Sexuelle Belästigung auf der Bergkirchweih: Wie der Safe Space Schutz schafft
- Anna Eberl
- vor 11 Stunden
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Erlangen rüstet sein größtes Volksfest mit einem mehrstufigen Awareness-Konzept aus — von 30 ehrenamtlichen Streetworkerinnen bis zum neuen Frauentaxi.
Wenn die Bergkirchweih in Erlangen öffnet, treffen mehrere Millionen Besucher auf engstem Raum aufeinander. Genau diese Dichte erhöht das Risiko sexueller Übergriffe — von anzüglichen Kommentaren bis zu sexualisierter Gewalt. Die Stadt reagiert seit mehreren Jahren mit einem festen Schutzkonzept: dem Safe Space in der Bayreuther Straße 11, kurz B11, kombiniert mit mobilen Awareness-Teams und einer Notfallnummer, die über das gesamte Festgelände hinweg erreichbar ist.
Verantwortlich für das Konzept ist unter anderem Milena Krüger vom städtischen Veranstaltungsdienst, die im Podcast The Nuremberg Times von Anna Eberl die Struktur erstmals öffentlich detailliert beschreibt. Krüger betreut den Safe Space im vierten Jahr und verantwortet zugleich dessen Öffentlichkeitsarbeit.
Was ist der Safe Space auf der Bergkirchweih?
Der Safe Space ist eine fest verortete Anlaufstelle für Frauen und Mädchen, die sich auf dem Festgelände unwohl fühlen oder Übergriffe erleben. In der Bayreuther Straße 11 arbeiten hauptamtliche Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs mit rund 30 ehrenamtlichen Helferinnen zusammen. Diese laufen in Schichten von je drei bis vier Personen über das Berggelände, gut sichtbar in pinkfarbenen Warnwesten mit dem Safe-Space-Logo. Hinzu kommt der städtische Veranstaltungsdienst mit eigenem Container direkt am Gelände.
Drei Eskalationsstufen: Belästigung, Berührung, Gewalt
Übergriffe verlaufen laut Krüger entlang einer Eskalationsskala. Sie beginnen bei „anzüglichen Kommentaren", gehen über „sexuelle Belästigung in Form von Berührungen" bis hin zu „sexualisierter Gewalt". Volksfeste verschärfen das Problem aus zwei Gründen: die hohe Menschendichte ermögliche Nähe, „wo auch diese Nähe teilweise ausgenutzt wird" — und Alkohol senke gleichzeitig die Hemmschwelle der Täter wie die Reaktionsfähigkeit der Betroffenen.
Wie hilft das Awareness-Team konkret?
Die Hilfe ist mehrstufig und beginnt bewertungsfrei. Ehrenamtliche bieten zunächst ein Gespräch vor Ort an, begleiten Betroffene auf Wunsch in die B11, wo eine psychosoziale Erstberatung stattfindet. Wer den Heimweg antritt, kann auf das 2025 neu eingeführte Frauentaxi zurückgreifen — laut Angaben im Podcast an zwei Standorten und teilweise mit weiblichen Fahrerinnen besetzt. Auch verlorene Handys oder der Kontakt zu Bezugspersonen werden organisiert. Bei schwereren Fällen erfolgt die Weiterleitung an Polizei, Rettungsdienste oder spezialisierte Beratungsstellen.
Für Betroffene, die nicht direkt zum Safe Space finden, funktioniert die Security oft als erste Anlaufstelle. Krüger bestätigt: Securities, Polizei und Veranstaltungsdienst seien geschult und leiteten an die B11 weiter. Moderatorin Anna Eberl schildert aus eigener Erfahrung des Vorjahres einen Fall, in dem ein Mann ihr auf der Bierbank den Rock hochzog — sie sei über die Security zum Awareness-Team und anschließend zur Polizei vermittelt worden.
Prävention beginnt vor dem Festeinlass
Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt im Vorfeld. Werbebanner, Broschüren, Social-Media-Kampagnen und die offizielle Homepage sollen sicherstellen, dass möglichst viele Besucherinnen den Safe Space kennen, bevor sie ihn brauchen. Krüger räumt ein, dass es jedes Jahr Gäste gebe, die überrascht reagieren: „Wow, ich wusste nicht wirklich, dass es diese Örtlichkeit gibt." Auch Wirte und Schausteller werden über Pressekonferenz und schriftliche Dokumente mit Kontaktdaten gebrieft. Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr stimmen ihre Reaktion mit dem Safe-Space-Team ab.
„Nein heißt Nein" — und nur ein klares Ja ist ein Ja
Die kommunikative Linie des Teams ist kompromisslos. „Nein heißt nein. Da muss eine Eindeutigkeit geschafft werden. Nur ein freiwilliges Ja zählt", sagt Krüger. Eine einmal gegebene Zustimmung könne jederzeit zurückgezogen werden — „keine Ausreden, keine Missverständnisse, keine Interpretation oder Diskussion". Damit positioniert sich der Veranstalter eindeutig in einer Debatte, die seit Inkrafttreten der Reform des Sexualstrafrechts 2016 in Deutschland geführt wird.
Geteilte Verantwortung zwischen Veranstalter und Gästen
Krüger zieht eine klare Linie zwischen institutioneller und individueller Verantwortung. Der Veranstalter müsse Sicherheits- und Awareness-Konzept, Personalschulung und Anlaufstellen bereitstellen. Besucherinnen und Besucher seien aufgerufen, „aufeinander zu achten, hinzuschauen und nicht wegzusehen" sowie verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen. Das Ziel: „Dass das Feiern einfach für alle sicher und respektvoll möglich ist."
Mit der diesjährigen Bergkirchweih, die laut Podcast am Donnerstag startet, geht das Konzept in eine weitere Saison — mit neuem Frauentaxi und einem Anspruch, der über Erlangen hinaus Modellcharakter beanspruchen kann.




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