„Mein N‑Wort ist Nürnberg“ – Wie Ein SPD‑Plakat eine Debatte über Rassismus, Repräsentation und Wahlkampf auslöste
- Paul Arzten

- 20. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Ein provokanter Slogan, ein massiver Backlash: Mit einem XXL‑Plakat am Karl‑Bröger‑Zentrum hat die SPD Nürnberg ihr Wahlprogramm vorgestellt – und zugleich eine der heftigsten Debatten dieses beginnenden Kommunalwahlkampfs ausgelöst. Der Satz „Mein N‑Wort ist Nürnberg“, platziert unter dem Porträt des SPD‑Oberbürgermeisterkandidaten Dr. Nasser Ahmed, sollte Aufmerksamkeit erzeugen. Das gelang. Doch die Reaktionen zeigen: Aufmerksamkeit ist nicht gleich Zustimmung.
Ein Wahlkampfstart mit Kalkül
Lila Hintergrund, mehrere Stockwerke hoch, unübersehbar im Stadtbild: Das Plakat war offenkundig darauf angelegt, zu polarisieren. Der bewusst gesetzte Bruch – ein historisch hochbelasteter Begriff, wenn auch nur angedeutet – wurde von Beginn an als Provokation gelesen. Innerhalb weniger Stunden verlagerte sich die Debatte in soziale Netzwerke, insbesondere auf TikTok und Instagram. Dort formierte sich massiver Protest, vor allem aus der Schwarzen Community.
Kritik aus der Community
Der zentrale Vorwurf: Ein rassistisch verletzender Begriff werde instrumentalisiert, ohne die Betroffenen mitzunehmen. Viele Kommentierende kritisierten, dass vor allem weiße Mehrheitsmilieus den Slogan feierten, während Schwarze Stimmen überwiegend Ablehnung äußerten. Die Kampagne wirke wie ein Spiel mit Schmerz, nicht wie ein Akt der Selbstermächtigung.
Nasser Ahmeds Antwort
Gegenüber nordbayern.de verteidigte Nasser Ahmed den Slogan mit einer persönlichen Erklärung: Er sei selbst schwarz, kenne die rassistische Bedeutung des N‑Wortes – lasse aber nicht zu, dass seine Identität durch Ausgrenzung definiert werde. Seine Identität sei Nürnberg, seine Heimat. Genau hier verläuft die Bruchlinie der Debatte.
Paul Arzten: „Der Bezug zur Community fehlt“
Im U12‑Podcast von The Nuremberg Times ordnete der Grünen‑Politiker und Aktivist Paul Arzten die Kontroverse scharf ein. Sein Kernargument: Auch wenn Ahmed als schwarze Person spreche, könne er nicht ignorieren, dass viele andere Schwarze Menschen durch diese Wortwahl verletzt würden. Identität sei mehr als Herkunft oder Heimat – sie entstehe auch aus Verantwortung, Sensibilität und dem Dialog mit der eigenen Community.
Arzten kritisiert insbesondere, dass offenbar weder vorab Rücksprache gehalten noch nach dem Backlash ein klares, empathisches Signal gesendet worden sei. Ein einfaches Eingeständnis, über das Ziel hinausgeschossen zu sein, hätte deeskalierend wirken können – sei aber ausgeblieben.
Wahlkampfstrategie oder kultureller Blindflug?
Politisch betrachtet wirft die Kampagne weitere Fragen auf. Wem nützt diese Provokation? Arzten argumentiert, dass die SPD damit eher Wählerschichten adressiere, die ohnehin von der CSU erreicht würden, während zentrale Potenziale – etwa Menschen mit Migrationsgeschichte oder von Armut betroffene Gruppen – vernachlässigt blieben.
Gerade Nürnberg, eine Stadt mit rund 50 Prozent Einwohner:innen mit Migrationsgeschichte, stehe vor drängenden sozialen Fragen: steigende Mieten, Alltagsarmut, soziale Spaltung. Themen, die breite Teile der Stadtgesellschaft vereinen könnten – und die in dieser Debatte nahezu untergehen.
Von der Identitätspolitik zum Kulturkampf?
Ob sich die Auseinandersetzung noch in konstruktive Bahnen lenken lässt, erscheint fraglich. In den sozialen Netzwerken verhärteten sich die Fronten schnell. Für viele Beobachter:innen reiht sich der Vorfall ein in ein größeres Muster: Begriffe und Narrative aus marginalisierten Communities werden von Parteien aufgegriffen, zugespitzt – und verlieren dabei ihren ursprünglichen Kontext.
Ein Lehrstück für den Wahlkampf
Der Fall „Mein N‑Wort ist Nürnberg“ zeigt exemplarisch, wie schmal der Grat zwischen Sichtbarkeit und Vereinnahmung ist. Repräsentation allein genügt nicht. Sie muss begleitet sein von Dialog, Sensibilität und der Bereitschaft, Kritik auszuhalten – gerade dann, wenn sie aus den eigenen Reihen kommt.
Der Schaden ist da. Ob er politisch begrenzt werden kann, hängt weniger von Reichweite als von Haltung ab.
Quelle Bild: Nasser Ahmed




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