Titus Schüller (Die Linke) zur Kommunalwahl 2026: „Wohnen ist kein Geschäftsmodell“
- Kevin Kienle

- 24. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Steigende Mieten, schleppende Verkehrswende, Prestigeprojekte in der Kritik: Im Gespräch mit The Nuremberg Times erklärt Linken-Fraktionschef Titus Schüller, warum er erneut für den Stadtrat kandidiert – und als Oberbürgermeister antreten will. Es ist ein Interview über soziale Gerechtigkeit, politische Glaubwürdigkeit und die Frage, wem diese Stadt gehört.
„Einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung“
Als Titus Schüller über Wohnen spricht, wird er grundsätzlich. Die Zahlen, die er nennt, sind politisch aufgeladen: Über 60.000 sozial gebundene Wohnungen habe es in Nürnberg einst gegeben, heute seien es noch rund 18.000 . Für den Fraktionsvorsitzenden der Linken ist das kein statistischer Befund, sondern ein strukturelles Versagen.
Das Kernproblem liege im System: Sozialwohnungen fielen nach Ablauf der Bindung in den freien Markt zurück. „Einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung“ – diese bundespolitische Forderung wiederholt Schüller auch mit Blick auf die Kommune .
Seine Strategie ist zweigleisig:
Neubau in öffentlicher oder genossenschaftlicher Hand.Neue Sozialwohnungen sollen primär durch die städtische Wohnungsbaugesellschaft (wbg) oder Genossenschaften entstehen . Private Investoren sieht Schüller kritisch – nicht nur wegen Renditeinteressen, sondern auch wegen der Grundstückspreise, bei denen Genossenschaften häufig unterliegen.
Konsequente Kontrolle im Bestand.Die Mietpreisbremse und das Verbot überhöhter Mieten würden in Nürnberg zu wenig kontrolliert, kritisiert er . Eine Miete, die mehr als 20 Prozent über dem Mietspiegel liegt, sei eine Ordnungswidrigkeit; bei 50 Prozent spreche man von Mietwucher – einer Straftat .
Auch beim Zweckentfremdungsverbot – gegen Leerstand und Airbnb – sieht er Vollzugsdefizite, unter anderem wegen Personalkürzungen .
Sein Ton ist konfrontativ: „Miethaie aus der Stadt jagen“ – dieser Slogan sei wörtlich gemeint . Die Linke, so Schüller, verstehe sich als Partei „für Recht und Ordnung für Mieterinnen und Mieter“ .
Verkehr: Tempo statt Symbolpolitik
Beim Thema Verkehr widerspricht Schüller der Zuschreibung, die Linke wolle „radikale“ Veränderungen. Ihm gehe es nicht um Ideologie, sondern um Umsetzungsgeschwindigkeit .
Ein Beispiel ist der geplante Radring um die Altstadt, der bis 2026 realisiert sein sollte – bislang jedoch nicht umgesetzt wurde . Der Vorwurf richtet sich weniger an Beschlüsse als an deren Vollzug.
Den Ausbau des Frankenschnellwegs lehnt er ab. Das Projekt sei „aus dem vergangenen Jahrtausend“ . Statt milliardenschwerer Tunnelprojekte plädiert er für:
Optimierte Ampelschaltungen
Ausbau des ÖPNV
Schnellere Anbindung neuer Stadtteile wie Lichtenreuth per Straßenbahn
Für Schüller ist die Verkehrswende auch eine Flächenfrage: zu viele „Standzeuge“ blockierten öffentlichen Raum .
Wirtschaft: Innovation ja – aber dem Gemeinwohl verpflichtet
Nürnberg sei heute wirtschaftlich breiter aufgestellt als früher, sagt Schüller . Die neue Universität könne zusätzliche Innovationsimpulse bringen. Als IG-Metall-Mitglied sieht er in der industriellen Transformation sowohl Risiko als auch Chance .
Doch er setzt einen normativen Rahmen: Wirtschaft habe „den Menschen zu dienen und nicht umgekehrt“ .
Für die Innenstadt plädiert er für gemischte Nutzung: weniger reine Verkaufsflächen, mehr Wohnen in oberen Geschossen, mehr konsumfreie Aufenthaltsorte . Gleichzeitig räumt er ein, dass viele Entscheidungen bei privaten Eigentümern liegen.
Prestigeprojekte unter Beschuss
Schüller positioniert sich klar gegen kostspielige Großprojekte. Kritik übt er unter anderem an:
der Landesgartenschau (grundsätzlich skeptisch bewertet)
dem Frankenschnellweg
der teuren Opern-Ausweichspielstätte
Letztere sei so kostspielig geworden, dass die Sanierung des historischen Opernhauses nun in Frage stehe .
Im Schul- und Kulturbereich fordert er einen Perspektivwechsel: weniger architektonischer Perfektionismus, mehr Fokus auf Inhalte und Arbeitsbedingungen . Kulturpolitik dürfe nicht zur Baupolitik verkommen .
Sozialticket und Vertrauensfrage
Besonders verärgert zeigt sich Schüller über die Erhöhung des Sozialtickets. Man habe vereinbart, dass dessen Preis maximal im gleichen Prozentsatz steige wie das Deutschlandticket . Stattdessen sei der Preis innerhalb eines Jahres von 19 auf 30 Euro gestiegen – eine Erhöhung um 58 Prozent .
Für Haushalte mit geringem Einkommen sei das spürbar. Hier sieht er einen Bruch politischer Vereinbarungen – und einen Vertrauensverlust.
Nähe zu den Menschen – als Praxis, nicht als Parole
Einmal pro Woche bietet Schüller eine Sozial- und Wohngeldberatung an . Das sei nicht nur Hilfeleistung, sondern politisches Sensorium.
Rund 25 Prozent der Nürnberger Bevölkerung seien von Armut bedroht oder betroffen . Diese Menschen hätten oft weder Zeit noch Ressourcen, ihre Interessen lautstark zu vertreten.
Kommunalpolitik müsse hier ansetzen – nicht nur rhetorisch.
Warum ihn junge Menschen wählen sollten
Schüller formuliert drei Kernargumente:
Bezahlbares Wohnen als Grundrecht
Konsequente Verkehrswende statt Ankündigungspolitik
Unabhängigkeit von Unternehmensspenden und Aufsichtsratsmandaten
Seine Schlussformel ist programmatisch: Gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck brauche es klare soziale Antworten .
Einordnung
Titus Schüller steht für eine konfrontative, sozialpolitisch klar positionierte Kommunalpolitik. Seine Kampagne setzt auf Mietenregulierung, öffentliche Daseinsvorsorge und Distanz zur Wirtschaftslobby.
Ob dieser Kurs 2026 mehrheitsfähig ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie stark das Thema Wohnen die Wahl prägt – und ob es der Linken gelingt, soziale Fragen wieder ins Zentrum der Stadtpolitik zu rücken.




Kommentare