U12: Haushaltssperre Nürnberg – Kreisjugendring warnt vor Kürzungen
Wenige Wochen vor dem Haushaltsbeschluss 2027 fordern 64 Jugendverbände Planungssicherheit. Paul Arzten und Kevin Kienle ordnen ein.
Das Wichtigste in Kürze
Der Kreisjugendring Nürnberg-Stadt (KJR) fordert Stadtrat und Stadtverwaltung in einem offenen Brief auf, die Finanzierung der offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit in Nürnberg zu sichern.
Unterzeichnet ist der Brief im Namen der 64 im KJR organisierten Kinder- und Jugendverbände.
Seit dem 29. Juli 2026 gilt in Nürnberg eine unbefristete Haushaltssperre: Neue finanzielle Verpflichtungen sind nur noch erlaubt, wenn sie zwingend erforderlich, gesetzlich vorgeschrieben oder unaufschiebbar sind.
Für das Haushaltsjahr 2027 muss die Stadt Nürnberg ein Konsolidierungsprogramm von rund 80 Millionen Euro umsetzen; laut Medienberichten fehlen im Haushalt rund 91 Millionen Euro.
Bund, Länder und Gemeinden gaben 2024 rund 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus, davon 19,6 Milliarden Euro für Hilfen zur Erziehung und rund 2,5 Milliarden Euro für Jugendarbeit.
Der Kreisjugendring Nürnberg-Stadt (KJR) verlangt vom Nürnberger Stadtrat, die Kinder- und Jugendarbeit beim Sparkurs für 2027 zu schützen. In einem offenen Brief im Namen von 64 Jugendverbänden fordert er, Kostensteigerungen angemessen zu berücksichtigen und die Träger frühzeitig und transparent in die Haushaltsberatungen einzubeziehen. Hintergrund ist die Haushaltssperre, die die Stadt Nürnberg am 29. Juli 2026 verhängt hat. In der aktuellen Folge des Podcasts U12 diskutieren Paul Arzten und Kevin Kienle, was auf dem Spiel steht.
Was fordert der Kreisjugendring vom Nürnberger Stadtrat?
Der Kreisjugendring Nürnberg-Stadt ist die Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände in Nürnberg und vertritt deren Interessen gegenüber Stadtrat und Verwaltung. In seinem offenen Brief argumentiert er, dass steigende Kosten und Fallzahlen bei Hilfen zur Erziehung, Schulbegleitungen und Inobhutnahmen die wachsende Belastung von Kindern, Jugendlichen und Familien widerspiegeln. Gerade deshalb seien Angebote der offenen und verbandlichen Jugendarbeit unverzichtbar. Kürzungen gefährdeten Freiräume, Mitbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen – und am Ende auch ihre Einstellung zur Demokratie.
Die Kernkritik fasst Kevin Kienle im Podcast so zusammen: Unklar sei, wie die Sparvorhaben konkret umgesetzt werden sollen, obwohl der Haushalt 2027 nach Angaben der Gastgeber bereits im November verabschiedet werden soll.
Haushaltssperre in Nürnberg – warum die Stadt sparen muss
Oberbürgermeister Marcus König und Stadtkämmerer Thorsten Brehm haben die Haushaltssperre am 29. Juli 2026 mit sofortiger Wirkung verhängt. Als Gründe nennt die Stadt Nürnberg schwächere Gewerbesteuereinnahmen, weiter steigende Sozialausgaben und zusätzliche Belastungen durch das Klinikum Nürnberg. Die Sperre gilt bis auf Weiteres.
Schon zuvor musste die Stadt ein Konsolidierungsprogramm mit einem Volumen von rund 80 Millionen Euro für das Haushaltsjahr 2027 auf den Weg bringen. Ende September 2026 brachte Kämmerer Brehm den Haushaltsentwurf 2027 im Stadtrat ein. Medienberichten zufolge fehlen der Stadt aktuell rund 91 Millionen Euro.
Nullrunde statt Kürzung – was das für Träger bedeutet
Nach Darstellung von Paul Arzten sehen erste Sparvorschläge vor, Tariferhöhungen bei den Zuschüssen nicht mitzugehen, die meisten Träger aber auf der Zuschussliste zu halten. Formal werde nicht gekürzt, man spreche von einer Nullrunde. Weil die Zuschüsse vor allem Personal finanzieren, bedeute das faktisch weniger Stellen. Ähnliche Kritik hatten Nürnberger Wohlfahrtsverbände bereits am Haushalt 2026 geübt: Ein Personalaufschlag von zwei Prozent decke nicht einmal die Tarifsteigerungen.
Eine Sonderrolle spielt der Jugendhilfeausschuss der Stadt Nürnberg. Er berät den Teilhaushalt des Jugendamts in einer eigenen Etatsitzung, und die freien Träger der Jugendhilfe sind dort stimmberechtigt vertreten – nach § 71 SGB VIII mit zwei Fünfteln der Stimmen. Laut Paul Arzten steht die Etatsitzung bereits in der kommenden Woche an. Dass die Jugendverbände bis dahin noch substanziell einbezogen werden, hält er für „sehr unwahrscheinlich“.
Ist Prävention günstiger als spätere Jugendhilfe?
Kinder- und Jugendarbeit wirkt vorbeugend: Je früher junge Menschen Unterstützung erhalten, desto seltener werden später teure Pflichtleistungen nötig. Das ist das zentrale Argument des Kreisjugendrings – und auch von Paul Arzten. Wer heute bei der Jugend spare, zahle später drauf: „Das rächt sich dann später.“ Kevin Kienle vergleicht das mit maroder Infrastruktur: Wer Schienennetz oder Autobahn nicht instand hält, spart kurzfristig und bekommt die Kosten später gebündelt präsentiert.
Die Größenordnungen zeigen die Spannung. Laut Statistischem Bundesamt gaben Bund, Länder und Gemeinden 2024 rund 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus, 9,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auf Hilfen zur Erziehung entfielen 19,6 Milliarden Euro, auf Jugendarbeit nur rund 2,5 Milliarden Euro, also 3,2 Prozent. Die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung und Eingliederungshilfe stiegen nach Angaben im Podcast um 16,5 Prozent.
Warum sich der Nutzen von Prävention im Haushalt so schwer belegen lässt, erklärt Arzten mit der Zeitachse: Wirkung zeige sich nicht innerhalb von zwei, drei Jahren, sondern über eine Jugend hinweg. Zudem fehle eine Prioritätensetzung beim Sparen: „Insgesamt fehlt einfach eine gemeinsame Liste, was eingespart werden muss.“ Kultur, Kinder- und Jugendpolitik und Sozialarbeit sollten aus seiner Sicht geschützt werden.
Rechtsanspruch ja, Höhe offen
Das Sozialgesetzbuch VIII verpflichtet die Kommunen, jungen Menschen die erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen (§ 11) und die Tätigkeit der Jugendverbände nach Maßgabe des § 74 zu fördern (§ 12). Über die Höhe der Förderung entscheidet jedoch der Stadtrat. Kevin Kienle verweist im Podcast zudem auf ein Gutachten von Prof. Dr. Reinhard Wiesner für den Deutschen Bundesjugendring aus dem Jahr 2013, auf das sich der KJR stützt.
Erste Einschnitte sind bereits sichtbar
Die Sparzwänge treffen junge Nürnbergerinnen und Nürnberger schon jetzt: Das Rathausclubbing für 18-Jährige, geplant für den 10. Juli 2026, hat die Stadt wegen der Haushaltslage auf 2027 verschoben. Paul Arzten kritisiert, dass politische Anträge in diesem Zusammenhang teils unbeantwortet blieben, und wünscht sich mehr sichtbares Engagement junger Menschen, die ihre Rechte oft nicht kennen.
Transparenzhinweis: Die Termine der Etatsitzung des Jugendhilfeausschusses und des Haushaltsbeschlusses 2027 beruhen auf Angaben im Podcast. Konkrete Sparvorschläge für die Jugendarbeit waren bis Redaktionsschluss am 22. Oktober 2026 nicht öffentlich einsehbar.
Quellen: Podcast U12 vom 22. Oktober 2026; offener Brief des Kreisjugendrings Nürnberg-Stadt; Stadt Nürnberg (Pressemitteilungen Nr. 706 vom 29.06.2026 und Nr. 854 vom 29.07.2026); Statistisches Bundesamt; SAT.1 Bayern; epd.
Titelbild (Symbolbild): Les Taylor / Unsplash, Unsplash-Lizenz.





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