Tram statt Tunnel: Straßenbahn nach Fürth als Frankenschnellweg-Alternative?
- Kevin Kienle

- 27. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Am Tag vor dem Bürgerentscheids über den Frankenschnellweg kursiert in der Nürnberger Netzgemeinde eine Idee, die zugleich historisch und zukunftsgerichtet klingt: eine neue Straßenbahnverbindung zwischen Fürth und Nürnberg. Der Vorschlag stammt nicht aus dem Stadtrat, nicht von der VAG und nicht von einer Planungsbehörde — sondern von Nutzern der Crowd-Planungsplattform Linie Plus, auf der Bürgerinnen und Bürger eigene ÖPNV-Ideen skizzieren und diskutieren können. In der aufgeheizten Debatte um den knapp 1,1 Milliarden Euro teuren Tunnel-Ausbau gewinnt er dennoch symbolische Wucht.
Eine alte Verbindung, die vor 45 Jahren gekappt wurde
Was heute nach Innovation klingt, war bis 1981 Realität: Die Nürnberg-Fürther Straßenbahn verband beide Städte über Jahrzehnte auf Schienen. Mit dem Bau der U-Bahn-Linie U1 entschied man sich, das Parallelangebot abzuschaffen. Die Straßenbahn gehörte ab 1881 zum Nürnberger Netz und wurde von der Nürnberg-Fürther Straßenbahn, dem heutigen Betreiber VAG Nürnberg, betrieben. Mit dem Bau der U1 und dem dadurch entstehenden Parallelverkehr wurde die Straßenbahn nach Fürth stillgelegt — bereits bei der Fertigstellung der U-Bahn gab es erste Kritik an dieser Entscheidung. Was blieb, war ein Busnetz mit vergleichsweise hohen Betriebskosten und einer lückenhaften Feinerschließung.
Der aktuelle Linie-Plus-Vorschlag, veröffentlicht im August 2025 unter dem Titel „Straßenbahnerweiterung Nürnberg – Fürth", greift genau diesen historischen Bruch auf. Die vorgeschlagene Strecke soll über die bestehende Endhaltestelle Westfriedhof der VAG-Linie 6 hinaus durch Poppenreuth zum Fürther Hauptbahnhof führen und von dort weiter in die Fürther Südstadt bzw. zur künftigen U3-Station Gebersdorf. Zahlreiche Fürther Schulen wären angebunden, ebenso der IKEA Fürth und das Stadion. Im Hochbetrieb wäre laut Vorschlag ein Fünf-Minuten-Takt auf dem gemeinsamen Abschnitt denkbar.
Was der Planfeststellungsbeschluss von 2013 dazu sagt
Der Vorschlag wird im Kontext des Bürgerentscheids explizit als Alternative zum Frankenschnellweg-Ausbau positioniert. Die Initiative „Zurück auf Los" nennt auf ihrer Webseite unter anderem eine Straßenbahnlinie von der Landgrabenstraße bis zum Südstadtpark in Fürth als mögliche Alternative — und perspektivisch eine Weiterführung in den Fürther Landkreis — als einen der Lösungsansätze, die sich durch einen Stopp des Tunnelprojekts ergeben könnten. Auch im FAQ der Initiative wird eine Straßenbahnachse in die Fürther Südstadt als Beispiel für Alternativen genannt, die nach Ansicht der Initiatoren bislang nicht ernsthaft mit seriösen verkehrsplanerischen Methoden geprüft wurden.
Die Stadt Nürnberg hält dagegen: Im Planfeststellungsbeschluss von 2013 heißt es auf Seite 32, der Ausbau des ÖPNV sowie des Radwegenetzes seien nicht geeignet, die Stauanfälligkeit der Kreisstraße N 4 zu beseitigen, und eine andere Trasse oder ein anderes Verkehrskonzept habe sich unter Berücksichtigung aller abwägungserheblichen Gesichtspunkte nicht als bessere Lösung aufgedrängt. Beide Seiten führen also dieselbe Frage an — welche Alternativen wirklich geprüft wurden — und kommen zu entgegengesetzten Schlüssen.
Fürth hat das Interesse, aber kein Geld
Wie realistisch wäre eine Straßenbahn zwischen den beiden Städten tatsächlich? Ein Blick auf die offiziellen Planungsgrundlagen gibt eine ernüchternde Antwort. Bereits vor rund 15 Jahren schlug die Stadt Nürnberg vor, die Straßenbahn über den Westfriedhof hinaus über Poppenreuth nach Fürth zu verlängern. Die Stadt Fürth zeigte kein großes Interesse und wollte stattdessen am bestehenden Busnetz festhalten.
Seither hat sich die Haltung Fürths in Nuancen verschoben — aber nicht grundlegend. Im Klimaschutzkonzept 2021 der Stadt Fürth ist eine Straßenbahnstrecke von Nürnberg Westfriedhof über Poppenreuth, Fürth Hauptbahnhof nach Fürth Süd (Nürnberg Gebersdorf) ausdrücklich zu prüfen, anknüpfend an eine gleiche Überlegung aus dem Nahverkehrsentwicklungsplan 2025 plus der Stadt Nürnberg. Und auch im Mobilitätsplan Fürth 2035+ ist die Idee präsent: Er enthält eine Machbarkeitsstudie „Netzentwicklung Straßenbahn und U-Bahn-Erweiterung in Fürth" als Maßnahme.
Der entscheidende Vorbehalt steht allerdings im Stadtratsbeschluss selbst. Der Fürther Stadtrat war der Auffassung, dass eine Schienennetzerweiterung derzeit nicht finanzierbar sei. Eine Machbarkeitsstudie zur U- und Straßenbahnerweiterung solle daher lediglich auf die Trassenfreihaltung abstellen — keine vollumfängliche Prüfung, da diese nicht finanzierbar und leistbar sei. Mit anderen Worten: Fürth will Trassen bei Neubauten freihalten, um sich die Option offenzuhalten — aber eine verbindliche Planung, geschweige denn ein Baubeschluss, steht in weiter Ferne.
Technische Machbarkeit: Anknüpfung am Westfriedhof ist das Schlüsselproblem
Aus verkehrstechnischer Sicht ist der Vorschlag nicht abwegig, aber er hat konkrete Engstellen. Die Trassierung sieht in mehreren Abschnitten einen eigenen Bahnkörper vor, der jedoch in Teilen den Wegfall einer Fahrspur pro Richtung erfordern würde, etwa auf der Poppenreuther Straße und der Kapellenstraße. Im Bereich der Fürther Innenstadt müssten auf der Herrnstraße Parkplätze entfallen, um Platz für den Gleiskörper zu schaffen. Kein technisches Hindernis, aber ein politisches: Parkraumverluste und veränderte Verkehrsführungen sind in beiden Städten erfahrungsgemäß sensible Themen.
Die Anbindung an das bestehende Nürnberger Netz ist dagegen prinzipiell lösbar: Die Wendeschleife bei Westfriedhof soll laut Vorschlag für Verstärkerfahrten und Störungsfälle erhalten bleiben. Als neue Abstellanlage ist ein Standort in der Nähe der Haltestelle Weikershof vorgesehen; einen eigenen Betriebshof würde man nicht bauen. Ein technisch nüchterner Ansatz — aber auch einer, der die Kapazitätsgrenzen des bestehenden Nürnberger Netzes nicht außer Acht lassen darf.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem der Finanzierungssystematik, das die Initiative „Zurück auf Los" selbst benennt: Die Fördergelder für den Frankenschnellweg sind zweckgebunden und stehen nicht automatisch für andere Projekte zur Verfügung. Ein Projektstopp würde also nicht bedeuten, dass Nürnberg plötzlich eine Milliarde Euro frei einsetzen könnte. Allerdings weist die Initiative darauf hin, dass es eine politische Entscheidung auf Landesebene sei, wofür Fördergelder ausgezahlt werden — etwa für den Neu- und Ausbau von Straßenbahnen oder für Straßenbauprojekte.
Der Nürnberger ÖPNV plant — aber woanders
Unabhängig vom Frankenschnellweg-Streit hat die VAG bereits eine ambitionierte Straßenbahnerweiterungsagenda. Aktuell laufen drei Streckenneubauten: Die Wiederinbetriebnahme der Straßenbahnlinie 7 über den Rathenauplatz hinaus bis zum Stadtpark soll voraussichtlich Ende November/Anfang Dezember 2026 in Betrieb gehen. Im Süden wird die Straßenbahnlinie 4 ab der Endhaltestelle Gibitzenhof über die Diana- und Minervastraße bis zum Anschluss an die Linie 5 in der Julius-Loßmann-Straße verlängert. Dazu kommt die Verlängerung in Richtung Lichtenreuth, für die die überarbeiteten Planfeststellungsunterlagen im September 2025 bei der Regierung von Mittelfranken eingereicht wurden.
Eine Straßenbahnstrecke nach Fürth taucht in dieser Prioritätenliste nicht auf. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) nennt eine Verbindung Westfriedhof – Poppenreuth – Fürth Rathaus zwar als zu prüfende Option, aber ausdrücklich als ein Vorhaben über den Nahverkehrsentwicklungsplan 2025 hinaus. Das ist planungspolitisch eine klare Aussage: Die Tram nach Fürth ist eine Idee für übermorgen — nicht für heute.
Auch die StUB steht unter Druck
Als Vergleichsprojekt für großräumige Straßenbahnerweiterungen in der Metropolregion wird häufig die Stadt-Umland-Bahn (StUB) angeführt, die Nürnberg, Erlangen und Herzogenaurach verbinden soll. Doch auch dieses Vorhaben illustriert vor allem, wie lang und politisch unsicher solche Infrastrukturprojekte sind. Nach aktuellem Stand sollen die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren des ersten Abschnitts ab 2026 eingereicht werden. Ab Mitte 2028 könnte dann abschnittsweise mit dem Bau ab Nürnberg begonnen werden. Die Inbetriebnahme ist für 2031 angestrebt.
Hinzu kommt eine neue politische Dimension: Bei der Erlanger Oberbürgermeister-Stichwahl am 22. März 2026 setzte sich Jörg Volleth (CSU) mit 51,4 Prozent gegen Amtsinhaber Florian Janik (SPD) durch. Seit dem 1. Mai 2026 ist Volleth Oberbürgermeister. Volleth ist ein erklärter Kritiker der StUB: Die CSU-Fraktion hatte bereits vor der Wahl beantragt, die StUB-Kosten im Haushaltsplan 2026 auf Null zu stellen, und ein Moratorium der Planungen gefordert. Ob und in welchem Umfang er als neuer OB tatsächlich einen Planungsstopp durchsetzen kann, war zum Redaktionsschluss dieses Artikels noch offen. Was feststeht: Das vermeintlich gesicherte Referenzprojekt für ÖPNV-Ausbau in der Region steht selbst unter erheblichem Druck.
Was der Vorschlag trotzdem leistet
Auch wenn die Straßenbahn Fürth–Nürnberg auf absehbare Zeit keine fertige Alternative zum Frankenschnellweg-Tunnel ist, verdient der Linie-Plus-Vorschlag eine sachliche Einordnung. Er zeigt, dass der Planungskorridor prinzipiell vorhanden ist, dass beide Städte die Idee im Rahmen ihrer Mobilitätskonzepte zumindest als schützenswerte Option betrachten, und dass eine grenzüberschreitende Straßenbahn in der Metropolregion keine verkehrstechnische Phantasie wäre.
Was der Vorschlag nicht leistet: Er ist kein gleichwertiger Ersatz für eine Kapazitätserhöhung auf dem Frankenschnellweg — einem Korridor, der primär dem motorisierten Individualverkehr und dem Lkw-Transitverkehr dient. Eine Tram erschließt neue Räume und kann Pendlerströme auf den ÖPNV verlagern — aber sie löst keine Staupunkte auf bestehenden Straßen, wenn die Nachfrage dort strukturell vorhanden bleibt.
Der eigentliche Wert der Diskussion liegt woanders: Im Zuge des Bürgerentscheids — dessen Ergebnis am 28. Juni 2026 vorliegen wird — wird erstmals in der jüngeren Stadtgeschichte eine breite Öffentlichkeit dazu gebracht, Verkehr nicht als gegebene Infrastrukturgröße zu betrachten, sondern als politische Entscheidung. Welche Mobilität Nürnberg und seine Nachbarstadt Fürth wollen, ist eine Frage, die auf Linie Plus schon eine Weile diskutiert wird. Jetzt stellt sie sich im Wahllokal.
Faktenkasten: Was ist Linie Plus?
Linie Plus (linieplus.de) ist eine deutschsprachige Online-Plattform, auf der Bürgerinnen und Bürger eigene Vorschläge für den öffentlichen Nahverkehr einreichen, kartieren und kommentieren können. Die Vorschläge haben keinen offiziellen Status und entstammen keiner behördlichen Planung. Sie dienen als Diskussions- und Ideenforum für ÖPNV-Interessierte.




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