lieber zurück auf Los statt Ausbau Frankenschnellweg" rund 14.000 Unterschriften beim Wahlamt; anerkannt wurden 12.500 — erforderlich gewesen wären 11.379. Der Stadtrat beschloss daraufhin einen Bürgerentscheid für den 28. Juni 2026.


Der kreuzungsfreie Ausbau des Frankenschnellwegs bleibt nach dem Bürgerentscheid vom 28. Juni 2026 auf Kurs. Nach Auszählung von 252 von 253 Stimmbezirken stimmten 80.090 Nürnbergerinnen und Nürnberger mit Nein — also gegen einen sofortigen Planungsstopp. Das entspricht 53,0 Prozent der gültigen Stimmen. Für den Baustopp votierten 71.078 Menschen (47,0 Prozent). Der Vorsprung der Nein-Stimmen beträgt 9.012 Stimmen. Das Quorum von 10 Prozent der Wahlberechtigten — also mindestens 37.854 Ja-Stimmen — wurde mit fast dem Doppelten deutlich übertroffen, ändert aber nichts am Ergebnis: Die Mehrheit entschied gegen den Stopp.


Die Abstimmungsbeteiligung lag bei 40,1 Prozent; 151.688 der 378.538 Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Von 151.168 gültigen Stimmzetteln waren 520 ungültig (0,3 Prozent). Das ist das nahezu vollständige Ergebnis — ein letzter Stimmbezirk steht noch aus.


Eine Stadt, 26 zu 26

Die Gesamtzahl verdeckt, wie tief Nürnberg in dieser Frage gespalten ist. Die Auswertung der 52 ausgezählten Stadtbezirke ergibt ein historisch seltenes Bild: Exakt 26 Bezirke stimmten mehrheitlich für den Baustopp (Ja), 26 mehrheitlich dagegen (Nein). Das Gesamtergebnis zugunsten des Nein entstand nicht durch eine flächendeckende Mehrheit, sondern durch die stärkeren absoluten Nein-Volumina in den bevölkerungsreichen Randbezirken.


Das geografische Muster ist dabei eindeutig: Die stärksten Ja-Mehrheiten fanden sich in den innenstadtnahen, dicht besiedelten Stadtteilen. Tafelhof/Gostenhof erzielte mit 72,4 Prozent Ja-Anteil das stärkste Baustopp-Votum der gesamten Stadt, gefolgt von Bärenschanze (67,5 %) und Himpfelshof (66,4 %). Auch Altstadt/St. Sebald (63,2 %), Pirckheimerstraße (62,2 %) und Galgenhof (61,7 %) gehören zu den Bezirken mit klarer Ja-Mehrheit — Quartiere, die an der Trasse liegen oder deren Bewohner die Straße täglich als Lärmquelle erleben.


Das Bild dreht sich im äußeren Stadtgebiet. Die stärksten Nein-Anteile kamen aus den Randlagen: Kraftshof/Neunhof/Boxdorf/Großgründlach (71,4 % Nein), Kornburg/Worzeldorf (69,1 %) und Fischbach/Brunn (68,4 %). Diese Bezirke sind stärker auf das Auto angewiesen — und profitieren in der Logik des Projekts von einer schnelleren Durchfahrt durch die Stadt.


Die absoluten Zahlen illustrieren, wo die Entscheidung fiel: Den größten absoluten Nein-Beitrag leistete Kornburg/Worzeldorf mit 4.128 Nein-Stimmen, gefolgt von Maiach bis Reichelsdorfer Keller (3.160) und Schmausenbuckstraße/Laufamholz (3.072). Auf Ja-Seite stachen absolut Marienberg/Ziegelstein/Buchenbühl (2.634 Ja), Galgenhof (2.307) und Glockenhof (2.302) hervor — obwohl Marienberg/Ziegelstein/Buchenbühl mit 49,6 Prozent Ja-Anteil selbst nur hauchdünn für den Baustopp votierte.


Mehrere Bezirke entschieden mit wenigen Stimmen Abstand

Besonders aufschlussreich sind die Bezirke, in denen das Ergebnis auf der Kippe stand. In Eberhardshof/Muggenhof trennten Ja und Nein gerade einmal 4 Stimmen (50,1 % zu 49,9 %). St. Leonhard und Tullnau/Gleißhammer entschieden sich mit einer Mehrheit von 0,2 Prozentpunkten für Ja. Auf der anderen Seite kippte Guntherstraße/Hummelstein mit 49,6 zu 50,4 Prozent knapp ins Nein-Lager — ebenso Marienberg/Ziegelstein/Buchenbühl. Hätten einige dieser Bezirke anders gestimmt, wäre das Gesamtergebnis möglicherweise offen gewesen.


Was auf dem Spiel stand: ein Milliardenprojekt mit jahrzehntelanger Geschichte

Das Projekt, um das in Nürnberg seit fast vier Jahrzehnten gestritten wird, ist in zwei Bauabschnitte gegliedert. Abschnitt West ist rund 2,2 Kilometer lang, beginnt an der Anschlussstelle Nürnberg/Fürth und endet an der Jansenbrücke. Abschnitt Mitte ist rund 2,6 Kilometer lang und verläuft von der Rothenburger Straße bis zur Otto-Brenner-Brücke. Kernstück ist ein 1,8 Kilometer langer Tunnel. Die Gesamtkosten für beide Abschnitte werden mit rund 1,1 Milliarden Euro angegeben; der Freistaat Bayern fördert das Projekt mit rund 150 Millionen Euro zusätzlich.


Der Stadtrat hatte im April 2025 beschlossen, den Servicebetrieb Öffentlicher Raum (SÖR) damit zu beauftragen, Abschnitt West so schnell wie möglich auszuschreiben. Die Ausschreibungsunterlagen, die 31 Fachbereiche umfassen, waren zum Abstimmungstag fertiggestellt — abhängig vom Ergebnis. Nach bisheriger Planung sollen die Bauarbeiten in Abschnitt West im Februar 2027 beginnen und bis Anfang 2030 abgeschlossen sein.


Die Argumente der beiden Seiten

Die Initiative „Lieber zurück auf Los" hatte sich vor allem auf Kosten, ökologische Eingriffe und die nach ihrer Einschätzung veraltete Planungsgrundlage gestützt. Aus Sicht der Initiative verhindert der Ausbau Entwicklungschancen für Wohnraum, Grünflächen und weitere Straßenbahnstrecken und zerschneide die Stadt an Stellen, wo Stadtteile verbunden werden müssten. Initiatorin Brigitte Sesselmann hatte zudem argumentiert, der Frankenschnellweg werde nach dem Ausbau vor allem für den Schwerlastverkehr zur attraktiven Abkürzung, da auf der Kreisstraße — anders als auf der Autobahn — keine Maut erhoben wird.


Die Stadt und die Ausbau-Befürworter hielten dagegen: Ein Stopp bedeute nicht automatisch eine bessere, schnellere oder günstigere Lösung — und er würde auch den bereits geplanten Lärmschutz für Anwohner im Abschnitt West stoppen. Eine reine Sanierung ohne kreuzungsfreien Ausbau sei mit rund 110 Millionen Euro veranschlagt; auch hier würden jahrelange Baustellen und erhebliche Eingriffe anfallen. Bürgermeister Andreas Krieglstein (CSU) hatte im Vorfeld bei einem Pressetermin argumentiert, neue Pläne würden wiederum Jahrzehnte benötigen, und appelliert: „Ich glaube, dass am Schluss die Bewohner davon profitieren und die gesamte Stadt."


Was das Ergebnis für die Stadt bedeutet

Mit dem Nein-Votum der Mehrheit ist der politische Weg für den Ausbau frei. Das Ergebnis des Bürgerentscheids hat — anders als das vorangegangene Bürgerbegehren — für die Stadt rechtlich bindende Wirkung. Wäre die Initiative erfolgreich gewesen, hätten die Ausbaupläne beendet werden müssen. Dieser Fall ist nicht eingetreten.


Was bleibt, ist das Bild einer tief geteilten Stadt. 71.078 Menschen stimmten für einen Stopp — knapp 47 Prozent. Die geografische Auswertung zeigt: Es ist kein randständiges Minderheitenvotum, sondern ein strukturelles Meinungsbild, das entlang der Stadtentwicklungsachse verläuft. Innenstadtnahe Quartiere, die Lärm, Flächenverbrauch und Stadtreparatur anders priorisieren, stehen Außenbezirken gegenüber, die auf Mobilität per Auto angewiesen sind.


Ob diese Spaltung nach dem Bürgerentscheid zu einer veränderten verkehrspolitischen Debatte führt oder ob das knappe Votum als klarer Auftrag für den Weiterbau interpretiert wird — das dürfte die politische Auseinandersetzung der nächsten Monate prägen.


Faktenkasten: Das Ergebnis im Überblick



Abstimmungstag

28. Juni 2026

Stand

252 von 253 Stimmbezirken (Nahezu-Endergebnis, 28.06.2026, 20:25 Uhr)

Wahlberechtigte

378.538

Abstimmende gesamt

151.688

Beteiligung

40,1 %

Gültige Stimmen

151.168 (99,7 %)

Ungültige Stimmen

520 (0,3 %)

JA (Baustopp)

71.078 (47,0 %)

NEIN (Weiterbau)

80.090 (53,0 %)

Vorsprung NEIN

9.012 Stimmen

Quorum (10 % der Wahlber.)

37.854 — mit 71.078 Ja-Stimmen erreicht

Bezirke mit JA-Mehrheit

26 von 52

Bezirke mit NEIN-Mehrheit

26 von 52

Stärkster JA-Bezirk

Tafelhof/Gostenhof (72,4 % Ja)

Stärkster NEIN-Bezirk

Kraftsh./Neunh./Boxd./Großgründ. (71,4 % Nein)


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