OpenAI öffnet sein Werbenetzwerk: ChatGPT wird zum Mediumkanal
- Kevin Kienle

- vor 1 Tag
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Drei Monate nach dem offiziellen Start des Werbepiloten hat OpenAI sein Anzeigengeschäft am 5. Mai 2026 für alle US-amerikanischen Unternehmen geöffnet. Unter der Adresse ads.openai.com ist seitdem eine Self-Serve-Plattform im Betastatus zugänglich, über die Werbetreibende Kampagnen in ChatGPT eigenständig anlegen, steuern und auswerten können – ohne Mindestbudget und ohne Agenturzwang. Die Plattform ist derzeit auf den US-Markt beschränkt; eine internationale Ausweitung wurde bislang nicht angekündigt.
Der Schritt markiert das Ende einer Phase, in der Werbung in ChatGPT ausschließlich über ausgewählte Großpartner buchbar war. Wer jetzt teilnehmen will, registriert sich direkt bei OpenAI und durchläuft eine Verifizierung, bevor der volle Plattformzugang freigeschaltet wird. Die Mindestausgabe, die beim Pilotstart noch bei 250.000 US-Dollar gelegen hatte und zuletzt auf 50.000 Dollar gesenkt worden war, entfällt damit vollständig.
Wie das System funktioniert – und wo Anzeigen erscheinen
Anzeigen in ChatGPT erscheinen derzeit ausschließlich bei Nutzern der kostenlosen Free- und Go-Tarife in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Zahlende Abonnenten – Plus, Pro, Business – sehen keine Werbung. Auch Minderjährige sind aus der Zielgruppe ausgeschlossen, wie OpenAI in seiner Dokumentation festhält.
Technisch werden Anzeigen kontextuell ausgesteuert: Wenn eine Konversation kommerziell relevante Absichten erkennen lässt – Produktvergleiche, Reiseplanung, Softwaresuche – kann ChatGPT einen klar als gesponsert gekennzeichneten Vorschlag unterhalb der organischen Antwort einblenden. Wo genau Anzeigen erscheinen, liegt ausschließlich in OpenAIs Kontrolle; Werbepartner und Agenturen steuern lediglich Budget, Gebote und Werbemittel.
Seit dem Start des Piloten am 9. Februar 2026 waren Anzeigen ausschließlich auf Tausend-Kontakt-Preis-Basis (CPM) buchbar. Mit der aktuellen Erweiterung kommt nun auch Cost-per-Click-Bidding (CPC) hinzu, bei dem Werbetreibende nur zahlen, wenn ein Nutzer tatsächlich auf eine Anzeige klickt. Beide Modelle sollen dauerhaft verfügbar bleiben. Ergänzend hat OpenAI ein Conversion-Tracking-Pixel sowie eine Conversions API eingeführt, mit der Werbetreibende Folgeereignisse wie Käufe, Registrierungen oder Lead-Einreichungen messen können – in aggregierter Form, ohne Zugriff auf individuelle Gesprächsinhalte.
Vom Piloten zur Plattform: eine Chronologie in wenigen Monaten
Die Entwicklung verlief in auffällig kurzen Abständen. OpenAI kündigte den Werbeeinstieg offiziell am 16. Januar 2026 an. Wenige Wochen später, am 9. Februar, gingen die ersten Anzeigen für eingeloggte Erwachsene in den USA live. Im März folgte die Ausdehnung auf Kanada, Australien und Neuseeland – zum selben Zeitpunkt teilte OpenAI mit, dass der US-Pilot innerhalb von sechs Wochen die Marke von 100 Millionen Dollar annualisiertem Umsatz überschritten hatte. Im April wurde CPC-Bidding für Pilotpartner freigeschaltet; ebenfalls im April aktualisierte OpenAI seine Datenschutzerklärung, um die Weitergabe bestimmter Nutzerdaten an Werbepartner zu formalisieren. Den vorläufigen Abschluss dieser Aufbauphase markiert nun das Self-Serve-Portal.
Für das laufende Jahr peilt OpenAI nach eigenen Angaben 2,5 Milliarden US-Dollar Werbeeinnahmen an. Als längerfristiges Ziel kommuniziert das Unternehmen 100 Milliarden Dollar bis 2030.
Partner und Ökosystem
Auf Agenturseite arbeitet OpenAI mit den großen Holding-Unternehmen zusammen: Dentsu, Omnicom, Publicis und WPP unterstützen Kunden beim Kauf von ChatGPT-Anzeigen. Als Technologiepartner sind Adobe, Criteo, Kargo, Pacvue und StackAdapt eingebunden. Criteo war dabei nach eigenen Angaben der erste Adtech-Partner, der im März 2026 rund 17.000 Werbekundschaft an die ChatGPT-Plattform angebunden hat.
Die Integration dieser Partner folgt einer klaren Rollenverteilung: OpenAI behält die vollständige Kontrolle über die Auslieferungsentscheidungen; Agenturen und Adtech-Unternehmen können ausschließlich kampagnenseitige Parameter verwalten. Das gesamte Ökosystem – Holding Companies, Adtech-Plattformen, Self-Serve-Portal – ist erkennbar an der Struktur klassischer digitaler Werbemarktplätze ausgerichtet, wie sie Google oder Meta in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgebaut haben.
Das strukturelle Argument: warum OpenAI Werbung braucht
OpenAI ist eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen der KI-Branche und gleichzeitig eines der kostspieligsten. CEO Sam Altman hat öffentlich kommuniziert, dass das Unternehmen in den kommenden Jahren außerordentlich hohe Investitionen in Recheninfrastruktur tätigen wird. Der überwiegende Teil der rund 800 Millionen wöchentlich aktiven ChatGPT-Nutzer bezahlt nichts für den Dienst. Werbung gilt intern als das Mittel, um diese kostenlose Nutzerbasis zu monetarisieren, ohne die Einstiegshürde durch höhere Abopreise zu erhöhen.
Das Muster ist aus der Geschichte digitaler Plattformen bekannt: Google finanzierte seinen Aufstieg zur Suchmaschine durch Anzeigen neben redaktionell neutralen Suchergebnissen. Die strukturelle Herausforderung für konversationelle KI ist allerdings eine andere: Während bei Google-Suche gesponserte und organische Ergebnisse räumlich getrennt erscheinen, sind Anzeigeninhalte in einem Chatbot prinzipiell schwerer als solche zu identifizieren – selbst wenn sie, wie OpenAI betont, klar als „Sponsored" deklariert werden.
Dieser Punkt ist im Markt nicht unumstritten. Perplexity, ein direkter Konkurrent im Bereich KI-gestützte Suche, hatte ein ähnliches Modell mit gesponserten Folgefragen im November 2024 eingeführt – und das Programm im Februar 2026 eingestellt. Als öffentliche Begründung nannte das Unternehmen Bedenken hinsichtlich der wahrgenommenen Neutralität der Antworten.
Was das für Nürnberger und bayerische Unternehmen bedeutet
Direkt buchbar ist die Plattform derzeit ausschließlich für US-amerikanische Unternehmen. Wann Werbetreibende aus Deutschland oder der Metropolregion Nürnberg Zugang erhalten, hat OpenAI nicht kommuniziert. Über internationale Agenturpartner wie WPP oder Publicis ist es denkbar, dass auch deutsche Kunden früher Zugang erhalten als über das Self-Serve-Portal – Näheres dazu ist öffentlich nicht bekannt.
Für Unternehmen jeder Größe, die internationale oder englischsprachige Zielgruppen ansprechen, ist das neue Format jedoch bereits jetzt ein relevantes Signal: ChatGPT wird zunehmend als Entscheidungskanal genutzt – für Produktvergleiche, Reiseplanung, Softwareauswahl. Wer dort nicht sichtbar ist, fehlt in einem wachsenden Teil des Informationswegs potenzieller Kunden. Ob das neue Format tatsächlich hält, was es verspricht – messbarer Einfluss auf Kaufentscheidungen, bei gleichzeitig gewahretem Nutzervertrauen – wird sich erst im laufenden Betrieb zeigen.




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