Aufseßplatz: Videoturm und Kontrollen sollen Sicherheitsgefühl stärken
Das Wichtigste in Kürze
Am Nelson-Mandela-Platz hinter dem Nürnberger Hauptbahnhof hat sich die Zahl der Körperverletzungen in den ersten neun Monaten 2026 im Vergleich zum Vorjahr mehr als halbiert, wie Polizei und Stadt am 9. Oktober 2026 mitteilten.
Raubdelikte haben sich ebenfalls mehr als halbiert, Straftaten mit Messerbezug sind um mehr als ein Drittel gesunken.
Insgesamt wurden 54 Intensivtäter aus dem Verkehr gezogen: 40 sind inhaftiert, 14 abgeschoben; hinzu kommen 35 Betretungsverbote.
Am Aufseßplatz, laut Polizei kein klassischer Kriminalitätsschwerpunkt, sollen mehr Präsenz, eine konsequent durchgesetzte Alkoholverbotszone und ein Videoturm das Sicherheitsgefühl verbessern.
Die Polizei weist selbst darauf hin, dass sich die Drogenszene an andere Orte verlagern kann.
Am Aufseßplatz in der Nürnberger Südstadt setzen Polizei und Stadt auf mehr Präsenz, strengere Regeldurchsetzung und Videoüberwachung. Das haben Oberbürgermeister Marcus König (CSU) und Gernot Rochholz, Präsident des Polizeipräsidiums Mittelfranken, am Freitag, 9. Oktober 2026, bei einem gemeinsamen Termin vor Ort angekündigt. Anlass war eine Zwischenbilanz für den nahe gelegenen Nelson-Mandela-Platz, wo sich die Lage nach Angaben der Polizei deutlich beruhigt hat.
Die beiden Plätze stehen für unterschiedliche Probleme: Am Mandela-Platz ging es um eine aggressive Drogenszene und Gewalt, am Aufseßplatz vor allem um das Sicherheitsgefühl der Menschen, die ihn nutzen.
Wie sich die Lage am Nelson-Mandela-Platz verändert hat
Ab Ende 2023 hatte sich im südlichen Umfeld des Nürnberger Hauptbahnhofs eine offene und zunehmend aggressive Drogenhändlerszene entwickelt. Nach Polizeiangaben hielten sich teilweise mehrere Dutzend Händler auf dem Platz auf und sprachen Passanten aktiv an. Abgelehnte Verkaufsangebote führten wiederholt zu Konflikten und Gewalttaten; Körperverletzungs- und Sexualdelikte stiegen deutlich an.
Die Polizeiinspektion Nürnberg-Süd gründete daraufhin die Arbeitsgruppe „Nelson“. Gemeinsam mit der Stadt Nürnberg und der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth entwickelte sie ein Bündel repressiver und präventiver Maßnahmen. Die Polizei nennt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum folgende Entwicklung:
Körperverletzungen: mehr als halbiert
Szenebezogene Körperverletzungen: auf nahezu null zurückgegangen
Straftaten mit Messerbezug: um mehr als ein Drittel gesunken
Raubdelikte: mehr als halbiert
Kontrolldelikte: gestiegen
Kontrolldelikte sind Straftaten, die vor allem durch polizeiliche Kontrollen bekannt werden, etwa Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ihr Anstieg spiegelt nach Darstellung der Polizei den Umfang der Maßnahmen wider. Verglichen werden laut Stadt Nürnberg die ersten neun Monate des Jahres 2026 mit dem Vorjahr. Absolute Fallzahlen haben Polizei und Stadt nicht veröffentlicht.
Welche Maßnahmen am Mandela-Platz gegriffen haben
Zu den Maßnahmen gehörten gezielte Rückschnitte von Bepflanzungen, um Verstecke von Dealern aufzulösen, und eine nahezu ständige Polizeipräsenz. Eine besonders große Rolle spielten nach Polizeiangaben die Waffen- und Messerverbotszone, die seit April 2025 gilt, und die Cannabisverbotszone seit Dezember 2025. Allein im März 2026 sprachen die Einsatzkräfte mit Unterstützung der Bayerischen Bereitschaftspolizei mehr als 220 Platzverweise aus und nahmen 40 Personen vorübergehend in Gewahrsam.
Mit der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth wurde zudem die Strafverfolgung neu ausgerichtet: Verfahren werden bei spezialisierten Staatsanwältinnen und Staatsanwälten gebündelt, der Ansatz richtet sich gezielt auf einzelne Personen. Das habe zu mehr Verurteilungen und zahlreichen Haftbefehlen geführt. Seit einigen Monaten steht außerdem ein Container am Platz, in dem die Einsatzkräfte Durchsuchungen und Sachbearbeitung direkt vor Ort erledigen.
Auch Gewerbetreibende rund um den Platz berichten laut Polizei von einer deutlichen Verbesserung.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das sogenannte Grooming: Nach Angaben der Stadt suchen Drogenhändler gezielt Kontakt zu teils minderjährigen Mädchen und jungen Frauen, machen sie mit Geschenken, Medikamenten und Drogen abhängig und beuten sie anschließend sexuell aus. Die Polizei gründete dazu die Ermittlungskommission „Kajal“. Laut Polizeipräsidium wurden bislang 39 Tatverdächtige identifiziert und 21 Haftbefehle vollzogen; in 19 Fällen wurden aufenthaltsbeendende Maßnahmen angeregt, eine Abschiebung ist bisher erfolgt.
Aufseßplatz: Warum das Sicherheitsgefühl im Mittelpunkt steht
Anders als der Nelson-Mandela-Platz ist der Aufseßplatz nach Einschätzung der Polizei kein klassischer Kriminalitätsschwerpunkt. Dennoch fühlen sich dort viele Menschen unsicher. Die Ursachen liegen laut Polizei vor allem im sozialen Bereich: Menschen ohne Obdach halten sich auf dem Platz auf und lagern dort ihr Hab und Gut, hinzu kommen eine verfestigte Szene mit starkem Alkoholkonsum, Verschmutzung und Zeichen der Verwahrlosung.
Polizeipräsident Rochholz betonte, dass Obdachlosigkeit und Suchterkrankung keine Straftaten seien und hinter jedem Schicksal ein Mensch stehe, der Hilfe brauche. Zugleich gehöre ein öffentlicher Platz allen – auch Familien auf dem Spielplatz und Menschen, die dort ihr Geschäft betreiben.
Die Polizei stützt ihre Maßnahmen am Aufseßplatz auf drei Säulen:
Prävention: mehr Polizeipräsenz, verbunden mit Kontaktaufnahme und Unterstützung durch soziale Dienste
Konsequente Regeldurchsetzung: Die Alkoholverbotszone, die die Stadt Ende Dezember 2025 auf den Aufseßplatz ausgeweitet hat, wird durchgesetzt; gegen Personen, die Regeln beharrlich missachten, werden Betretungsverbote angeregt und gegebenenfalls ausländerrechtliche Maßnahmen geprüft
Infrastruktur und Technik: Eine Umgestaltung des Platzes, die unterschiedliche Nutzungen räumlich trennt, wird geprüft; seit einigen Wochen ist ein Videoturm in Betrieb
Oberbürgermeister König bezeichnete die Ausweitung der Videoüberwachung auf den Aufseßplatz als großen Schritt für das Sicherheitsgefühl. Der städtische Ordnungsdienst und die Polizei sind dort gemeinsam präsent. Wann über eine Umgestaltung des Platzes entschieden wird und was sie kosten würde, ist bislang offen. Große Hoffnungen setzt König nach Angaben der Stadt in den Bau des Schocken-Carrés am Platz, der noch in diesem Jahr beginnen soll; das werde den ganzen Platz enorm aufwerten.
Hauptbahnhof Nürnberg bleibt Schwerpunkt
Auch wenn die Kriminalität im Bahnhofsumfeld deutlich zurückgegangen ist, fühlen sich dort laut Polizei weiterhin viele Menschen unsicher. Der Hauptbahnhof und sein Umfeld sollen deshalb auch in den kommenden Jahren ein Schwerpunkt der Polizeiarbeit bleiben. Gemeinsam mit der Bundespolizei steht das Polizeipräsidium Mittelfranken mit der Deutschen Bahn im Austausch; Ziel ist ein wechselseitiger direkter Zugriff auf die rund 400 Kameras des Unternehmens am Nürnberger Hauptbahnhof. Die Polizei prüft nach eigenen Angaben fortlaufend, wo Videoüberwachung im Stadtgebiet unter Einhaltung des Datenschutzes erweitert werden kann.
Die offene Frage: Wohin verlagert sich die Szene?
Die Polizei weist selbst darauf hin, dass ein Rückgang an einem Ort damit einhergehen kann, dass andernorts eine neue Szene entsteht. Ob und wo das in Nürnberg bereits der Fall ist, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Rochholz kündigte an, gegen Drogenhändler überall in der Stadt konsequent vorzugehen.
Grundlage: Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Mittelfranken (Nr. 874) und Pressemitteilung der Stadt Nürnberg (Nr. 1116), beide vom 9. Oktober 2026, Berichte von nordbayern.de und Radio 8. Eigene Einordnung.
Titelbild: Oberbürgermeister Marcus König (rechts) und Polizeipräsident Gernot Rochholz am 9. Oktober 2026 am Aufseßplatz – Stadt Nürnberg / Christine Dierenbach




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