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Nürnberg als Bühne für Europas Nachwuchs-Demokraten

Sechs Tage lang war Nürnberg das Zentrum eines kleinen, präzisen Experiments in angewandter Demokratie. Vom 28. Mai bis zum 2. Juni 2026 kamen 120 Jugendliche zur 36. Nationalen Auswahlsitzung des Europäischen Jugendparlaments (EJP) in der Frankenmetropole zusammen — aus Deutschland und dem europäischen Ausland, zwischen 15 und 19 Jahren alt, mit einem gemeinsamen Auftrag: echte politische Lösungen für echte europäische Probleme erarbeiten.

Das Oberthema lautete „Stärkung der Fachkräfte, Förderung der Wettbewerbsfähigkeit" — eine Fragestellung, die in Wirtschaftsverbänden, Bundesministerien und EU-Gremien genauso geführt wird wie in diesem Sitzungssaal. Der Unterschied: Hier saßen keine Lobbyisten und Berufspolitiker, sondern Schülerinnen und Schüler, die sich die Strukturen parlamentarischer Arbeit selbst angeeignet hatten.


Acht Ausschüsse, zwei Tage Vollversammlung

Die Delegierten arbeiteten in acht internationalen Ausschüssen, deren Themenspektrum die Breite der europäischen Herausforderungen abbildete: Fachkräftemangel und Arbeitsmigration, Förderung von Innovation und Start-ups, nachhaltige Energiesysteme, Wasserknappheit, Inklusion auf dem Arbeitsmarkt. Nach intensiven Diskussionen formulierten die Ausschüsse schriftliche Lösungspapiere, die anschließend in einer zweitägigen Parlamentarischen Vollversammlung vorgestellt, öffentlich debattiert und zur Abstimmung gestellt wurden.

Das Verfahren ist nah an der parlamentarischen Realität: Positionen müssen begründet, Kompromisse ausgehandelt, Mehrheiten organisiert werden. Dissens ist Teil des Prozesses, kein Scheitern. Dass die Teilnehmenden diese Regeln nicht nur akzeptierten, sondern aktiv nutzten, ist eine der Leistungen des Formats.


Podium mit Peter Reiss und Eva Lettenbauer

Ein besonderer Programmpunkt war die Podiumsdiskussion zum Oberthema der Sitzung. Gemeinsam mit Peter Reiss und Eva Lettenbauer — zwei Politikerinnen und Politikern aus der Region — diskutierten die Delegierten, wie Europa seine Wettbewerbsfähigkeit sichern und gleichzeitig attraktive Bedingungen für Fachkräfte schaffen kann. Welche Positionen die Gäste im Einzelnen vertraten, geht aus den vorliegenden Unterlagen nicht hervor; die Tatsache, dass das Podium explizit als Höhepunkt der Sitzung hervorgehoben wird, deutet auf eine lebendige, nicht nur protokollarische Diskussion hin.


44 Ehrenamtliche, vollständig selbstorganisiert

Was an dieser Veranstaltung strukturell bemerkenswert ist: Sie wurde nicht von einer Bildungsbehörde oder einem Veranstalter aus der Erwachsenenwelt gesteuert, sondern von 44 jungen Ehrenamtlichen organisiert und durchgeführt — zuständig für Logistik, Moderation, Pressearbeit und Jury. Über Monate hatten sie die Sitzung vorbereitet. Das Ergebnis war eine Konferenz, die nicht nur inhaltlich, sondern auch operativ von Jugendlichen getragen wurde.

Diese Selbstorganisation ist kein Randmerkmal, sondern Kern des EJP-Ansatzes. Das Europäische Jugendparlament in Deutschland e.V. ist ein überparteilicher, gemeinnütziger Verein, der ausschließlich ehrenamtlich von Schülerinnen, Schülern, Auszubildenden und Studierenden getragen wird — Teil des europäischen Dachverbands European Youth Parliament (EYP), der in mehr als 40 Ländern aktiv ist.


Wer jetzt Deutschland vertritt

Die Nationale Auswahlsitzung hat auch eine selektive Funktion: Eine unabhängige Jury beobachtete die Leistungen der Delegierten während der Ausschussarbeit und der Vollversammlung. Am Abschlusstag wurden jene Teilnehmenden benannt, die Deutschland bei kommenden Sitzungen des EYP vertreten werden. Sie reisen in den kommenden Monaten nach Luxemburg, in die Schweiz, nach Polen sowie zur 105. Internationalen Sitzung des EYP in Serbien.


Was Nürnberg davon hat

Für Nürnberg ist die Ausrichtung einer solchen Sitzung mehr als ein logistischer Akt. Die Stadt profiliert sich damit als Veranstaltungsort für politische Bildung auf europäischer Ebene — in einer Region, in der Fachkräftemangel und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit nicht nur Schlagworte sind, sondern zentrale Themen des Mittelstands und der Großunternehmen in der Metropolregion.


Inwiefern die Impulse der Sitzung — die Lösungspapiere der Ausschüsse — in reale politische Prozesse einfließen, bleibt offen. Das EJP versteht sich als Bildungs- und Austauschplattform, nicht als Beratungsgremium der EU-Institutionen. Aber der Wert liegt woanders: in der politischen Sozialisation der Teilnehmenden, in der Erfahrung, dass Argumente zählen, dass Kompromisse möglich sind, und dass Europa kein abstraktes Konstrukt ist, sondern ein Verhandlungsraum, den man betreten — und mitgestalten — kann.

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