Caracas als Präzedenzfall: Mit der Festnahme Maduros kippt die Idee einer regelbasierten Welt – und Europa wirkt wieder wie Zuschauer
- Kevin Kienle

- vor 6 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Die Nacht vom 3. Januar 2026 wird in die Chronik der internationalen Politik eingehen: US-Streitkräfte greifen in Venezuela zu, Nicolás Maduro wird festgesetzt und in die USA gebracht, wo ihn ein Verfahren wegen schwerer Drogendelikte und „Narco-Terrorismus“ erwartet.
Washington spricht von einer Operation der Strafverfolgung. Viele Regierungen – und nicht wenige Völkerrechtler – sehen einen militärischen Eingriff und eine Entführung. Al Jazeera spricht explizit von „abducted“ (entführt) und beschreibt Luftschläge in Caracas.
In unserem Podcast Servus USA nennen Kevin Kienle und Romy Singh das Kind beim Namen: Es gehe nicht um Sympathie für Maduro, sondern um den Moment, in dem ein Staat das Gewaltverbot der UN-Charta „mit Füßen“ tritt – und damit den Maßstab verschiebt, an dem künftig auch andere Mächte ihr Handeln messen werden.
Was hier passiert ist, ist kein isoliertes „Lateinamerika-Kapitel“. Es ist ein Menetekel: für das Recht zwischen Staaten, für die Stabilität ganzer Regionen, für Europas Rolle – und für die Frage, ob die westliche Welt überhaupt noch an ihre eigenen Regeln glaubt.
1) Was wir (bisher) wissen – und was im Nebel der Propaganda liegt
Die Grundlinien sind inzwischen durch mehrere internationale Medienberichte übereinstimmend beschrieben: In einer nächtlichen Operation in Caracas wurde Maduro aus venezolanischem Machtzentrum heraus festgesetzt und in die USA gebracht; Berichte sprechen davon, dass er in New York ankam bzw. dorthin überführt wurde.
Gleichzeitig zeigt sich bereits der zweite, ebenso moderne wie gefährliche Aspekt dieser Krise: Desinformation wird Teil der Kriegsführung. Reuters musste binnen Tagen fact-checken, dass ein viral verbreitetes Video nicht die Landung von US-Spezialkräften in Caracas zeigt, sondern eine Übung aus Fort Bragg (2025).
Das ist mehr als ein Randdetail. Es sagt: Wer sich in den nächsten Monaten eine Meinung bilden will, braucht eine neue Disziplin – skeptisches Quellenlesen. Und Europa sollte spätestens hier verstehen, dass die politische Auseinandersetzung längst nicht mehr nur in Parlamenten stattfindet, sondern auf Plattformen, in Clips, im permanenten Kampf um Deutungshoheit. Genau das kritisiert Romy Singh im Podcast auch an der deutschen Politik: Sie reagiere, als wäre Diplomatie noch eine Angelegenheit hinter verschlossenen Türen – während Washington (und viele andere) längst „nach außen kehrt“, was früher intern blieb.
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2) Der Kern: Völkerrecht ist nicht kompliziert – es wird kompliziert gemacht
Der entscheidende Satz im Podcast fällt eher beiläufig, ist aber politisch dynamitgeladen: „Die UN-Charta ist da relativ klar.“ In der Tat: Die UN-Charta verankert das Gewaltverbot als Grundpfeiler der Nachkriegsordnung. Wer militärisch auf fremdem Staatsgebiet handelt, benötigt im Regelfall entweder (a) Zustimmung des betroffenen Staates, (b) ein Mandat des Sicherheitsrates oder (c) eine eng begrenzte Selbstverteidigungslage. Das ist die Norm – und sie ist bewusst hoch gesetzt, weil ihre Erosion historisch immer in eine Welt geführt hat, in der Macht Recht ersetzt.
Nun lautet die amerikanische Erzählung: Maduro sei ein internationaler Krimineller, gegen den die USA seit Jahren ermitteln; die Operation diene der Strafverfolgung. NPR berichtet, Trump habe sogar erklärt, die USA würden Venezuela „run“ (führen/steuern). Damit verschiebt sich die Debatte: von „Strafverfolgung“ zu „Regierungsgewalt“. Und genau dort kippt das Argument. Denn selbst wenn schwere Vorwürfe plausibel wären, ersetzt das kein Mandat der internationalen Gemeinschaft.
Im Klartext: Wenn „wir holen ihn uns“ zum Normalinstrument wird, dann entsteht ein System, in dem Staaten überall zugreifen, wo sie können – nicht wo sie dürfen. Das ist der Punkt, an dem Romy Singh im Podcast von einem „Scheinprozess“ spricht, der nachträglich den Anschein von Rechtsstaatlichkeit erzeugen soll, während der Ausgang politisch feststeht.
Das ist keine Anti-Amerika-Pose. Das ist eine Frage von Systemlogik: Eine Welt, in der die stärkste Militärmacht einen Regierungschef „extrahiert“, ist eine Welt, in der Russland, China, Regionalmächte und bald auch nichtstaatliche Akteure ihre eigenen „Rechtsbegründungen“ entwickeln werden. Und diese Begründungen werden nicht schöner sein als die amerikanische.
3) Der reale Treiber: Ressourcen, Handelsströme, Einflusszonen
Dass Venezuela über enorme Ölreserven verfügt, ist seit Jahren bekannt. Neu ist, wie offen in dieser Krise der Zusammenhang zwischen Sicherheitspolitik und Ressourcenpolitik verhandelt wird – und wie stark er medial sichtbar wird.
Parallel zur Maduro-Operation berichten Medien über einen massiven US-Druck auf venezolanische Ölströme, inklusive Blockade- und Beschlagnahme-Narrativen. Und im Podcast wird ein Reuters-Bezug erwähnt: ein Plan/Deal, nach dem Venezuela Öl in großem Umfang in die USA exportieren solle – verbunden mit der Behauptung, die Erlöse stünden unter amerikanischer Kontrolle.
Was daran entscheidend ist: Selbst wenn einzelne Details sich in den nächsten Tagen noch präzisieren oder korrigieren müssen – die strategische Logik ist glasklar. Maduro war (und ist) nicht nur ein autoritärer Herrscher. Er ist der Kopf eines Systems, das über Jahrzehnte zwischen Washington, Havanna, Moskau, Peking und regionalen Akteuren laviert hat. Eine gewaltsame Verschiebung dieses Systems ist automatisch eine Verschiebung der Einflusssphären.
Im Podcast wird das ausgesprochen: Ein großer Teil des venezolanischen Öls ging zuletzt nach China; ein Abklemmen dieses Stroms ist ein machtpolitisches Instrument. Und genau hier wird die Operation geopolitisch: Nicht nur Venezuela wird destabilisiert – auch China wird herausgefordert. Dass Peking bislang eher „langatmig“ und abwartend reagiert, interpretieren die beiden als Zeichen strategischer Geduld.
4) Regime Change, die ewige Versuchung – und die historische Bilanz
Wer in Europa alt genug ist, um sich an 2003 zu erinnern, kennt das Muster: Erst Jubel, dann Machtvakuum, dann Gewalt, dann Zerfall. Romy Singh zieht im Podcast explizit den Vergleich zu Irak-Bildern nach Saddam Hussein: Menschen jubeln – und die spätere Katastrophe folgt auf dem Fuß.
Der Punkt ist nicht, Venezuela eins zu eins mit Irak gleichzusetzen. Der Punkt ist: Der Mechanismus „Herrscher weg = Demokratie“ ist historisch schwach belegt. Was häufig folgt, ist eine Konkurrenz bewaffneter Gruppen, wirtschaftliche Plünderung, externe Stellvertreterpolitik – und die Entstehung von Abhängigkeiten, die das Land langfristig entmündigen.
Die unmittelbaren Risiken liegen auf der Hand:
Machtvakuum und Gewaltspiralen: Wenn die staatliche Führung abrupt ausfällt, kämpfen Fraktionen um Kontrolle – häufig entlang von Militär-, Sicherheits-, Regional- oder Geschäftsinteressen.
Flüchtlings- und Migrationsdruck: Venezuela ist seit Jahren von wirtschaftlicher Not geprägt; Instabilität kann neue Fluchtbewegungen auslösen.
Stellvertreterkonflikte: Wo Öl, Häfen und Handelsrouten sind, sind Einflussmächte nicht weit.
Wer diese Risiken benennt, verteidigt nicht Maduro. Er verteidigt die Einsicht, dass Staaten nicht wie Firmen restrukturiert werden können.
5) Die „New York“-Dimension: Warum diese Bühne gewählt wird
NPR berichtet, Maduro sei in New York angekommen und die Überführung sei Teil einer Inszenierung, die den Zugriff als Strafverfolgung rahmt. Dass diese Bühne gewählt wird, ist politisch plausibel: New York steht für Bundesjustiz, mediale Sichtbarkeit, Symbolik globaler Ordnung. Wer den Prozess dort führt, versucht, aus einem militärischen Akt eine Justizgeschichte zu machen.
Gleichzeitig berichten internationale Medien über die Haftbedingungen im Metropolitan Detention Center (MDC) in Brooklyn, in dem hochrangige Beschuldigte untergebracht sein können – und über Kritik an den Zuständen dort. Das ist in zweierlei Hinsicht relevant: Erstens wird der Fall personalisiert (Maduro als Gefangener, nicht als Staatschef). Zweitens wächst der Druck auf die USA, rechtsstaatliche Standards einzuhalten – weil ein Prozess unter fragwürdigen Haftbedingungen den Vorwurf des „politischen Tribunals“ verstärken könnte.
6) Internationale Reaktionen: Der Westen testet seine eigenen Werte
Die erste internationale Woche nach dem Zugriff zeigt: Die Welt zerfällt nicht nur in Lager – sie zerfällt in Argumentationsstile.
Einige Staaten werden den Vorgang aus Prinzip verurteilen, weil er ihre eigene Souveränität bedroht.
Andere werden ihn begrüßen, weil sie Maduro ablehnen oder die Chance auf einen Machtwechsel sehen.
Und viele werden taktisch schweigen, weil sie nicht wissen, wie diese Geschichte ausgeht – und weil sie sich nicht mit Washington anlegen wollen.
Die Berichterstattung macht deutlich, dass dies kein lokales Ereignis ist, sondern eine Debatte auf Weltniveau. France 24 dokumentiert etwa den Ausnahmezustand in Venezuela und die internationale Dynamik rund um die Überführung. Sky News berichtet über die Operation mit dem Fokus auf Trumps Triumph-Rhetorik – und auf Verletzte auf US-Seite. Und Al Jazeera rahmt das Geschehen als Bombardierung und Entführung – ein Framing, das in großen Teilen des Globalen Südens anschlussfähig ist.
Diese Vielfalt ist nicht bloß Medienpluralismus. Sie ist Ausdruck einer Welt, in der Legitimität nicht mehr selbstverständlich vom Westen definiert wird.
7) Europa und Deutschland: Das Problem heißt nicht „Komplexität“, sondern Mut
Im Podcast wird der deutsche Kanzler (Friedrich Merz) scharf kritisiert: Er spreche von einer „komplexen rechtlichen Einordnung“ und benötige Zeit. Der Vorwurf: Deutschland rede über Maduros politische Schuld, statt über die Rechtsfrage der Operation. Und genau das ist der Fehler.
Denn Europas Macht ist – realistisch betrachtet – nicht militärisch hegemonial. Europas Macht war jahrzehntelang normativ: das Beharren auf Regeln, Verfahren, Institutionen. Wenn Europa in dem Moment schweigt oder herumdruckst, in dem diese Regeln offen gebrochen werden, verliert es das Einzige, was es als globaler Akteur zuverlässig einsetzen kann: Sprache, Norm, Maßstab.
Romy Singh formuliert es drastisch: Deutschland mache sich kleiner als es ist. Und Kevin Kienle verbindet das mit einer größeren Diagnose: Deutschland verliere seine Sprache – und damit Einfluss.
Dieser Leitartikel geht einen Schritt weiter: Deutschland verliert nicht nur seine Sprache, es verliert seinen Instinkt für den Moment. Denn wer den Präzedenzfall nicht klar benennt, wird beim nächsten Präzedenzfall (und der kommt) auch nichts mehr benennen können.
8) Warum Caracas auch mit Grönland und Taiwan zu tun hat
Der Podcast springt von Venezuela nach Grönland – und dieser Sprung ist analytisch richtig. Denn die gemeinsame Logik ist: Macht testet Grenzen. Wer in Caracas einen Normbruch durchsetzt, hat die Messlatte verschoben. Wer eine Bündnisordnung wie die NATO rhetorisch oder praktisch entwertet, erzeugt eine Welt, in der Sicherheitsgarantien weniger zählen.
Und genau hier liegt die globale Gefahr: Wenn die stärkste westliche Macht zeigt, dass sie Normen bei Bedarf ignoriert, dann liefert sie Rivalen eine Blaupause. Kevin Kienle sagt es im Podcast explizit mit Blick auf China und Taiwan: Das Verhalten der USA und Russlands sei „Blaupause“ – weil es zeigt, dass der Preis für Grenzüberschreitungen möglicherweise kalkulierbar ist.
Das ist kein deterministisches „Jetzt passiert Taiwan“. Aber es ist der Mechanismus, der Abschreckung erodieren lässt: Normen sind ein Teil von Abschreckung. Wenn Normen weg sind, bleibt nackte Macht.
9) Der eigentliche Skandal: Der Westen begründet das Ende seiner eigenen Ordnung
Der härteste Satz, den man über diesen Vorgang sagen kann, lautet: Der Westen kann die regelbasierte Ordnung nicht verteidigen, indem er sie aussetzt.
Wenn Washington sagt, es gehe um Drogen, um Kriminalität, um „schlechte Männer“, dann mag das politisch mobilisieren. Aber es klingt – weltweit – wie die altbekannte Formel, mit der Großmächte ihre Eingriffe moralisch verkaufen. Das ist der Grund, warum Al Jazeera das Ganze nicht als Polizeimaßnahme, sondern als Bombardierung und Entführung beschreibt.
Die Folgen sind absehbar:
Juristische Erosion: Andere werden das Vorgehen spiegeln – mit ihren eigenen „Anklagen“, ihren eigenen Sonderoperationen.
Diplomatische Erosion: Staaten werden sich mehr bewaffnen, weniger verhandeln.
Institutionelle Erosion: UN-Strukturen wirken noch schwächer, wenn die stärksten Mitglieder sie umgehen.
Moralische Erosion: Wer selektiv Recht anwendet, wird selektiv als glaubwürdig wahrgenommen.
10) Was jetzt zählt – konkrete Prüfsteine statt moralischer Nebel
Wenn Europa (und Deutschland) nicht in die Rolle des Kommentators abgleiten will, braucht es sofort überprüfbare Forderungen – nicht nur Empörung:
Transparenz über die Operation: Welche Rechtsgrundlage behaupten die USA konkret? Welche Beweise werden wann öffentlich gemacht? (Sonst bleibt der Eindruck politischer Willkür.)
Garantien rechtsstaatlicher Standards: Zugang zu Verteidigung, faire Verfahrensregeln, unabhängige gerichtliche Kontrolle – gerade weil die Operation selbst umstritten ist.
Internationale Einbindung: Wenn Washington wirklich an Stabilität interessiert ist, muss es regionale Akteure und internationale Institutionen einbinden – statt „wir führen Venezuela“ zu sagen.
Schutz der Zivilbevölkerung: Humanitäre Folgen, mögliche Gewaltspiralen, Versorgungslagen – all das darf nicht als Kollateralschaden abgetan werden.
Diese Punkte sind nicht „anti-amerikanisch“. Sie sind pro-Ordnung.
Der Präzedenzfall heißt nicht Maduro – er heißt „wir dürfen das“
Die wichtigste Erkenntnis aus Caracas lautet: Nicht Maduro ist der Maßstab, sondern das Verfahren.Wenn ein Staat, der für sich den Anspruch „Führer der freien Welt“ reklamiert, einen Staatschef militärisch greift und in ein anderes Land bringt, dann hat die Welt zwei Möglichkeiten: Sie akzeptiert es – oder sie setzt Grenzen.
Europa muss verstehen: Grenzen setzt man nicht, indem man auf „Komplexität“ verweist. Grenzen setzt man, indem man Maßstäbe formuliert und sie wiederholt – auch wenn es unangenehm ist.
Denn wenn aus Caracas ein „neues Normal“ wird, dann wird die nächste Krise nicht in Lateinamerika entschieden. Dann wird sie dort entschieden, wo Europa direkt betroffen ist.
Quelle Bild: Quelle: The White House / Wikimedia Commons (Public Domain)




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