Zerwürfnis in der Meistersingerhalle: Die Causa Hemmer und ihre Folgen
- Kevin Kienle

- 17. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Die Nürnberger Symphoniker stehen seit dem 7. Mai 2026 ohne Intendanten da. An jenem Donnerstagnachmittag legte der Trägerverein des Orchesters Lucius A. Hemmer, der die Position seit September 2003 innehatte, ein Angebot zur einvernehmlichen Vertragsauflösung vor – mit Bedenkfrist bis Montag, den 11. Mai. Hemmer unterschrieb nicht. Was zunächst als interne Personalentscheidung verkündet wurde, ist binnen zehn Tagen zu einem öffentlichen Konflikt eskaliert: mit Intrigen-Vorwürfen, einem bevorstehenden Arbeitsrechtsstreit und Buhrufen beim Saisonfinale in der Meistersingerhalle.
Der Zeitpunkt ist ungünstig. Die Symphoniker feiern in dieser Saison ihr 80-jähriges Bestehen – das Orchester wurde am 1. Juni 1946 als „Fränkisches Landesorchester" gegründet und trägt seinen heutigen Namen seit 1963. Statt eines Jubiläumsjahres mit klarer künstlerischer Linie erlebt das Ensemble eine Führungskrise, die in der Stadt und in der Klassikszene diskutiert wird.
Zwei Lesarten desselben Vorgangs
Über die zentrale Frage – wurde Hemmer fristlos entlassen oder ein Aufhebungsvertrag angeboten? – gehen die Darstellungen auseinander.
Der Trägerverein hat sich am 8. Mai schriftlich klargestellt. In der offiziellen Mitteilung, die auch über das Fachportal Klassik Heute öffentlich gemacht wurde, heißt es: Hemmer sei „keine fristlose Kündigung ausgesprochen" worden; er habe ein Angebot zur einvernehmlichen Auflösung mit Bedenkzeit erhalten. Der Beschluss sei vom fünfköpfigen Vorstand einstimmig gefasst worden.
Hemmer sieht das anders. In Aussagen gegenüber den Nürnberger Nachrichten und dem regionalen Sender Franken Fernsehen sprach er von einer fristlosen Entlassung. Den Ablauf seiner Verabschiedung verglich er mit dem Vorgehen gegen einen „Schwerverbrecher". Als Grund nannte er, vom Trägerverein her formuliert, „unüberbrückbare Differenzen".
Vorstandsvorsitzender Dieter Barth widerspricht der Schwerverbrecher-Darstellung. Man habe Hemmer „eine Brücke bauen" wollen. Welche Interna die Trennung ausgelöst haben, hat der Trägerverein bislang nicht detailliert offengelegt; der Orchestervorstand verwies in seiner Stellungnahme darauf, dass man „über Interna nicht Auskunft geben" könne. Erst am 14. Mai nannte das Gremium öffentlich „wiederholte Konflikte" als Begründung – ein Begriff, der für eine arbeitsrechtliche Auseinandersetzung weitere Substanz brauchen wird.
Wer auf welcher Seite steht
Innerhalb des Apparats hat sich rasch eine breite Front hinter den Vorstand gestellt. Chefdirigent Jonathan Darlington, dessen Vertrag bis 2032 läuft, erklärte am 8. Mai, er stehe „ausdrücklich zur Entscheidung des Vorstandes des Trägervereins" und werde alles in seiner Kraft Stehende tun, um Vorstand, Verwaltung und Orchestervorstand zu unterstützen. Der Orchestervorstand selbst – das Gremium der Musikerinnen und Musiker – bezeichnete seine Haltung als „einhellig" auf Seiten des Trägervereins. Verwaltungsleiter Michael Winkler ergänzte, auch der Großteil der Verwaltungsangestellten stütze die Entscheidung. Mehrere weitere Orchestermitglieder veröffentlichten am 8. Mai eigene Statements im selben Tenor.
Die andere Seite hat ein prominentes Gesicht: Jo-Achim Hamburger, Mitglied des Trägervereins und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, sprach am 10. Mai von einer „lang vorbereiteten Intrige" und einem „würdelosen Akt". Er forderte den Rücktritt des Vorstands und eine Rücknahme der Trennung. Ein gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde geplantes Konzert am 23. Mai solle dennoch stattfinden. Vier Tage später meldeten sich weitere Mitglieder des rund 30-köpfigen Trägervereins zu Wort – mit dem Gegenargument: Die Behauptung, ein kleiner Kreis habe den Rauswurf orchestriert, sei nicht haltbar; man stehe „breit" hinter der Entscheidung.
Damit ist intern bestritten, was extern wahrscheinlich juristisch geprüft werden wird.
Saisonfinale unter Pfiffen
Wie tief der Konflikt ins Publikum reicht, zeigte sich beim Saisonfinale am Sonntag, 10. Mai, in der Meistersingerhalle. Noch ehe die erste Note gespielt worden war, mischten sich Buhrufe und Pfiffe unter den Applaus. Für ein Sinfoniekonzert in Nürnberg ist das eine ungewöhnliche Lautstärke an Unmut – sie galt nicht der Musik, sondern der Personalentscheidung.
Ein Kommentar von NN-Chefredakteur Michael Husarek vom 11. Mai brachte den verbreiteten Eindruck auf den Punkt: Für eine Trennung möge es Gründe gegeben haben, doch Art und Weise der Kommunikation schadeten dem Ruf des Orchesters. Der Vorwurf richtet sich weniger gegen die Entscheidung selbst als gegen das Wie – ein in Kulturinstitutionen wiederkehrendes Muster, in dem Personalkonflikte über die Bühnenseite ausgetragen werden, statt diskret beigelegt zu werden.
Stadtspitze meldet sich – mit Hinweis auf Finanzen
Oberbürgermeister Marcus König hat sich am 8. Mai zur Causa geäußert. Die Stadt ist nicht selbst Trägerin des Orchesters – das ist der Verein „Nürnberger Symphoniker e.V." –, sie sieht das Ensemble aber als zentralen Bestandteil des kommunalen Kulturlebens. König wies dabei auf finanzielle Risiken hin, die aus einem möglichen Arbeitsrechtsstreit erwachsen können – etwa für den Fall, dass eine Kündigung gerichtlich nicht hält und Nachzahlungen, Abfindungen oder Prozesskosten anfallen. Welche konkreten Verpflichtungen für die Stadt daraus entstehen würden, ist offen.
Wichtig ist der Unterschied, der in der öffentlichen Wahrnehmung leicht verschwimmt: Die Symphoniker sind nicht das Orchester des Staatstheaters – das ist die Staatsphilharmonie Nürnberg, ein eigener Klangkörper am Richard-Wagner-Platz. Die Symphoniker arbeiten als eigenständiges Ensemble mit 60 Planstellen (nach Angaben des Deutschen Musikinformationszentrums tariflich nach TVK B vergütet), finanzieren sich aus einer Mischung aus öffentlichen Zuschüssen, Mitgliedsbeiträgen, Ticketerlösen und Sponsoring. Sie spielen rund 100 Veranstaltungen pro Jahr und erreichen damit etwa 200.000 Zuhörerinnen und Zuhörer – auf dem Hauptmarkt ebenso wie in der Meistersingerhalle und im Serenadenhof. Im vergangenen Jahr trat das Orchester zum 975. Geburtstag der Stadt unter Darlington auf.
Eine längere juristische Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Intendanten kann in einer solchen Konstruktion empfindlich auf das Budget durchschlagen.
Hemmers Bilanz
Lucius A. Hemmer, mit akademischem Titel Professor, ist am 1. September 2003 nach Nürnberg gekommen. Davor leitete er die Kammerphilharmonie Amadé, zuvor war er Orchesterdirektor am Philharmonischen Staatsorchester Halle. Hemmer ist ausgebildeter Fagottist und hat unter Dirigenten wie Bernstein, Celibidache und Solti gespielt; das Musikmanagement begann er Mitte der 1990er-Jahre. In Nürnberg verantwortete er 23 Jahre die Geschicke des Orchesters, übernahm es unter Chefdirigent Alexander Shelley, verpflichtete 2018 Kahchun Wong als dessen Nachfolger und holte 2022 Jonathan Darlington. Sein Vertrag war bis dahin mehrfach vorzeitig verlängert worden.
Künstlerisch ist Hemmers Handschrift vorerst nicht aus dem Programm zu lösen. Die Saison 2026/27, die unter dem Titel „Alles außer gewöhnlich" steht, war zum Zeitpunkt der Trennung bereits weitgehend geplant. Klassikbetriebe arbeiten mit Vorlaufzeiten von zwei bis drei Jahren – ein Intendant, der heute geht, prägt das Haus noch mehrere Spielzeiten weiter. Der Titel des Programms wirkt vor dem Hintergrund der Ereignisse doppeldeutig, ist aber bereits vor dem Bruch festgelegt worden.
Stellenausschreibung als Botschaft
Strukturell hat das Orchester schnell reagiert. Am 12. Mai – einen Tag nachdem die Frist für den Aufhebungsvertrag verstrichen war – wurde die Stelle der Intendanz neu ausgeschrieben. Der Vorstand signalisiert damit, dass eine Rückabwicklung der Entscheidung – wie sie Hamburger gefordert hat – nicht zur Debatte steht. Die Formulierung der Ausschreibung lässt nach Beobachtung der Nürnberger Nachrichten Rückschlüsse auf mögliche Knackpunkte des bisherigen Arbeitsverhältnisses zu; welche das im Einzelnen sind, ist öffentlich nicht detailliert dargelegt. Wie und nach welchem Verfahren ausgewählt wird, ist bislang offen.
Ein zweiter Kommentar Husareks vom 15. Mai betonte, es komme bei der Nachfolge weniger auf Prominenz an als auf einen Führungsstil, der mit Orchester und Trägerverein arbeite und nicht gegen sie. In der Causa lässt sich das auch als Lehre lesen – wenngleich aus welcher Seite welche Schlüsse zu ziehen sind, weiterhin Streitpunkt bleibt.
Was als Nächstes kommt
Hemmer hat angekündigt, juristische Schritte einzuleiten. Damit ist ein Arbeitsrechtsstreit wahrscheinlich – die Klagefrist gegen eine Kündigung beträgt nach dem Kündigungsschutzgesetz drei Wochen ab Zugang. Eine Klage müsste sich unter anderem damit befassen, was am 7. Mai exakt vorlag: ein Angebot zur Vertragsauflösung mit Bedenkzeit, wie der Trägerverein darstellt, oder eine fristlose Kündigung, wie Hemmer es schildert. Je nach Auslegung gelten unterschiedliche Anforderungen an Begründung, Anhörung und Form.
Für den Spielbetrieb erklären die Symphoniker, alle geplanten Veranstaltungen fänden weiterhin statt. Das Konzert am 23. Mai mit der Jüdischen Gemeinde ist auf den Weg gebracht. Die Suche nach der Hemmer-Nachfolge läuft. Ob es ein arbeitsrechtlicher Vergleich, eine Verhandlungslösung oder eine ausgewachsene Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht Nürnberg wird, ist offen.
Der größere Befund
Die Causa Hemmer ist mehr als eine Personalentscheidung. Sie wirft Fragen nach den Strukturen auf, in denen Kulturinstitutionen geführt werden – nach dem Verhältnis von künstlerischer Leitung und ehrenamtlich besetztem Vereinsvorstand, nach Kommunikationswegen in Krisenmomenten, nach dem Gewicht öffentlicher Loyalitäten. Dass ein Intendant nach 23 Jahren binnen Stunden seinen Schreibtisch verlässt, ist auch in einem konfliktreichen Kulturbetrieb ungewöhnlich. Dass eine solche Trennung beim nächsten Konzert in offene Missbilligung umschlägt, ebenfalls.
Welche der widersprüchlichen Darstellungen sich durchsetzt – Angebot zur Vertragsauflösung versus fristlose Kündigung, breite Einigkeit versus Intrige – wird sich juristisch und politisch in den kommenden Wochen klären müssen. Für die Symphoniker beginnt damit, mitten im Jubiläumsjahr, eine Phase, in der sich das Orchester neu zu sich selbst verhält. Auffällig ist bisher vor allem eins: Die Berichterstattung wird, mit Ausnahme einer formellen Klarstellung des Trägervereins über das Fachportal Klassik Heute, fast ausschließlich von den Nürnberger Nachrichten geführt. Eine überregionale Resonanz ist bislang ausgeblieben. Ob das so bleibt, hängt davon ab, ob die Causa vor Gericht geht – und dort welche Tiefe sie entfaltet.
Quelle Bild: Stadt Nürnberg




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